Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock redet über die Verteilung ihrer Kinderbetreuung. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Der neue baden-württembergische Finanzminister liebäugelt mit der Elternzeit, die Kanzlerkandidatin spricht über Aufgabenverteilung mit ihrem Mann, ein EU-Parlamentarier richtet eine Spielecke ein. Gut so, sagt unsere Kommentatorin. Nur so erfährt Sorgearbeit endlich Wertschätzung.

Stuttgart - Der neue baden-württembergische Finanzminister Danyal Bayaz liebäugelt mit einer Art Elternzeit. Die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erklärt, wie ihr Mann und sie die Kinderbetreuung regeln, wenn sie Kanzlerin werden sollte. Und der Europaabgeordnete Michael Bloss, gebürtiger Stuttgarter, will – nach seiner Elternzeit – eine Spielecke im Büro einrichten. Das sind nur drei Beispiele, wie Spitzenpolitiker ihr Elternsein in den vergangenen Wochen öffentlich thematisiert haben.

 

Die Reaktionen darauf sind interessant bis erschreckend. Während das urbane Akademiker-Elternmilieu solche Bekenntnisse feiert, wird vor allem in den sozialen Medien dagegen geätzt. „Verantwortungslos“ und „scheinheilig“ wird Bayaz genannt, weil er Verantwortung für sein Baby übernehmen will – und das sind die freundlichen Kommentare. Eine Leserbriefschreiberin findet es eine Zumutung für die Wähler, wenn ein Politiker Elternzeit nimmt – und stellt so ein Verhalten auf eine Stufe mit der Maskenaffäre, in der sich Volksvertreter bereicherten.

Rollenerwartungen sind zementiert

In diesen Reaktionen zeigt sich zweierlei: Zum einen, welches geringe Ansehen die sogenannte Care-Arbeit, also das Kümmern um andere, offenbar in Teilen der Gesellschaft hat. Aber auch, wie zementiert die Rollenerwartungen sind: Während sich nämlich Männer wie Bayaz anhören dürfen, sie sollen gefälligst ihre Verantwortung als Politiker über die als Vater stellen, bekommt Annalena Baerbock mitunter das genaue Gegenteil zu hören.

Dass junge Politikerinnen und Politiker so eine Diskussion lostreten, ist deshalb überfällig. Viel zu lange war es kein Thema, dass Menschen in verantwortlichen Positionen auch eine Familie haben können. Wobei dieses Schweigen vor allem daran lag, dass diese Jobs von Männern besetzt wurden, deren Frauen still die Betreuung des Nachwuchses übernahmen.

Politik wird jünger und weiblicher

Aber wie so viele Bereiche ändert sich auch der politische Raum. Er wird jünger, weiblicher, diverser. Damit rücken auch mehr junge Eltern in die Parlamente und Regierungen. So hat im neuen, verjüngten baden-württembergischen Landtag jeder vierte Abgeordnete Kinder unter zehn Jahren, etwa 20 Prozent davon sind Mütter. Und auf Bundesebene könnte mit Annalena Baerbock zum ersten Mal eine Frau mit Kindern Kanzlerin werden. Damit übernimmt eine Generation Verantwortung, die oft beides will: berufliche Erfüllung, aber auch Zeit mit der Familie.

Das wird hoffentlich Effekte haben. So müssen sich die politischen Institutionen anpassen. Das zeigt das Beispiel Thüringen. Dort wurde eine Abgeordnete, die ihr Kind zur Sitzung mitbringen wollte, vor drei Jahren noch des Saales verwiesen. Mittlerweile hat sie vor Gericht dieses Recht für alle Abgeordneten in dem Bundesland erstritten. Nachholbedarf haben aber nicht nur die Parlamente, sondern auch Parteien und Fraktionen. Sie müssten sich Vereinbarkeit zum Ziel setzen und etwa ihre Arbeitszeiten – zum Beispiel Sitzungen oder Parteitage am Freitag und Wochenende – überdenken.

Familienzeit bringt neue Sichtweisen für den Beruf

Außerdem könnte durch das Vorbild der Politiker die Wertschätzung für Kinderbetreuung in allen Bereichen steigen. Denn es sollte für Männer und Frauen kein Makel in einer beruflichen Laufbahn sein, Auszeiten für die Familie zu nehmen. Im Gegenteil, es ist eine Bereicherung, die neue Sicht- und Arbeitsweisen für den Beruf bringt. Für die lange stiefkindlich behandelte Familienpolitik jedenfalls könnten Volksvertreter mit Erfahrungen in unbezahlter Sorgearbeit, dem Vereinbarkeitsdilemma oder den Defiziten des Schulsystems ein Segen sein. Dass Baerbock in ihrer Antrittsrede zur Kanzlerkandidatin als ersten Punkt Kitas und Schulen nannte, die zu den „schönsten Orten“ werden sollen, lässt darauf hoffen.

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