Jürgen Trautner kennt die Kreisdeponie in Backnang und ihre teils seltenen, streng geschützten tierischen Bewohner gut. Foto: Edgar Layher

Die Kreismülldeponie in Backnang-Steinbach ist ein Rückzugsort für seltene Tierarten. Ein Teil der Fläche wird endgültig stillgelegt und muss nun mit Planen abgedichtet werden. Der Landschaftsökologe Jürgen Trautner sorgt dafür, dass der Lebensraum so gut wie möglich erhalten wird.

Backnang - Ein Müllberg als Naturparadies? Zweifler belehrt Jürgen Trautner schnell eines besseren. Abfalldeponien seien zwar vom Menschen stark geprägte Gebiete, sagt der Landschaftsökologe, „aber sie sind oft hochwertiger als so manches Naturschutzgebiet“. Dann geht es los – kreuz und quer über die Kreismülldeponie in Backnang-Steinbach, die Jürgen Trautner mittlerweile wie seine Westentasche kennt.

Erst führt er die Besucher an den Waldrand, deutet auf eine künstliche Nestbox, die am Zweig eines Baums befestigt ist, hantiert dann an der Plastikhülse und zeigt auf ein kunstvoll aus Grashalmen gewebtes rundes Nest, das zum Vorschein kommt. Bewohnt ist es nicht mehr. „Die Haselmaus zieht öfter mal um“, berichtet Trautner. Schräg hinter ihm raschelt es plötzlich in einer Brombeerhecke, gleich darauf machen sich zwei Rehe mit grazilen Sprüngen aus dem Staub.

Sonnenplätze für Eidechsen, Tümpel für Gelbbauchunken

Auf geht es ins Eidechsenparadies, eine wenig bewachsene Fläche, die viele Sonnenplätze für die wärmeliebenden Tiere bietet. Gar nicht weit davon entfernt hat ein Bagger auf Jürgen Trautners Anweisung hin mit seiner Schaufel in den Erdboden mehrere Löcher gebissen, die sich mit Wasser gefüllt haben. „Das sind Laichgewässer für Gelbbauchunken“, sagt der Landschaftsökologe, streckt die Hand ins trübe Nass und zieht mit geübtem Griff eine Mini-Unke aus dem Tümpel.

Vor etwa sechs Jahren ist Jürgen Trautner zum ersten Mal über das riesige Gelände der Abfalldeponie Steinbach gestreift, auf der seit einigen Jahren nur noch mineralische Abfälle wie beispielsweise Bauschutt abgelagert werden dürfen. Im Auftrag der Abfallwirtschaft Rems-Murr (AWRM) hat der Landschaftsökologe eine Bestandsaufnahme gemacht: Was kriecht, huscht, flattert und summt auf der Deponie herum?

Das Ergebnis dieser Expeditionen hat der AWRM-Vorstandsvorsitzende Gerald Balthasar mit einem lachenden und einem weinenden Auge vernommen. Bringt doch die an sich gute Nachricht, dass sich auf dem von Wald umgebenen Deponiegelände seltene und teils streng geschützte Tierarten wie Gelbbauchunken, Haselmäuse oder Feuerfalter tummeln, einige Konflikte mit sich. Denn die Oberfläche eines rund elf Hektar großer Teilbereichs der Deponie, den die Stadt Backnang einst zum Ablagern von Hausmüll nutzte, muss im Zuge seiner endgültigen Stilllegung mit Planen abgedichtet werden, um Sickerwasser nach Regenfällen zu vermeiden.

Abfallberg wird abgedichtet

Was aber tun mit den streng geschützten Tieren, die sich ausgerechnet dort niedergelassen haben und die laut Gesetz nicht erheblich gestört, deren Lebensstätten nicht beseitigt werden dürfen? „Wir müssen versuchen, die aktuellen Abfallgesetze und die Naturschutzgesetze unter einen Hut zu bringen“, beschreibt Gerald Balthasar das Dilemma. Jürgen Trautner sagt, in einem Fall wie dem der Backnanger Deponie könne man nur agieren, wenn der Artenschutz teilweise zurückgestellt werde. Die dafür benötigte Ausnahmegenehmigung habe das Regierungspräsidium Stuttgart erteilt.

Damit das Tierleben auf der Altdeponie, die etwa ein Viertel der Gesamtfläche ausmacht, möglichst wenig gefährdet wird, hat Jürgen Trautner einen Umzugsplan ausgetüftelt. Der sieht vor, dass die Altdeponie in zwei Bereiche aufgeteilt wird. Auf dem ersten, rund sechs Hektar großen Teilbereich, sind derzeit Bagger zugange, die den Müllberg mit per Lastwagen herangeschafftem Erdreich modellieren. „Etwa eine halbe Million Tonnen Erdreich werden hier bewegt“, sagt Gerald Balthasar, der nun mit Jürgen Trautner oben auf dem einstigen Abfallberg steht und einen Plan des Geländes studiert. Bis zum Ende des Jahres soll der erste Abschnitt fertig sein.

Zwei Jahre Ruhephase für die Neubesiedelung

„Danach werden wir diesen Bereich zwei Jahre in Ruhe lassen und beobachten, wie sich Vegetation und Tiere entwickeln“, erklärt Jürgen Trautner, der hofft, dass die Tiere die Fläche rasch wieder besiedeln. Wenn das klappt, nehmen sich die Arbeiter den zweiten, fünf Hektar großen Abschnitt vor. Insgesamt koste der Umbau der Altdeponie ungefähr fünf Millionen Euro, erzählt Gerald Balthasar.

Die deutlich geringeren Kosten für die Artenschutzmaßnahmen kämen noch hinzu, sagt Jürgen Trautner. Er hat auf der Fläche offene Bereiche eingeplant, die als Lebensraum für Eidechsen dienen, rät aber auch dazu, Gehölze zu pflanzen und Wiesen als Lebensraum für andere Tiere anzulegen. Der angrenzende Wald, in dem viele Fichten wachsen, müsse zum Wohle der Haselmaus noch gelichtet werden, sagt der Fachmann – die Büsche, von deren Beeren und Knospen sich das Mäuslein ernähre, kämen dann ganz von allein.

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