Peter Zydel war 25 Jahre Stadtrat in Gerlingen. Der Weg in seine neue Heimat begann 1965 mit einem großen Wagnis.
Wenn jemand sich in eine neue, ihm eigentlich unvertraute Aufgabe stürzt, sagt man, es sei ein Sprung ins kalte Wasser. Peter Zydel sprang vor 59 Jahren tatsächlich – in die Ostsee. Kaum anzunehmen, dass ihn danach noch etwas schrecken konnte. Und vielleicht wurzelt auch seine Gelassenheit und versöhnliche Art, mit der er 25 Jahre lang den Gerlinger Gemeinderat mitgeprägt hat, in diesem dramatischen Lebensereignis.
Ein Vierteljahrhundert saß Zydel für die FDP im Gemeinderat. Diesen Sommer war Schluss. In der neuen Amtsperiode sollten, so der Liberale, Jüngere an seine Stelle rücken. Zydel habe in dieser Zeit, betonte Bürgermeister Dirk Oestringer bei dessen Verabschiedung im Juli, „Gerlingen zu einer besseren, lebenswerteren Stadt gemacht“.
Leistungssportler in der DDR
Ein Rückblick auf sein eigenes Leben, der beginnt für den ehemaligen Leistungssportler immer mit diesem Sprung im August 1965. Damals ist der heute 81-Jährige ein junger Mann, der in der DDR ein ums andere Mal aneckt. „Die Stasi“, erzählt er auf dem sonnigen Balkon seiner Gerlinger Wohnung, „hatte mich auf dem Kieker.“
Als erfolgreicher Handballer wird Zydel, der in Breslau geboren wurde, im Arbeiter- und Bauernstaat zwar gefördert. Doch weil er es nicht lassen kann, bei Turnieren, an denen auch Mannschaften aus dem Westen teilnehmen, mit den imperialistischen Feinden ganz unbefangen umzugehen, gerät er bald unter Beobachtung.
Vom besten Freund an die Stasi verraten
Es folgen eine Lehre zum Elektriker und der Wehrdienst bei der Marine der Volksarmee. Die bildet das inzwischen 22-jährige Kraftpaket zum Kampfschwimmer aus – was sie vermutlich im Rückblick bereut hat. „Ich war naiv und erwähnte beim Bier gegenüber meinem damals vermeintlich besten Freund, dass ich die DDR für ein großes Gefängnis halte“, erinnert sich Zydel.
Der Freund entpuppt sich als IM der Stasi. Nur weil sein Beobachtungsschiff am selben Abend ausläuft, kann die Staatssicherheit nicht sofort zugreifen. Ein Funker warnt Zydel noch auf See. Es folgt der Sprung ins kalte Wasser, kurz vor Mitternacht, aus Angst vor der Stasi, wie er sagt. „Dreieinhalb Stunden bin ich geschwommen, dann habe ich die dänische Küste erreicht“, erzählt Zydel. Ein Thermoanzug sorgt dafür, dass er im Ostseewasser nicht unterkühlt.
Seine Reise in die Freiheit führt Zydel über Flensburg nach Stuttgart, wo ein Onkel lebt. Als Elektriker findet er bald Anstellung, lernt in der Firma seine Frau Gisela kennen und baut später in Gerlingen ein Haus. „1977 habe ich hier meine neue Heimat gefunden.“ Und weil die Firma, bei der er angestellt ist, 1982 in Konkurs geht, gründet er kurzerhand selbst ein Elektrounternehmen und übernimmt einen Teil des Kundenstamms seines alten Arbeitgebers. Vielleicht die zweite glückliche Kurzschlusshandlung in seinem Leben.
Ehrenamtliches Engagement ist für Zydel selbstverständlich
Obwohl der Sportler Zydel eine Zeit lang auch die Handball-Mädchen des TUS Stuttgart trainiert, war er auch im SV Gerlingen als Konditionstrainer zuständig. Ehrenamtliches Engagement – für Zydel ist das selbstverständlich. Doch er sagt auch: „Heute muss man das Ehrenamt noch mehr fördern und Engagement mehr würdigen, sonst geht es nicht.“
Seine Karriere als Stadtrat beginnt Zydel als Georg Brenner 1999 neuer Bürgermeister in Gerlingen wird. „Zuerst“, erzählt er, „war ich in der FDP Einzelkämpfer.“ Liberale Positionen, ja. Doch von Anfang an sei ihm zum Beispiel auch wichtig gewesen, „dass Gerlingen nicht zubetoniert wird“.
„Ich war immer gegen Flächenverbrauch“, sagt er ganz unliberal. Auch dass Zydel zuletzt im Sozialausschuss des Gemeinderats tätig war, ist kein Zufall: „Wir Stadträte müssen für alle da sein, nicht nur für eine Klientel“, sagt Zydel, der für sein Engagement in Gerlingen schon vielfach geehrt wurde. Oestringer unterstreicht denn auch, dass die Gremien stets davon profitiert haben, dass Zydel ein großes Talent dafür hat, „Brücken zu bauen und Verbindungen zu schaffen“.
Brücken bauen und Verbindungen schaffen
Auch die Mitbegründung des Weltladens in Gerlingen, eines von Zydels „Lieblingskindern“, dürfte ein Beleg dafür sein, dass für den Sportler liberal und sozial zwei Seiten derselben Medaille sind. Eine Haltung, mit der er neben FDP-Stadträtin Annette Höhn-Thye im Gemeinderat Jahre lang erfolgreich ein homogenes gemischtes Doppel gebildet hat.
Zydels Platz neben Höhn-Thye nimmt in Zukunft die ehemalige Elternbeiratsvorsitzende am Gerlinger Robert-Bosch-Gymnasium, Martina Merchant, ein. Um im Bild zu bleiben: Aus dem gemischten FDP-Doppel wird durch Zydels Rückzug künftig ein reines Damendoppel. Die Gemeinderatsarbeit will der 81-Jährige von den Zuschauerrängen weiter aufmerksam verfolgen.