Recycling, Kompost, Verbrennung – nur ein geringer Teil des Siedlungsmülls muss deponiert werden. Foto: Heinz Heisse

Es könnten deutlich mehr Wertstoffe aus dem Abfall gewonnen werden, doch ein gutes Konzept ist vorerst nicht zu erkennen. Auch beim Biomüll hat das Land seine hohen Ziele noch nicht erreicht. Aber es gibt durchaus Erfolge zu vermelden.

Stuttgart - Müll scheint ein befriedetes Thema in Baden-Württemberg zu sein – in der Öffentlichkeit wird selten darüber gestritten, der Preis bleibt stabil, neue Deponien oder Müllverbrennungsanlagen müssen nicht gebaut werden. So weit, so gut. Doch bei näherer Betrachtung gibt es durchaus kontroverse Themen, vor allem beim Biomüll und beim Sammeln der Wertstoffe. Wir geben einen Überblick.

Wie stark steigt die Müllmenge?

Seit 1990 ist die Abfallmenge aus privaten Haushalten in Baden-Württemberg um etwa acht Prozent gestiegen. Da zugleich die Einwohnerzahl um zehn Prozent zugenommen hat, ist dies ein moderater Wert; die Strategie der Müllvermeidung scheint also teilweise erfolgreich zu sein. Konkret heißt das: 2015 (das sind die neuesten verfügbaren Zahlen) hat jeder Einwohner im Land 353 Kilogramm Abfall in Rest- und Biotonne sowie den Gelben Sack geworfen.

Allerdings sind diese sogenannten Siedlungsabfälle nur ein geringer Teil des gesamten Abfallaufkommens. Im Jahr 2015 machten sie gerade 13 Prozent aus. Der größte Brocken, oft im wahrsten Sinne des Wortes, sind die Bauabfälle aus dem Straßenbau und dem Abriss alter Gebäude – auf sie entfielen 79 Prozent. Und diese Gesamtmenge steigt kräftig. 2011 lag sie noch bei 40,6 Millionen Tonnen, 2015 waren es 47 Millionen Tonnen.

Was geschieht mit dem Müll?

Betrachten wir zunächst wieder nur den Siedlungsmüll: Dann lässt sich die frohe Botschaft verkünden, dass nicht einmal ein Prozent dieses Abfalls noch deponiert werden muss. So kommt es zu dem Umstand, dass nirgendwo im Land derzeit eine neue Deponie gebraucht wird. Fast der gesamte Müll wird entweder direkt als Wertstoff recycelt, zu Kompost verarbeitet oder in einer Biovergärungsanlage genutzt oder zumindest verbrannt – so lässt sich Strom und Fernwärme gewinnen.

Allerdings verwässern diese tollen Quoten, wenn man den gesamten Müll anschaut, den die kommunalen Entsorger einsammeln. Denn darunter befindet sich wiederum ein großer Anteil Bauschutt (siehe Grafiken), und davon wandern noch immer hohe Anteile auf Deponien. Das drückt die Verwertungsquoten stark nach unten.

Wie entwickelt sich der Preis?

Die Müllpreise in Baden-Württemberg sind nur schlecht vergleichbar, weil jeder Abfallwirtschaftsbetrieb, egal ob bei einer Großstadt oder beim Landkreis angesiedelt, ein etwas anderes System besitzt und unterschiedlich viele Dienstleistungen anbietet. In Stuttgart beispielsweise muss man die Mülltonnen nicht einmal an die Straße stellen; sie werden direkt aus dem Keller geholt und geleert. Apropos: Täglich werden im Land eine Viertel Million allein an Restmülltonnen geleert.

Das Umweltministerium versucht dennoch jährlich eine Preisübersicht. Und siehe da: In den vergangenen 15 Jahren war der durchschnittliche Entsorgungspreis für einen Vier-Personen-Haushalt rückläufig gewesen und in den letzten fünf Jahren zumindest stabil. 2016 lag dieser Preis bei 150,41 Euro pro Jahr; 2002 waren es noch 175 Euro gewesen. Je nach Landkreis schwankte der Preis 2016 aber tatsächlich zwischen 90 und 230 Euro pro Haushalt.

Wie sieht es beim Restmüll aus?

Im Abfallwirtschaftsplan setzt sich das Land hohe Ziele: Jeder Einwohner soll bis 2025 noch höchstens 104 Kilogramm Restmüll produzieren; derzeit sind es noch 142 Kilogramm. Das könnte nur gelingen, indem man die verbliebenen Wertstoffe im Restmüll noch konsequenter sammelt und nutzt – das ist mit dem gescheiterten Wertstoffgesetz des Bundes (siehe letzte Frage) aber wieder schwieriger geworden. Dennoch ist seit 1990 viel erreicht worden. Damals wurden nur 23 Prozent des Siedlungsmülls verwertet, heute sind es 47 Prozent.

Gibt es noch Kreise ohne Biotonne?

Zwar schreibt ein Bundesgesetz vor, dass der Biomüll seit 2015 getrennt gesammelt werden muss, doch auch in Baden-Württemberg gibt es unbeugsame gallische Kreise und Städte. Stuttgart etwa hat erst jetzt die Biotonne verpflichtend eingeführt. Und die Landkreise Sigmaringen, Karlsruhe Land und der Alb-Donau-Kreis besitzen laut Frank Lorho, dem Sprecher des Umweltministeriums, noch nicht einmal ein Konzept. Die Mengen seien zu gering, die Kosten zu hoch, argumentiert man dort. Ende 2016 hatten 36 von 44 Stadt- und Landkreisen die Biotonne flächendeckend angeboten. Lorho hofft, dass man gerade mit Stuttgarts Einstieg einen großen Sprung machen wird. Ziel der Landesregierung ist es, 60 Kilogramm Biomüll pro Einwohner bis 2020 zu sammeln; derzeit ist man erst bei 45 Kilogramm. Da hat man also noch ordentlich zu tun.

Der Biomüll wird zu 40 Prozent in Vergärungsanlagen verarbeitet. Laut dem Statistischen Landesamt konnte so genug Biogas gewonnen werden, um 160 000 Menschen mit Wärme und Strom zu versorgen.

Stimmen die Mythen um den Gelben Sack?

Am meisten Zündstoff birgt allerdings die Debatte um den Gelben Sack, die meisten Mythen ranken sich um die Gelbe Tonne. So fragen sich viele Bürger, ob die Müllsortierung zuhause noch sinnvoll ist – Maschinen in der Entsorgung, so liest man immer wieder, könnten dies heute viel zuverlässiger. Vor allem erwarten die Bürger aber, dass dann auch verwertet wird, was sie mühsam sortiert haben. Das geschieht auch – allerdings unterscheiden die Entsorger in „stoffliche“ Verwertung, was die Bürger eigentlich im Sinn haben, und in „energetische“ Verwertung, also in das Verbrennen vor allem in Müllheizkraftwerken. Bei Kunststoffen etwa werden bundesweit laut dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung 45 Prozent im engeren Sinn recycelt und 53 Prozent verbrannt. Das Gerücht, dass viele gelbe Säcke am Ende doch im Ofen landen, stimmt also – auch wenn dies immer noch weit besser ist, als den Müll zu deponieren. Bei Glas liegt die Recyclingquote bei 87 Prozent, bei Papier ist sie noch höher.

Im vergangenen Jahr hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ihr geplantes Wertstoffgesetz zu den Akten legen müssen – Ziel war es gewesen, dass nicht nur Verpackungen, sondern alle Wertstoffe in die Gelbe Tonne gegeben werden können, also etwa auch die immer wieder zitierte Bratpfanne, die derzeit in den Restmüll wandern muss. So wollte man die Wertstoffmenge deutlich erhöhen. Das Gesetz scheiterte aber am Widerstand der rund zehn bundesweit aktiven privaten Entsorgungsunternehmen wie dem „Dualen System Deutschland“, die sich in ihrer Existenz gefährdet sahen.

Baden-Württemberg hätte sich auch mehr Einfluss der kommunalen Entsorger gewünscht, ist aber dennoch mit dem bisher Erreichten zufrieden. Das Ziel war, dass bis 2020 jeder Einwohner 160 Kilogramm Wertstoffe pro Jahr sammelt. Das hat man bereits übertroffen: 2015 waren es 166 Kilogramm gewesen. Am fleißigsten waren übrigens die Baden-Badener mit 228 Kilogramm. Am schlechtesten schneidet Stuttgart ab – mit gerade einmal 108 Kilogramm.

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