Ebola, Lassafieber oder neue Viren: Treten gefährliche Infekte auf, braucht es Hochsicherheitsbereiche. Das Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus verfügt über die derzeit einzige Sonderisoliereinheit Süddeutschlands. Ein Besuch.
Die Szene hat etwas von Science-Fiction. In einem gelben Schutzanzug mit großem Sichtfenster bewegt sich Annina Widmann in künstlichem Licht langsam durch eine Schleuse. Sie trägt Apparate und Schläuche an sich, hat ein Headset für die Verständigung unter dem Kopfteil. Gekachelte Wände um sie herum. Eine schwere Tür schiebt sich per Knopfdruck auf. Dahinter: ein steril wirkender Raum mit medizinischen Geräten. Und noch mehr Türen, die sich nur von außen öffnen lassen.
Was an eine Raumstation erinnert, befindet sich im dritten Stock des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses (RBK). Station 3 c nennt sich der so futuristisch anmutende Bereich nüchtern – doch er ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Hier wird seit 2006 die einzige Sonderisoliereinheit in Baden-Württemberg vorgehalten, eine von nur sieben in Deutschland. Weil die entsprechende Station in München renoviert wird, ist Stuttgart derzeit für den gesamten Süden zuständig.
In inneren Teil, in dem sich im Ernstfall hochinfektiöse Patienten befinden, gilt die strengste Sicherheitsstufe. Es kommen nur Klinikmitarbeitende mit besonderer Berechtigung und Befähigung hinein. Kein Wunder, denn wer als Patient hier landet, bei dem geht es um Ebola, Lassa oder Marburg-Fieber – und gemeinhin um Leben und Tod. Für Ärzteschaft und Pflegekräfte zählt der Selbstschutz. Und für die Bevölkerung draußen vor den blickdichten Fenstern geht es darum, vor potenziell tödlichen Erregern geschützt zu werden.
An diesem Tag wird geprobt. Rund 15 Beteiligte sind dabei. Annina Widmann ist normalerweise Assistenzärztin in der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie und mit Erkrankungen etwa des Magen-Darm-Trakts befasst. Wie alle hier steht sie für die Aufgabe in der Sonderisoliereinheit zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben zur Verfügung und muss nach der Übung rasch zur Visite. Die Patientin, an der die Abläufe für den Ernstfall getestet werden, ist eine Pflegeschülerin aus dem Haus.
„Wer hier mitmacht, muss das wollen und ein sehr großes Eigenengagement zeigen“, sagt Katja Rothfuß. Die Oberärztin für Gastroenterologie und Hepatologie hat zugleich ein Diplom in Tropenmedizin und ist verantwortlich für die Sonderisoliereinheit. 23 Ärztinnen und Ärzte gehören derzeit zum Team, außerdem rund 30 Pflegekräfte. „Das ist eigentlich zu wenig“, sagt Sarah Mustapic, die die pflegerische Leitung innehat. Das liege am allgemeinen Personalmangel. „Der Alltag frisst viele auf. Die Aufgabe hier wird zwar vergütet, aber sie kommt noch oben drauf. Und wir brauchen Intensivkräfte.“ Frei von Risiko ist der Einsatz zudem nicht. „Mitarbeiterschutz steht bei uns an erster Stelle“, so Mustapic.
Diamantenhändler will rauchen gehen
Einen tatsächlich mit Ebola oder Ähnlichem Infizierten hatte man in der Stuttgarter Einheit bisher noch nicht. Allerdings mehrere Verdachtsfälle. Die Leiterin erinnert sich nicht ohne ein Schmunzeln an einen westafrikanischen Diamantenhändler. „Der kam mit Verdacht auf Ebola und wollte zum Rauchen auf den Balkon“, sagt Katja Rothfuß. Das ging natürlich nicht. Am Ende entpuppte sich seine Erkrankung als Malaria. In Frankfurt hat die Ärztin einen Patienten mit dem aus Westafrika stammenden Lassa-Fieber mitbehandelt. „Man ist angespannter und konzentrierter als sonst“, sagt sie. Und zu Beginn der Coronapandemie landeten die ersten Patienten auf der Sonderisoliereinheit im RBK. Die nutzt man in ruhigen Zeiten auch als normale Station.
Wenn sich ein Ernstfall ankündigt, wird die Einheit hochgefahren. Patienten werden verlegt, die Technik in Betrieb genommen. Innerhalb von vier Stunden ist alles bereit. Station 3 c wird hermetisch abgeriegelt und vom Rest der Klinik isoliert. Patienten kommen über einen eigenen Aufzug an der Außenseite. Wenn sie schwer krank sind, liegen sie im sogenannten „Schneewittchensarg“, einer durchsichtigen Transporthülle.
Schleuse und drei Paar Handschuhe
Zwei Zimmer mit maximal vier Betten stehen zur Verfügung. Wer zu den Patienten will, muss eine Prozedur durchmachen wie Annina Widmann an diesem Tag. Das Anziehen des gelben Schutzanzugs, der über Filter mit Atemluft versorgt wird, geht nicht allein. Eine Kollegin hilft und dichtet die Reißverschlüsse mit Klebeband ab. In den verschiedenen Räumen, die durchschritten werden, herrscht Unterdruck, damit verseuchte Luft nicht nach draußen gelangt. Durch eine Schleuse mit zwei Schiebetüren gelangt man ins Labor, wo viele Proben selbst untersucht werden. Jede Art von Abfall und Abwasser muss speziell entsorgt werden.
Im Zimmer wird an der Schülerin geübt. Blutabnehmen mit drei Paar Handschuhen ist schließlich nicht so einfach. Die Arbeit in den Schutzanzügen strengt an, die Beteiligten wechseln sich nach zweieinhalb Stunden ab. Dann geht es wieder in die Schleuse. Dort erfolgt die Dekontamination mit Dusche und Bürste. Danach wird der Anzug aufgeschnitten und entsorgt. All das wird vom Kontrollraum aus am Monitor überwacht. Wer den Raum betritt, schaut dem Ebola-Würmchen in die Augen – einem Plüschtier in Virusform, das an der Wand klebt und freundlicher schaut, als das Original ist.
Rothfuß’ Telefon klingelt. Während des Gesprächs huscht ein Strahlen über ihr Gesicht. „Eine interessierte Ärztin, die mitmachen möchte“, sagt sie. Das Team kann jede Unterstützung gebrauchen. Die Motivation bei denen, die dabei sind, ist groß: „Das Gebiet ist interessant. So eine Station gibt es nur hier.“
Vogelgrippe unter Beobachtung
Die Sonderisoliereinheit erfordere einen großen technischen, personellen und logistischen Aufwand, sagt Mark Dominik Alscher. Der Medizinische Geschäftsführer am RBK spricht auch über Geld. Mehr als eine Million Euro pro Jahr kostet die Vorhaltung. Um die Finanzierung durch die Krankenkassen musste die Klinik kämpfen. Dabei sei die Einheit unverzichtbar: „Wir hatten schon mehrfach bedrohliche Szenarien, etwa mit Ebola in Afrika“, so Alscher. So ein Virus könne über Reisende auch den Süden Deutschlands erreichen.
Was als Nächstes kommt, weiß niemand. Aber einige Szenarien sind wahrscheinlicher als andere. Derzeit stehen nicht nur die Coronaviren unter strenger Beobachtung. Auch die Vogelgrippe macht Experten Sorgen. „Der jetzige Erreger grassiert weltweit seit zwei Jahren. Inzwischen gibt es Übertragungen auf Säugetiere. Wenn sich da noch mal etwas verändert, ist das ein Kandidat“, sagt Rothfuß. Das Krim-Kongo-Fieber hingegen, das durch Zecken verursacht wird, ist inzwischen in Spanien angekommen. Am wahrscheinlichsten sind grundsätzlich Atemwegserreger, weil sie am leichtesten übertragbar sind. „Letztlich kommen alle entsprechenden Viren aus dem Tierreich, weil der Mensch zu weit vordringt. Deshalb wird präventiv in ganzen Ökosystemen geforscht“, sagt die Expertin.
Annina Widmann ist ihren Anzug inzwischen los. Es hat so weit alles geklappt, inklusive einer technischen Korrektur an der Unterdruckanlage. Jetzt muss die Assistenzärztin schnell zurück auf ihre Station – die Visite hat bereits begonnen.