Noch ist die Esslinger Straße zwischen dem Breuninger-Parkhaus und dem Bohnen­viertel eine Baustelle. Hier sollen künftig täglich bis zu 4000 Fahrzeuge umgeleitet werden. Foto: Andreas Engelhard

Ein Mobility Hub soll den Verkehr der Zukunft in Stuttgart lenken. Dafür wird bald das Breuninger-Parkhaus abgerissen und ein Seitenstreifen der B 14 über die Esslinger Straße umgeleitet. Die Bäckerei Nast kritisiert nun, dass der geplante Neubau schwere Mängel aufweise.

Was auf sie zukommt, wenn in Stuttgart wegen des Abrisses des Breuninger-Parkhauses der Verkehr von einem Seitenstreifen der B 14 auf die Esslinger Straße führt, wissen die Menschen im Bohnenviertel noch nicht so recht. Stadtplaner rechnen auf der Umleitung mit bis zu 4000 Fahrzeugen am Tag. Wird den Anwohnern und Ladenbesitzern das pure Chaos vor die Haustür gesetzt? Die Sorge ist groß, dass schlimme Jahre folgen, wenn auf einer riesigen Baustelle neben dem Haus für Film und Medien ein neuer Mobility Hub entsteht.

 

Mobility Hubs, ein Zauberwort der neuen Zeit, breiten sich bundesweit vor allem in Großstädten aus. Unter diesem Begriff versteht man einen Knotenpunkt, an dem verschiedene Fortbewegungsmittel miteinander verbunden sind. Der öffentliche Nahverkehr soll an diesem zentralen Ort halten, aber auch für Fahrräder und E-Scooter ist Platz vorhanden. Auch wenn starke Kräfte im Stuttgarter Gemeinderat Autos am liebsten aus dem inneren Zirkel einer City verbannen würden, sind sie noch nicht ganz abgeschrieben: Sie dürfen, bevorzugt in der elektrisch betriebenen Version, im Hub beim Breuninger parken.

Bettina Kasper, die 1996 die Bäckerei und Konditorei Nast samt Café, das 1902 gegründete Traditionshaus, von ihrem Vater übernommen hat, hielt es für einen schlechten Witz, als sie erfuhr, wie hoch die Zufahrt zum Parken im neuen Mobility Hub sein wird. Die Sprinter ihrer Firma kommen da nicht rein!

Die Backstube befindet sich direkt hinter dem Stammhaus von Nast an der Esslinger Straße. Die Mitarbeiter beliefern von hier aus sechs Fachgeschäfte, darunter das Rathaus-Café und das Café Sporer, mit schwäbischen handgeschlungenen Laugenbrezeln, Premium-Broten, aber auch mit Geschenk- und Hochzeitstorten. Der Plan der Nast-Chefin war, dass sie die Transporter ihrer Bäckerei auf E-Mobilität umstellt und die Fahrzeuge nachts in der neuen Tiefgarage des Mobility Hubs parken und aufladen kann.

Was sich nach einer guten Idee für ein Verkehrsvorzeigeprojekt der Zukunft anhört, so weiß Bettina Kasper nun, lässt sich nicht umsetzen. Denn ihre Sprinter mit einer Höhe von etwa 230 Zentimetern können nicht in den Hub hineinfahren. Da auch Parkplätze an der Straße verschwinden sollen, weiß die Bäckerei-Chefin nun nicht mehr, was sie mit ihren Lieferfahrzeugen tun soll, ob beim Parken oder beim Anliefern. Anderen Handwerkern gehe es genauso, so die Nast-Chefin.

Ein Schildbürgerstreich?

Haben die Planer einen unfreiwilligen Schildbürgerstreich vorbereitet, der sich erst jetzt offenbart? „Es trifft zu, dass die Einfahrtshöhe des Mobilitäts-Hubs auf 210 Zentimeter beschränkt ist“, bestätigt Jochen Merkle von der Agentur PresseCompany, die von der Stadt und von Breuninger für die Pressearbeit beauftragt ist, gegenüber unserer Zeitung.

Warum man die Zufahrt nicht höher baut? „Durch die Innenstadtlage und dem damit einhergehende Beschränkungen aus dem Bebauungsplan sowie wegen des Heilquellenschutzgebietes dort ist es nicht möglich, tiefer zu gründen“, antwortet Merkle. Dieses Argument überzeugt Bettina Kasper freilich nicht: „Man könnte den Hub weiter in die Höhe bauen – es geht ja nur um wenige Zentimeter.“ Noch viel mehr Gewerbetreibende des Bohnenviertels seien von dieser Fehlplanung betroffen und wüssten nun nicht, wohin sie mit ihren Firmenfahrzeugen sollten.

Breuninger plant im Hub 480 Stellplätze

Hinzu kommt, dass beim Café Nast Parkplätze verschwinden und Aufladestationen abgebaut werden. „Wegen der Planungen für den Mobilitäts-Hub mussten die beiden bestehenden Ladesäulen an der Esslinger Straße rückgebaut werden“, erklärt Jochen Merkle. Ein Ersatzstandort sei nun auf der Katharinenstraße gefunden, ein weiterer werde entwickelt. Außerdem nennt er folgende Zahl: „Breuninger plant im Hub 480 Stellplätze.“ Eine Vielzahl an AC- und DC-Ladesäulen zum Stromtanken sei vorgesehen. Öffentlich zugängliche Ladepunkte im Straßenraum befinden sich momentan etwa auf der Hauptstätter Straße, Wilhelmstraße, Dorotheenstraße sowie am Charlottenplatz.

Was das Projekt „Lebenswerte Innenstadt“ für Autos bedeutet

Der Sprecher für Stadt und Breuninger verweist darauf, dass das Gebiet westlich der Hauptstätter Straße innerhalb des City-Rings liege und somit zum Projekt „Lebenswerte Innenstadt“ gehört. Dies bedeute, dass die oberirdischen PKW-Stellplätze „schrittweise rückgebaut“ werden. „Das Laden von Elektrofahrzeugen soll dort hauptsächlich in den Parkierungseinrichtungen stattfinden, in denen unter anderem durch die Landesförderung Ladepunkte aufgebaut werden“, sagt Merkle.

In dem Gebiet östlich der Hauptstätter Straße gibt es nach seinen Worten „nur sehr begrenzt öffentliche Stellplätze am Straßenrand“. Zahlreiche Straßen seien nämlich Fußgängerzonen. In einer kommenden Ausbaustufe werde man weitere Standorte für Ladesäulen im Straßenraum prüfen. Dabei wolle man an einigen Plätzen auch die Erreichbarkeit für auf Güterbeförderung ausgelegte N1-Fahrzeuge (schwerer als zwei Tonnen) durch eine längere Markierung gewährleisten, erklärt Merkle.