Der Betriebsratschef Jens Zemihn spricht vor dem Werkstor. Foto: Staufenpress

Unmut bei den Beschäftigten des Automobilzulieferers in Ebersbach: Die Firma Accuride hat angekündigt, die Abfindungen von 21 Millionen Euro erst Ende kommenden Jahres zu bezahlen. Die Mitarbeiter pochen auf die Einhaltung der Verträge.

Ebersbach - In einer kurzfristig angesetzten Versammlung vor dem Werktor haben am Montag um die Mittagszeit rund 120 Accuride-Beschäftigte ihrem Unmut Luft gemacht. Der Grund: Die Geschäftsleitung hat dem Betriebsrat angekündigt,  vertraglich ausgehandelte Abfindungszahlungen in Höhe von 21 Millionen Euro nicht, wie vereinbart, gestaffelt ab Ende Juni auszuzahlen, sondern erst in der zweiten Jahreshälfte 2021. Über soziale Netzwerke hätten sich die Beschäftigten zu dieser Versammlung verabredet, wird betont. Die Polizei ist auch da und achtet darauf, dass die Corona-Vorschriften eingehalten werden.

In einem Schreiben vom 14. Mai, das unserer Zeitung vorliegt, schreibt Scott D. Hazlett, der Präsident des Accuride-Bereichs Europa und Asien, man sehe sich angesichts der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie „gezwungen, eine alternative Lösung für die weitere Abwicklung der Schließung des Standorts Ebersbach vorzuschlagen“. Das US-amerikanische Unternehmen „stehe zu seiner Verpflichtung, den bestehenden Sozialplan umzusetzen“, allerdings sei es notwendig, „einige im Plan vereinbarte Zahlungen aufzuschieben“, schreibt Hazlett weiter: „Wir erwarten, dass sich die Wirtschaft und das Geschäftsumfeld im Jahr 2021 erholen werden, und schlagen daher vor, die Abfindungszahlungen auf die zweite Jahreshälfte 2021 zu verschieben.“

Der Betriebsrat pocht auf die Einhaltung des Vertrags

Diese Aussagen bezweifelte man vor dem Werkstor in Ebersbach allerdings: „Da kam Corona wohl gerade recht“, vermutet die zweite Bevollmächtigte der IG Metall Göppingen-Geislingen, Renate Gmoser. „Aber wenn wir das jetzt verschieben, welche Gründe wird es dann Ende 2021 wohl geben, um nicht zahlen zu müssen?“ fragte sie, und der Beifall der Umstehenden bewies, dass sie das genauso sehen.

„Vertrag ist Vertrag“, darauf pocht der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von Accuride Ebersbach, vormals Südrad, Michael Schilling: „Wir haben den Sozialplan und den Interessenausgleich für die rund 300 Kolleginnen und Kollegen ausgehandelt“, sagt er, „und daran hat sich die Geschäftsleitung zu halten.“ Man habe sich geeinigt, dass 14 Millionen Euro in eine Transfergesellschaft für die Beschäftigten fließen sollen. Geplant war laut Schilling, dass die ersten rund 100 Mitarbeiter zum 1. Juli in die Transfergesellschaft wechseln sollen. Mit diesem Wechsel würde auch ihre Abfindung fällig. Weitere rund 110 Mitarbeiter sollten zum 1. Oktober in die Transfergesellschaft wechseln, der Rest zum 1. Juli 2021.

Die Abfindungen sind nicht per Bankbürgschaft abgesichert

21 Millionen Euro Abfindungen, diese Summe klingt zunächst nicht nach wenig, doch die Beschäftigten befürchten, dass sie am Ende gar nichts bekommen könnten. Denn das Geld sei nicht, wie vom Betriebsrat gefordert, mit einer Bankbürgschaft abgesichert, sondern nur mit einer so genannten Patronatserklärung. Darin erklärt die US-Muttergesellschaft, für ihre Ebersbacher Tochter finanziell einzuspringen, wenn diese ihre Verpflichtungen nicht erfüllen kann. Da ist Renate Gmoser aber höchst skeptisch: „Ich habe keinerlei Informationen, wie es den Amerikanern in der jetzigen wirtschaftlichen Situation geht. Aber wenn die selbst pleite sind, können sie auch nicht für Ebersbach einspringen.“ Was die Gewerkschafterin und die Betriebsräte hellhörig gemacht hat: „Es wurden aktuell 180 Leute vorzeitig bei vollen Bezügen freigestellt.“ Abgesehen davon, dass das nicht mit dem Betriebsrat abgesprochen worden sei, wundert sich Gmoser, dass dafür das Geld da sei, man aber andererseits die Abfindungen nicht wie vereinbart auszahlen wolle.

Die Beschäftigten beklagen, dass die Situation schwer einzuschätzen sei

Überhaupt sei die Lage für die Beschäftigten sehr schwer einzuschätzen, klagt Michael Schilling. Auch der Betriebsrat wisse nicht, welche Produktionsmittel und welche bereits produzierten, aber in das Werk nach Solingen gebrachten Felgen dem Ebersbacher Betrieb überhaupt noch gehören. Die IG Metall wolle über einen Wirtschaftsberater prüfen lassen, ob Accuride Ebersbach tatsächlich pleite ist oder nicht, sagte Renate Gmoser: „Aber das ist ganz, ganz schwierig. Die haben gerade überall wahnsinnig viel zu tun.“ Eine Anfrage an die Accuride-Geschäftsführung hierzu ist bisher noch nicht beantwortet worden.

Die frühere Firma Südrad wurde verkauft

Die Ebersbacher Firma Südrad beschäftigte 1992 noch rund 1300 Mitarbeiter. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre wurde Südrad dann an Mefro Wheels verkauft. Der US-Automobilzulieferer Accuride übernahm das Unternehmen Mefro Wheels im Juni 2018. Im Januar kündigte er die Schließung des Werks in  Ebersbach für Mitte 2020 an. Zuletzt arbeiteten hier noch rund 300 Beschäftigte. Die US-Mutter gehört seit 2016 der New Yorker Beteiligungsgesellschaft Crestview Partners.

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