Nach einer angekündigten Abräumaktion an der Urnenwand sind Angehörige auf dem Kleinfeldfriedhof verärgert. Mit einer Unterschriftenliste fordern sie, dass kleine Dekos möglich sind.
Arnold Sendersky ist kein Mensch mit aufbrausendem Charakter. Zurückhaltend wirkt der Mann aus Fellbach. Mit leiser Stimme schildert er sein Anliegen, obwohl man spürt, dass es ihn innerlich aufwühlt. Er steht an der Urnenwand des Kleinfeldfriedhofs und zeigt auf dunkle Flecken unterhalb des Grabes seiner Frau. „Das sind Wachsflecken“, sagt er, „sie stammen von den Grablichtern, die hastig weggeräumt wurden, obwohl sie noch nicht abgebrannt waren.“
Sendersky stellt regelmäßig ein Grablicht unter die Ruhestätte seiner verstorbenen Frau Estrella. Sie wurde hier 2024 beigesetzt. Regelmäßig lande das Licht jedoch möglichst schnell von den Friedhofsmitarbeitern im Abfall. Die Grabkerze ist zum Symbol geworden, für einen Streit, der auf dem Kleinfeldfriedhof entbrannt ist.
Angehörige fühlen sich übergangen von der Art und Weise, wie die Friedhofsordnung seit diesem Frühjahr umgesetzt wird. Auf Plakaten wurde Anfang des Jahres von der Stadtverwaltung aufgefordert, dass bei „pflegefreien Grabstätten“ – wie Urnenwand und Baumreihengrab – abgestellte Gegenstände entfernt werden sollten. Bis zum 1. März hätten Angehörige Zeit, den Schmuck abzuräumen. Danach würden Dekorationen von den Mitarbeitern der Verwaltung entfernt. Eine längere Erklärung ging dem Voraus, dass eine Beisetzung in einer Urnenwand eine „bewusste Entscheidung für eine Bestattungsform“ sei, bei der die Pflege bei der Stadtverwaltung liege. Eine Urnenwand und ein Baumreihengrab könnten „grundsätzlich nicht individuell verändert werden“.
Arnold Sendersky und andere Angehörige, die den Kleinfeldfriedhof besuchen, haben das Plakat gelesen. Aber dass die Vorgabe so konsequent umgesetzt worden sei, das habe sie bestürzt. Arnold Sendersky und Heidi Grau zeigen Bilder, wie schön sie die Grabstätten an der Urnenwand mit roten Rosen oder roten Veilchen früher dekoriert hatten. Im vergangenen Jahr hätte er sich die Urnwenwand angeschaut und sich gerade wegen des liebevollen Schmucks für diese Bestattung entschieden, sagt Sendersky. Seit Jahren sei das Usus gewesen, dass dort individuelle Erinnerungsstücke platziert worden seien.
Auf Nachfrage räumt das Presseamt ein, dass die Stadtverwaltung „bisher in einem gewissen Rahmen individuelle Möglichkeiten des Gedenkens zugelassen“ habe. Allerdings hätten sich die Beschwerden über ein Zuviel an Blumen, Kerzen oder anderen Dingen gehäuft. Diese Gestaltung beeinträchtigte andere Angehörige, die mit der Auswahl dieser Bestattungsart eine andere Intention verfolgt hätten. Außerdem beschädigten fest angebrachte Gegenstände oder auch Kerzenwachs die Columbarien.
Der Runde Tisch Friedhof, in dem sich die Stadtverwaltung mit Kirchen und Bestattern austauscht, habe im vergangenen Jahr beschlossen, den Rahmen der Bestattungsarten „wieder etwas klarer zu setzen“. Dies sei „transparent und mit einem langen zeitlichen Vorlauf“ erfolgt. Die Stadtverwaltung habe unter anderem sechs Wochen, bevor Gegenstände, Kerzen und Halterungen von den Columbarien entfernt wurden, über Aushänge an den Friedhöfen sowie über Plakate in Sichtweite der Urnengräber informiert. Grundsätzlich hätten die Mitarbeiter, die die Gegenstände abgeräumt hätten, diese aufbewahrt. „Eine Rückgabe an die Angehörigen in den kommenden Wochen ist daher noch möglich“, heißt es vonseiten der Stadt.
Wie viel Dekoration ist auf dem Friedhof okay? Diese Debatte wird auch in anderen Städten geführt. Einen Aufschrei in der Öffentlichkeit hatte etwa die Ankündigung der Stadt Mendig ausgelöst, dass sie Deko von Urnengrabfeldern räumen lasse, berichtete die Rhein-Zeitung. Friedhofsbräuche ändern sich und führen offensichtlich zu neuen Vorstellungen über Bestattungen.
Arnold Sendersky hat sich mit einer Unterschriftenliste, die rund 30 Angehörige unterzeichnet haben, an die Stadt gewandt. „Viele Trauernde sind immer noch schockiert, wie ihre Sachen, die vor und unter der Urnenwand waren, von der Friedhofsverwaltung entsorgt wurden“, heißt es in dem Schreiben. Darin wird um ein Entgegenkommen gebeten, man solle prüfen, ob Angehörige wieder „kleine Sachen auf dem Boden vor der kahlen Wand“ abstellen dürfen. Dies könnte die „derzeit schlechte Stimmung“ verbessern. Und Sendersky fügt an: „Auf dem Friedhof soll es schließlich friedlich zugehen.“
Doch diesem Anliegen erteilt die Stadt auf Nachfrage eine Absage. Da es zu viele Beschwerden über das „ungepflegte Erscheinungsbild“ der Urnenwände gegeben habe, „sehen wir davon ab, die Rahmenbedingungen wieder weiter auszulegen, zu ändern beziehungsweise anzupassen. Dies wäre nicht im Sinn der Hinterbliebenen“. Für eine individuelle Grabgestaltung sollten „grundsätzlich andere Bestattungsformen“ gewählt werden.
Sendersky steht an der Urnenwand. „Die Grabkerze soll über die ganze Nacht bis zum Morgen Licht und Trost spenden“, sagt er mit belegter Stimme. Das sei für seine verstorbene Frau eine Herzensangelegenheit von ihm. Er hoffe sehr auf einen Kompromiss. Im äußersten Fall müsse er dann über eine Umbettung nachdenken.