Am Mittwoch ist in Baden-Württemberg der letzte Schultag gewesen – die Abiturienten im Land haben schon länger ihre Zeugnisse. Lisett Düll gehört mit ihrer Gesamtnote 1,0 in Stuttgart zu den besten Abiturienten. Wie hat sie das geschafft und was hat sie nun vor?
Die letzten Prüfungen fühlen sich schon erstaunlich weit weg an für Lisett Düll. Vor einer Woche ist sie aus Korfu zurückgekehrt – die Hälfte ihres Jahrgangs vom Dillmann-Gymnasium war dort zusammen hingereist, um das bestandene Abitur zu feiern. Am 7. Juli hatten sie ihre Zeugnisse bekommen. Auch von anderen Stuttgarter Gymnasien waren viele Abiturienten auf der griechischen Insel. Es sei eine tolle Zeit gewesen, die gut getan habe nach der Phase der Anspannung, sagt Lisett Düll. Sie hatten zudem Glück: Denn auch Korfu hat inzwischen mit Waldbränden zu kämpfen.
Die 18-jährige Stuttgarterin hat ihr Abiturzeugnis mitgebracht zum Gespräch. Sie habe durchaus mit einem sehr guten Zeugnis gerechnet. Schließlich kannte sie ihre Noten der vergangenen Halbjahre. Aber dass es auch in den Prüfungen derart gut laufen würde? Nein, davon war Lisett Düll nicht ausgegangen. Sie zählt zu den besten des Abitur-Jahrgangs 2023.
Eigentlich ist ihr Schnitt sogar besser als 1,0
Eine Eins vor dem Komma ist nicht mehr ungewöhnlich im Abiturzeugnis. 2022 hatte das rund ein Drittel des Jahrgangs im Land geschafft. Aber eine 1,0, wie sie Lisett Düll erreicht hat, kommt weiterhin selten vor. Besonders viele Abiturienten mit dem Schnitt 1,0 haben das Königin-Katharina-Stift besucht: Gleich fünf haben den Spitzenwert erreicht – der beste Abiturient dort hat sogar 882 von 900 möglichen Punkten erzielt. Am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium haben zwei Gymnasiasten den Durchschnitt 1,0. Am Dillmann-Gymnasium ist Lisett die einzige in ihrem Jahrgang. Streng genommen ist auch ihr Schnitt besser als 1,0: Sie hat 862 von 900 möglichen Punkten erreicht. Ab 823 Punkten steht die 1,0 auf dem Zeugnis. 862 Punkte ergeben umgerechnet eine 0,8.
Wie viele Stuttgarter Abiturientinnen und Abiturienten 2023 die 1,0 geschafft haben, wird erst noch ermittelt. Beim Regierungspräsidium Stuttgart sind laut einer Sprecherin derzeit noch nicht von allen Schulen die Daten eingegangen, deshalb könne man hierzu keine Auskunft geben.
Ihr Lieblingsfach ist Gemeinschaftskunde gewesen
Wie erklärt Lisett Düll ihren Erfolg? Geholfen habe ihr, im Unterricht immer mitgearbeitet zu haben, mündlich sei sie sehr gut gewesen. Vor allem im Fach Mathematik sei es wichtig, schon in der neunten und zehnten Klasse gut aufzupassen, damit einem später die Grundlagen nicht fehlten. Vor Klausuren habe sie sich stets ausführliche Lernzettel angefertigt – und diese für später aufbewahrt. Als es um die Abiturprüfungen ging, konnte sie die alten Lernzettel nutzen und musste nicht von vorne anfangen – das sparte Zeit. Sie empfiehlt, sich Auszeiten vom Lernen zu gönnen. Zum Ausgleich sei sie zum Turnen gegangen (vor dem Abitur aber nur noch einmal die Woche), hat gekocht oder sich mit ihren Freundinnen getroffen. Gelernt hat sie am effektivsten alleine, zumindest, wenn es ums Auswendiglernen ging. Sie habe sich den Stoff dann laut vorgesagt, um ihn besser zu verinnerlichen. Das habe ihr gerade für die mündlichen Prüfungen in Mathematik und Geschichte ganz gut geholfen – jeweils erreichte sie hier 15 Punkte. In den Fächern Gemeinschaftskunde (ihr Lieblingsfach) und Chemie wurde sie ausgezeichnet für ihre Leistungen. Die Oberstufe habe ihr insgesamt viel mehr Spaß gemacht als die Mittelstufe. Die Klassen waren kleiner, sie seien von den Lehrern anders behandelt worden, der Stoff interessiert sie. Und sie hatte gefühlt sogar weniger Druck als in der zehnten Klasse. Französisch und Spanisch hatte sie abgewählt, so fiel das ständige Vokabellernen weg.
Wahrscheinlich wird sie Jura studieren
Mit einem 1,0-er-Abitur stehen Lisett Düll nun alle Türen offen. Sie gönnt sich aber erst mal eine Pause, die sie mit Reisen und Arbeiten ausfüllt. Schon bald geht es mit ihrer Familie, den Eltern und den drei Geschwistern, für vier Wochen an die Westküste der USA. Auch ihre ältere Schwester, die in Tübingen Medizin studiert, kommt mit nach Kalifornien: ein Traum, den sie sich als Familie erfüllen. Danach geht es von September bis November auf Interrailreise mit drei Freundinnen. Zuerst nach Spanien und Portugal, schließlich nach Skandinavien. Anschließend werde sie als Kellnerin jobben, vielleicht noch ein Praktikum machen, um von Herbst 2024 an zu studieren. Der derzeitige Favorit: Jura. Da habe sie viele Optionen.
32 von 64 Schülerinnen und Schülern erreichten eine Eins vor dem Komma
Sie weiß, dass sie später einmal im Ausland studieren und dass sie in einer Wohngemeinschaft wohnen will. München würde sie als Studienort reizen, ist aber teuer. Sie hofft auf ein Stipendium. Ihre Schule hat sie praktischerweise für eines vorgeschlagen.
Etwa die Hälfte ihres Jahrgangs nehme sich eine Auszeit, um zu reisen oder einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Sie sind ein guter Jahrgang gewesen – 1,9 haben sie im Schnitt erreicht. Insgesamt hatten 32 von 64 Schülerinnen und Schülern des Dillmann eine Eins vor dem Komma. Auch das ist überdurchschnittlich.
Immer mehr Einser-Abiture im Land
Entwicklung
Die Wahrscheinlichkeit, ein Einser-Abitur zu erreichen, ist mit der Zeit gewachsen. 1980 hatten laut Statistischem Landesamt 19,7 Prozent der Abiturienten eines allgemeinbildenden Gymnasiums einen Notendurchschnitt zwischen 1,0 und 1,9 – rund ein Fünftel eines Jahrgangs. Im Jahr 2022 waren es 38,8 Prozent am allgemeinbildenden Gymnasium und 24,7 Prozent am beruflichen Gymnasium – zusammen 34,0 Prozent. Das entspricht einem Drittel.
2023
Rund 47 500 Schülerinnen und Schüler aus Baden-Württemberg haben in diesem Jahr ihre Abiturprüfungen abgelegt, davon etwa 31 000 im allgemein bildenden Bereich und rund 16 500 an den beruflichen Gymnasien.