Wettlauf der Länder bei guten Zeugnissen Baden-Württemberg abgehängt bei Abi-Noten

Von Jacqueline Vieth 

Der Lehrerverband bemängelt eine Gute-Noten-Inflation. (Symbolbild) Foto: dpa
Der Lehrerverband bemängelt eine Gute-Noten-Inflation. (Symbolbild) Foto: dpa

Überall in der Republik werden massenhaft gute Noten vergeben. In Baden-Württemberg aber nicht. Die Schüler im Südwesten scheinen ins Hintertreffen zu geraten.

Stuttgart - Die Abiturnoten in der Bundesrepublik sind vergeben. Die Noten scheinen zumindest im Allgemeinen immer besser zu werden. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, kritisiert jedenfalls, dass die Anforderungen im deutschen Bildungssystem sinken würden und eine Inflation an guten Noten zu beobachten sei: „Es gibt einen regelrechten Wettkampf um die besten Noten.“ Tatsächlich ist etwa in Bayern der Anteil der Spitzenschüler, die eine glatte 1,0 im Abitur schaffen, zwischen 2006 und 2016 von 0,95 auf 1,9 Prozent gestiegen. Der Notendurchschnitt hat sich in derselben Zeit von 2,43 auf 2,32 verbessert.

Noch deutlicher ist der Trend in Brandenburg gewesen. Dort verbesserte sich der Abischnitt im Jahr 2016 auf 2,28. Zehn Jahre zuvor hatte er noch 2,48 betragen. „In Berlin hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten von 2002 bis 2012 sogar vervierzehnfacht“, sagt Meidinger. Doch in Baden-Württemberg liegen die Dinge offenbar anders. Schaut man auf die Statistik der Kultusministerkonferenz, zeigt sich, dass der Anteil derer, die mit Bestnote aus dem Gymnasium gehen, keineswegs gestiegen ist. 2006 lag der Anteil der Schüler mit einem 1,0-Abitur bei 1,79 Prozent. Zehn Jahre später sind es noch 1,4 Prozent.

Baden-Württemberg gilt dem Lehrerverband als Vorbild

Auch die Durchschnittsnote aller Abiturienten hat sich verschlechtert, von 2,38 auf 2,43. „Baden-Württemberg hat sich als eines der wenigen Länder dem Wettlauf um die besten Noten entzogen und macht bei der Noteninflation nicht mit“, sagt der Lehrerverbands-Präsident Meidinger. Der Südwesten sollte seiner Meinung nach Vorbild sein: „Die anderen Länder sollten Baden-Württemberg folgen.“ Allerdings gibt es auch Länder, in denen der Abischnitt insgesamt schlechter ist als im Südwesten.

Dass die Noten in anderen Bundesländern ständig besser würden, liege wohl kaum an den höheren Leistungen der Schüler, darüber sind sich Meidinger und Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) einig. Eisenmann macht beim Abischnitt anderer Länder „erhebliche Sprünge“ aus. „Dass die Schüler in Berlin oder Brandenburg in den vergangenen Jahren aber auf einmal alle schlauer geworden sind, wage ich sehr zu bezweifeln“, erklärt die Ministerin auf Anfrage.

Auch Ralf Scholl vom Philologenverband glaubt nicht, dass die Schüler im Land schlechter geworden seien. Er hält die Notenvergabe in Baden-Württemberg für vernünftig. Scholl meint ebenfalls, dass es deutschlandweit eine immer größere Bereitschaft zur Vergabe von guten Noten gebe. Er hat dafür folgende Erklärung: „Mit guten Noten stelle ich alle ruhig.“

Dieses Urteil findet man auch beim Lehrerverband plausibel. Heinz-Peter Meidinger weist aber auf die problematische Seite dieser Entwicklung hin: „Baden-Württemberg mag zwar Vorbild sein, die Noteninflation könnte jedoch Nachteile für Abiturienten haben.“ Da bei zulassungsbeschränkten Studiengängen die Abiturnote großes Gewicht habe, kämen die Schüler aus Baden-Württemberg womöglich schlechter an Studienplätze. Denn in anderen Ländern könnten für gleiche Leistung bessere Noten vergeben werden.

„Es ist höchste Eisenbahn“

Dieser Position schließt sich auch der Philologenverband an. Beide fordern eine höhere Vergleichbarkeit der Noten. „Es ist höchste Eisenbahn“, heißt es dazu vom Lehrerverband. Und die Kultusministerin? Auch sie betont, dass man weiter daran arbeiten müsse, das Abitur vergleichbarer zu machen. „Innerhalb der Kultusministerkonferenz setze ich mich dafür ein, dass wir mit einem gemeinsamen Länderstaatsvertrag zu einem deutlich höheren Maß an Verbindlichkeit kommen.“ Die Kultusministerkonferenz stecke dabei aber noch in den Baby-Schuhen, kritisiert Ralph Scholl vom Philologenverband.

In jedem Fall werden solche Reformbemühungen nicht sofort fruchten. Schüler, die im nächsten Jahr Abitur machen, können deshalb noch nicht davon profitieren. Meidinger macht deshalb einen anderen Vorschlag: Um die Benachteiligung auszugleichen, könne man zusätzlich zur Abiturnote jedem Schüler eine Kennziffer zuweisen, die angibt, wo er mit seiner Leistung innerhalb des Bundesland stehe. Diese Kennziffer könne dann bei der Vergabe der Studienplätze mit herangezogen werden.

Lesen Sie jetzt