Stück für Stück knabbert der Bagger den einst 26 Meter hohen Kamin ab. Foto: Horst Rudel

Die ehemalige Spinnweberei Rothschild in Uhingen ist seit Dienstag Geschichte. Was auf dem zentrumsnahen Areal entstehen soll, darüber möchte die Stadtverwaltung mit den Einwohnern sprechen. Erste Ideen gibt es bereits.

Uhingen - Der Baggerarm zerbröselt den 26 Meter hohen Kamin, als wäre er aus Zucker. Am Dienstagmorgen wurde der Schornstein aus dem Jahr 1894 als letztes Überbleibsel der einstigen Uhinger Spinnerei Rothschild Meter für Meter abgetragen. Im Januar wurde mit den Abrissarbeiten auf dem 1,2 Hektar großen Areal begonnen. Bis Anfang April soll noch ein benachbartes Wohnhaus, das ebenfalls zu dem Grundstück gehört, abgerissen werden. Die Kosten für die Arbeiten beziffert die Stadt auf 591 000 Euro.

Die Einwohner sollen mitentscheiden

Was aus dem Grundstück in der Ulmer Straße – in der Nähe des Bahnhofs und am Rand der Stadtmitte gelegen – werden soll, darüber möchte die Stadtverwaltung von Mai an mit dem neu gewählten Gemeinderat sowie mit der Einwohnerschaft sprechen. Der Bebauungsplan muss neu aufgestellt werden. „Es ist ein wichtiges Grundstück, mir geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit“, betont der Bürgermeister Matthias Wittlinger. Wie die Bürgerbeteiligung genau aussehen könnte, ist noch unklar.

Erste Ideen für die künftige Nutzung gibt es bereits. Sie speisen sich aus dem „Stadtentwicklungskonzept 2030“. Der soziale Wohnungsbau spielt in den bisherigen Überlegungen ebenso eine Rolle wie eine weitere Sporthalle. Doch auch Einzelhandel und Parkplätze sind vorstellbar. „Die Inhalte zum Konzept werden wir nun Schritt für Schritt erarbeiten“, erklärt der Bürgermeister Wittlinger.

Durch die Nähe der nun freien Fläche zum Sanierungsgebiet Oberdorf hofft das Rathaus außerdem auf Fördergelder für die weitere Entwicklung. Immerhin bestehe durch einen neu geschaffenen Steg für Fußgänger und Radfahrer zwischen der Moltkestraße und der Wilhelmstraße eine direkte Verbindung zwischen dem Stadtzentrum und dem Oberdorf. Das bedeute, dass bei der Neukonzeption auf dem Areal der Spinnweberei wichtige Anknüpfungspunkte zum Bereich Oberdorf entstehen.

„Eine wunderbare Chance“

Gegründet wurde das Unternehmen einst als Mechanische Weberei M. Rothschild & Söhne. Die jüdische Familie musste es 1936 unter Wert an die Firma Walter Otto in Klingenstein verkaufen. Die Besitzer wanderten in die USA aus. Erst 1950 kam das Unternehmen wieder in den Besitz der Familie Rothschild. Im Jahr 2013 musste die Spinnerei Insolvenz schließlich anmelden. Sie wurde von der Karlsruher Firma Ettlin Textiles gekauft, die den Betrieb als SWU Technical Fabrics noch rund vier Jahre, bis 2017, weiterführte.

Nachdem der Betrieb in der Spinnweberei im April 2017 eingestellt wurde, hat die Stadt das Gelände für 2,3 Millionen Euro gekauft. „Es ist eine wichtige Fläche. Das ist eine ganz wunderbare Chance“, sagt Nicole Schmid, die auf dem Uhinger Rathaus für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Gleichzeitig sei man jedoch auch ein wenig betrübt, dass die Fläche durch das Ende der einstigen Spinnweberei frei geworden sei, fügt sie hinzu. „Die Insolvenz des Traditionsunternehmens war ein herber Schlag, da viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben.“ Dem zunehmenden Preisdruck und den steigenden Energiepreisen habe die Firma in den vergangenen Jahren aber nicht mehr standhalten können.

Bis zum Ende der Produktion war auch der nun abgerissene Kamin in Betrieb. Es sei Kohle- und Ölrauch durch den Schornstein abgeleitet worden, erklärt der für den Abriss verantwortliche Bauleiter Gerrit Marius Klaus. Eine Sprengung sei wegen der Gefahr herumfliegender Steine nicht in Betracht gezogen worden. Auch ein Anbaggern auf Bodenhöhe mit einem anschließenden Sturz des Kamins sei aus Sorge vor fliegenden Steinen nicht erfolgt. Deshalb stand der Kamin auch noch als letztes Bauwerk, als m alle anderen Gebäude – abgesehen von dem Wohnhaus – bereits abgerissen worden waren. Das meterweise Abtragen der Steine sei die schonendeste und ungefährlichste Methode, meint Klaus. Damit der Bagger mit seinem Arm auch sicher bis an die Spitze des Kamins kommt, musste eine Rampe aufgeschüttet werden. Ob sich in dem Kamin Schadstoffe befänden, das werde vor einer Entsorgung untersucht, versichert der Bauleiter.

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