Die Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich getrauert wurde und wird. Foto: Susanne Müller-Baji

Die „TrauerRäume“ im Historischen Leichenhaus auf dem Pragfriedhof sind Ausstellung und Trost. Die Stationen bilden einen Trauerpfad, der bei aller Beklemmung Trost spenden kann.

Stuttgart-Nord - In den „TrauerRäumen“ geht es um Leben und Tod – buchstäblich: Im Historischen Leichenhaus auf dem Pragfriedhof erinnern einerseits ausgewählte Exponate an die Bestattungskultur von einst. Andererseits bilden die Stationen einen Trauerpfad, der bei aller Beklemmung Trost spenden kann, vor allem aber mahnt: „Du sollst leben!“

Natürlich kann man in das Historische Leichenhaus auch vom Hauptweg aus gelangen und die Räume rechterhand wie eine Ausstellung zur Bestattungskultur betrachten. Besser aber ist es, um das Gebäude herumzugehen und es durch den rückwärtigen Eingang zu betreten: In dieser Richtung verläuft der eigentliche Trauerpfad, und es wird aus konzeptionellen Gründen empfohlen, ihn bis zum Schluss zu gehen. Allerdings: „Liegt der Tod eines nahestehenden Menschen noch nicht lange zurück, so sollten Besucher nicht alleine durch die TrauerRäume gehen, sondern eine vertraute Person mitnehmen oder die Mitarbeiter ansprechen“, warnt das Schild noch.

Das geht über den Tod hinaus

Und Beklommenheit befällt einen schon in der kleinen Zusatzausstellung „Einblicke – Kinder zeigen ihre Trauer“. Die Kindertrauergruppe des Karlsruher Hauptfriedhofs hat dabei aufgeschrieben und gemalt, wie es ist, mit dem Schmerz weiterzuleben. Wenn die Mutter immer weint, wenn in der Familie keiner mehr über den Bruder reden kann und die Mitschüler auf Distanz gehen, weil man sich verändert hat. Ein Kind hat zwei Vögel gemalt, „ich“ und „Papa“, dazwischen verläuft eine schwarze Trennlinie: „Ich kann einfach nicht durch die Wand um Tschüss zu sagen“, hat es darunter geschrieben.

Dann geht es hinein ins Historische Leichenhaus und man findet sich unversehens im Sprechzimmer einer Arztpraxis wieder: Mit der Diagnose endet abrupt „Unser gemeinsames Leben“, wie der erste meditative Text von der Sozialpädagogin und Trauerbegleiterin Barbara Kieferle-Stotz überschrieben ist. Von nun an gibt es an jeder Station zwei Texte, aus der Sicht des Sterbenden und aus der Sicht des Überlebenden. Das geht über den Tod hinaus und wird schließlich – später – zu einem tröstlichen Dialog.

Gleichzeitig zeichnen die Räume die Phasen der Trauer nach und regen zum Mitmachen an: niederzuschreiben, was man dem Toten so gerne noch gesagt hätte, und auf dem Sarg zurücklassen. Notieren, welche Floskel man auf der Beerdigung lieber nicht gehört hätte, für was man dankbar oder warum man so wütend ist. Damit man es hinter sich lassen kann. Der letzte TrauerRaum bildet eine Wohnung nach: Das Leben soll nun weitergehen, dabei liegt doch ein Grabkreuz mit der Aufschrift „Es ist wahr“ im Doppelbett.

Man atmet tief durch und die Vögel singen

„Es ist nur eine Frage der Zeit“, steht in Frakturschrift an der Wand, bevor man das historische Gebäude verlässt – schwer zu sagen, ob das als Trost gemeint ist. Der Trauerpfad aber geht weiter und hat dort draußen auch die Anmutung eines Sinnesgartens: Ein mäandernder Weg aus unterschiedlichen Untergründen, sorgfältig ausgewählte Blumen – Akelei steht für Weisheit und Demut, Iris für Glaube und Tapferkeit, so die Schilder. Mit dabei sind auch die meditativen Texte, die zur vertrauten Zwiesprache geworden sind: „Ich bin bei dir!“ sagt der geliebte Mensch von jenseits des Todes, und: „Du sollst leben!“

Und das nimmt man mit aus den „TrauerRäumen“, egal ob man selbst gerade trauert oder nicht: Man atmet tief durch, die Vögel singen und der Stau auf dem Heimweg ist nur noch halb so schlimm. Weil es so ein Glück ist, zu leben.

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