90 Gramm Zucker essen die Deutschen durchschnittlich jeden Tag – das kann gesundheitliche Folgen haben. Foto: Nano Calvo/Addictive Stock - stock.adobe.com/Nano Calvo

Viele Produkte enthalten überraschend viel Zucker. Auf der Verpackung lenken die Hersteller mit mehreren Tricks von der ungesunden Süße ab.

Stuttgart - Ein Fruchtsaft mit Vitaminen, ein Müsli mit Haferflocken: In vielen scheinbar gesunden Produkten steckt oft eine Menge Zucker. Der ist zwar ein Energielieferant, kann bei hohem Konsum aber auch gesundheitsschädlich wirken. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Verzehr von höchstens 25 Gramm am Tag, in Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch mit durchschnittlich 90 Gramm deutlich darüber. Ein hoher Zuckergehalt ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich: Oft tarnt sich die Süße auf dem Etikett unter anderem Namen oder befindet sich in Produkten, in denen man sie gar nicht vermuten würde.

 

Warum trügt die Zutatenliste?

Für viele gehört das Müsli zum Frühstück dazu. Meistens enthält die vermeintlich gesunde Alternative zu Marmelade oder Nugatcreme allerdings viele Süßmacher. Im klassischen Vitalis-Müsli von Dr. Oetker steht Zucker bereits an zweiter Stelle der Zutatenliste, in der die Bestandteile absteigend nach ihrem Gewichtsanteil aufgeführt sind. Gemeint ist damit nur der übliche Haushaltszucker – darüber hinaus tragen viele weitere Zutaten zum Zuckergehalt des Müslis bei. Rosinen, Honig oder auch der industriell hergestellte Glukosesirup. „In der Zutatenliste versteckt sich der Zucker häufig hinter verschiedenen Begriffen“, sagt Vanessa Holste von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Deshalb lohne unbedingt ein Blick auf die darunter abgedruckte Nährwerttabelle. Die gibt den Gesamtzuckergehalt an, der bei Vitalis nicht gerade gering ist: 100 Gramm Müsli enthalten 24 Gramm Zucker.

Sind die angegebenen Portionsgrößen realistisch?

Eine Portion des Vitalis-Müslis mit Milch beinhaltet laut Etikett zwölf Gramm Zucker. Aber ist diese Angabe überhaupt realistisch? Keineswegs, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Britta Schautz von der Berliner Verbraucherzentrale. Sie verweist auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2017, bei der die deutschen Verbraucherzentralen die auf den Verpackungen angegebenen Werte mit dem tatsächlichen Konsumverhalten abgeglichen haben. Wer die Portion frei wählen konnte, schöpfte durchschnittlich 81 Gramm Müsli. Die angegebene Portionsgröße von Vitalis umfasst mit 40 Gramm nicht einmal die Hälfte. „Das ist völlig unrealistisch“, sagt Schautz, „die Unternehmen halten die Portionsgrößen oft bewusst klein, damit das Produkt gesünder aussieht.“

Was bedeutet „ohne Zuckerzusatz“?

Viele Hersteller werben damit, dass ihrem Produkt kein Zucker zugesetzt wurde. Das heißt aber nicht, dass darin kein Zucker enthalten ist. Im Gegenteil: In mehreren Lebensmitteln steckt von Natur aus Zucker – etwa in Form von Lactose in Milch oder von Fructose in Früchten. So findet sich der Aufdruck „ohne Zuckerzusatz“ bei vielen Getränken und Müslis, die in der Nährwerttabelle einen überraschend hohen Zuckergehalt aufweisen. Beim Multivitaminsaft von Hohes C und beim Kiwi-Smoothie der Marke Innocent ist es jeweils ein Zehntel, das Früchte-Hafer-Müsli von Kölln kommt auf 22 Prozent.

In welchen Produkten versteckt sich Zucker?

Auch Fertigprodukten und Konserven setzt die Industrie häufig Zucker zu, um die Haltbarkeit zu erhöhen und die Kosten zu drücken. „Zucker ist ein billiger Rohstoff, der unter anderem Wasser bindet“, erläutert Schautz, „damit kann der Anteil teurer Zutaten reduziert werden.“ Die Folge: Oft befindet sich viel Zucker in Produkten, in denen man ihn nicht erwartet: Eine Tiefkühlpizza mit Mozzarella von Wagner enthält 13 Gramm, eine Packung Pasta in Tomaten-Käse-Soße von Knorr 18 Gramm. Die Hot Chili Sauce von Heinz besteht sogar zu einem Viertel nur aus Zucker. „Diese Mengen gehen weit über das hinaus, was man als Abrundung des Geschmacks bezeichnen könnte“, sagt Holste.

Wie wird von einem hohen Zuckergehalt abgelenkt?

Immer wieder wird auf der Vorderseite der Verpackung eine positive Eigenschaft hervorgehoben, während sich auf der Rückseite im Kleingedruckten ein erheblicher Zuckergehalt auftut. Nestlé bewirbt seinen Frühstücksriegel der Marke Lion mit dem Hinweis auf einen hohen Vollkornanteil – ein Viertel des Inhalts ist aber Zucker. Beim Früchteriegel der Firma Hipp bürgt Geschäftsführer Stefan Hipp auf dem Etikett persönlich für die Bioqualität – die Sorte „Apfel-Banane-Hafer“ besteht nichtsdestotrotz zu 39 Prozent aus Zucker. Gerade bei Kinderprodukten lenkt häufig ein buntes Marketing vom ungesunden Inhalt ab: Auf der Verpackung der gesüßten Frühstücksflocken „Smacks“ von Kelloggs nimmt beispielsweise ein lachender Frosch überaus großen Raum ein.

Wie lässt sich der Zuckerkonsum reduzieren?

Wer selbst kocht, behält den Überblick über den Zuckergehalt. „Wenn man den unbewussten Konsum durch Fertigprodukte drosselt, ist viel gewonnen“, sagt Schautz. Zudem lasse sich bei selbst gemachtem Kuchen die im Rezept angegebene Zuckermenge in aller Regel um ein Drittel reduzieren, ohne Geschmack einzubüßen. Auch in der Süßwarenabteilung des Supermarkts liegt meist eine zuckerarme Alternative im Regal. Eine Tafel der Sorte Alpenmilch von Ritter Sport enthält zum Beispiel 53 Prozent Zucker, die Variante mit einem höheren Kakaoanteil nur 16 Prozent. „An den etwas kräftigeren Geschmack gewöhnt man sich schnell“, sagt Schautz. „Und der Körper dankt es.“