Lange wollten die Grünen von einer Rückkehr zum Abi nach neun Jahren nichts wissen. Weil ein Volksbegehren dazu droht, gibt es Bewegung. Ist sogar ein Abitur nach 14 Jahren möglich?
Mit Zahlen, wie viele Baden-Württemberger per Volksantrag die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium als Regelschule unterstützen, wollen Anja Plesch-Krubner und Corinna Fellner zum Jahresende noch nicht aufwarten. Seit sechs Wochen sammeln sie jetzt zwar schon Unterschriften, aber weil das Verfahren zum Abgleich der Unterstützer mit den kommunalen Wählerverzeichnissen sich in der Praxis teilweise kompliziert gestaltet, ist es aus ihrer Sicht zu früh für eine numerische Zwischenbilanz.
Aber Wirkung entfaltet ihre Initiative, das neunjährige Gymnasium notfalls per Volksbegehren durchzusetzen, nicht nur durch das Unterschriftensammeln auf Straßen und Plätzen, sondern, diskret platziert in der Weihnachtspause, nun auch in der Politik: Zum ersten Mal hat jetzt mit Thomas Poreski, dem bildungspolitischen Sprecher seiner Fraktion, ein Vertreter der Grünen im Landtag Offenheit für Veränderungen am Gymnasium erkennen lassen. „Ich persönlich kann mir sehr gut eine flexible Oberstufe vorstellen. Dabei würde nicht schon im Alter von zehn Jahren festgelegt, wie lange der Weg zum Abitur dauert. Die Schülerinnen und Schüler würden vielmehr am Ende der Mittelstufe entscheiden, was für sie passt“, erklärte Poreski nach Weihnachten in einem Interview mit dem „Reutlinger General-Anzeiger“. Poreski warb dafür, dass „nicht schon im Alter von zehn Jahren festgelegt wird, wie lange der Weg zum Abitur dauert“.
G9-Initiative lehnt Vorstoß ab
Nach seiner Vorstellung gäbe es an beruflichen Gymnasien und den Oberstufen der Gemeinschaftsschulen die Wahl zwischen einem neun- und einem zehnjährigen Weg zum Abitur und bei den allgemeinbildenden Gymnasien die Alternative zwischen acht und neun Jahren. „In Kombination mit einer stofflichen Entlastung in der Mittelstufe wäre dies kurzfristig umsetzbar und aus meiner Sicht sehr sinnvoll“, ergänzt Poreski.
Bei Anja Plesch-Krubner und Corinna Fellner stößt Poreskis Vorstoß auf Ablehnung. Zwar registrieren sie, dass bei den Grünen, die Gymnasialreformen zum Schutz der Gemeinschaftsschulen seit Jahren die kalte Schulter zeigen, nun erstmals Bewegung erkennbar wird. Doch Poreskis Vorschlag weisen sie als ungenügend zurück. „Das wäre ein ganz fauler Kompromiss, weil er nur nach Wahlfreiheit aussieht, den Schülern und Eltern aber keine wirkliche Alternative bietet“, sagte Anja Plesch-Krubner unserer Redaktion.
Wie die Stoffreduktion in der Mittelstufe, die aus ihrer Sicht entscheidend ist, aussehen soll, sei völlig unklar. „Da bleibt es an den allgemeinbildenden Gymnasien bei den übervollen Stundenplänen in der Mittelstufe. Und in der Oberstufe kann dann teilweise gebummelt werden?“, fragt sie. „Das ist keine überzeugende Idee. Die Entlastung kommt an der entscheidenden Stelle zu kurz. Außerdem würde damit ein fragwürdiger, bundesweit einmaliger Sonderweg beschritten.“ Sie bezweifelt, dass Poreskis Modell mit den Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz über die Oberstufe vereinbar wäre.
„Gieskannen-Förderung“ für Gemeinschaftsschule
Mit Verwunderung quittiert Plesch-Krubner Poreskis Vorstellung, dass die Schulzeit bis zum Abitur an Gemeinschaftsschulen und beruflichen Gymnasien auf zehn Jahre ausgedehnt werden könnte. Das wäre einschließlich der vierjährigen Grundschule ein vierzehnjähriger Bildungsweg bis zum Abitur. Plesch-Krubner fragt sich, woher das Personal für eine solche „Gieskannen-Förderung“ für Gemeinschaftsschulen und berufliche Gymnasien angesichts der bereits jetzt herrschenden Lehrerknappheit kommen soll.
Im Blick auf das Volksbegehren für das neunjährige Gymnasium als Regelschule lässt Poreskis Vorstoß die Einsatzfreude der Initiatorinnen jedenfalls nicht erlahmen, im Gegenteil. „Wir haben viele aktive Eltern, die Aktionen zum Unterschriftensammeln machen. Es gibt einige richtige G9-Hochburgen wie zum Beispiel Sigmaringen, Donaueschingen, Leonberg, Riegel, Kirchzarten oder Baiersbronn“, betonen Plesch-Krubner und Fellner. „In einem Tausend-Einwohner-Dorf hat eine Frau an der Haustür eine Box aufgehängt und in drei Wochen 150 Unterschriften eingesammelt“, berichtet Corinna Fellner. „In Sigmaringen haben bereits 0,5 Prozent der Wahlberechtigten sich für den Volksantrag zur Rückkehr zum G9 ausgesprochen.“ So viel Unterstützung braucht das Vorhaben landesweit, um erfolgreich zu sein. Und in Baiersbronn seien an einem einzigen Vorweihnachtstag 200 Unterschriften zusammengekommen.
Behörden haben wenig Übung mit Volksantrag
Beim gesetzlich vorgeschriebenen Abgleich der abgegebenen Unterschriften mit dem Wählerverzeichnis gibt es laut den G9-Aktivistinnen aber nach wie vor Handlungsunsicherheiten in manchen Kommunen. „Das hat ziemlich geholpert“, berichtet Corinna Fellner. „Das Verfahren im Umgang mit dem Volksantrag ist bei den kommunalen Ämtern oft nicht bekannt, weil es noch kaum Erfahrungen damit gibt.“ Sie hörten häufig, dass Unterstützer in ihrer Kommune falsche Informationen bekommen oder abgewiesen würden. „Wenn jemand beim Amt zweimal zurückgeschickt wird und berufstätig ist, geht er vielleicht nicht ein drittes Mal hin, um bestätigt zu bekommen, dass er wahlberechtigt ist oder den Abgleich für eine ganze Unterzeichner-Gruppe stellvertretend einholen darf“, ergänzt sie.
Trotzdem sind die G9-Aktivistinnen optimistisch, dass sie die nötigen 39 000 beglaubigten Unterschriften für ihren Volksantrag spätestens bis Ostern zusammenbekommen. Sie setzen auf Aktionen im Umfeld von Elternabenden und Tagen der offenen Tür, die im ersten Quartal routinemäßig an vielen der 4500 Schulen im Land stattfinden.