Was man alles im Müll finden kann? Wir haben einen Mülltaucher begleitet. Klicken Sie sich durch die Bilder von seinem nächtlichen Streifzug durch die Hinterhöfe. Foto: Belser

Wir haben einen Mülltaucher bei seiner nächtlichen Suche nach weggeworfenem Essen begleitet. 

Stuttgart - Die Hälfte aller Lebensmittel kommen erst gar nicht auf den Teller. Sie landen in der Tonne. Die sogenannten Mülltaucher suchen ihr Essen im Abfall und protestieren so gegen diese Verschwendung. Einer von ihnen hat uns gezeigt, was man Leckeres im Müll finden kann.

Man stelle sich einen Laster vor. Er steht im Stau, was noch keine allzu große Vorstellungskraft erfordert. Doch vor ihm stehen weitere 500.000 Laster, die Kolonne reicht von Berlin bis Peking. Sie alle haben dasselbe geladen. Müll, essbaren Müll, oder anderes gesagt: weggeworfene Lebensmittel. In Deutschland landen 20 Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr in der Mülltonne. Unvorstellbar.

Diese Zahlen hat der Autor und Regisseur Valentin Thurn recherchiert. In seinem Film "Taste the Waste", der zurzeit in den Kinos läuft, thematisiert er das Ausmaß dieser Verschwendung. "Taste the Waste", probiere den Müll.

Schuld ist das System

Björn (Name von der Redaktion geändert) probiert den Müll nicht nur, er isst ihn auf. Fast alles, was bei dem 19-Jährigen auf dem Teller landet, kommt aus der Tonne. Für sein täglich Brot geht Björn tauchen. Seit zwei Jahren fischt er sein Essen aus den Müllcontainern von Supermärkten und taucht dafür gelegentlich kopfüber in die Abfalltonne. Er gehört zu geschätzten 5000 Dumpster-Diver, also Mülltauchern, in Deutschland.

"Ich seh nicht ein, dass Essen, das noch gut ist, weggeschmissen wird", sagt Björn. Für ihn ist Nahrung eines der wertvollsten Güter, neben Wasser und Sauerstoff. Dieses Gut wird offenbar nicht mehr geschätzt. Schuld ist für Björn das System, das sich nicht mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, sondern nur noch am Profit. Das Mülltauchen ist sein stiller Protest gegen die Wegwerfgesellschaft.

Geld spielt dabei auch eine Rolle. "Ohne Containern könnte ich mir keinen Urlaub leisten", sagt der Auszubildende Jugend- und Heimerzieher im ersten Lehrjahr. In erster Linie ist er jedoch Überzeugungstäter. "Indem ich selber nicht einkaufe, unterstütze ich dieses System auch nicht."

So viel zum theoretischen Überbau im Wohnzimmer, nun zur Praxis. Es ist nach Mitternacht. Die Supermärkte sind geschlossen, der Müll ist entsorgt. Zeit für Björn aufzubrechen. Zu seinem Streifzug durch die Hinterhöfe.

Auch Müll ist Eigentum

Die schwarze Kapuze seines Pullis zieht sich der 19-jährige tief ins Gesicht. Bei seinem nächtlichen Spaziergang durch die Stuttgarter Innenstadt will er nicht erkannt werden. Schließlich begeht er eine Straftat. Auch Müll ist Eigentum. Auf dem Rücken trägt Björn einen riesigen gelben Rucksack. Selbst im Dunkeln ist er von weitem zu sehen. "Die Farbe ist nicht optimal, aber wir haben ihn geschenkt bekommen."

Mit "wir" meint er die anderen Mitglieder seiner Wohngemeinschaft, Mülltaucher wie er. Ihr Revier umfasst sieben Supermärkte und Bioläden in der Innenstadt. Früher waren es mehr. Inzwischen haben einige Geschäfte auf die Mülltaucher reagiert. Ihre Abfallcontainer sind nun abgeschlossen oder stehen im Keller.

Heute Nacht geht es auf die kleine Runde. Die erste von drei Stationen ist erreicht. Eine dunkle Einfahrt einer Tiefgarage direkt an der Hauptstraße. Gleich daneben der Supermarkt. Björn geht zielstrebig auf die Container in der hintersten Ecke zu. In der Tiefgarage geht das Licht an. Bei Björn keine Reaktion. Er weiß, das ist nur der Bewegungsmelder, der die Beleuchtung automatisch einschaltet. Die Taschenlampe im Mund schiebt Björn den Deckel des Containers mit beiden Händen hoch.

Volltreffer. Der Container ist bis oben voll, voll mit Lebensmitteln. Fliegen kreisen um den Lichtstrahl. Ein süßlicher Geruch dringt modrig aus der Tonne. "Im Sommer ist es ekeliger, da faulen die Sachen schneller", erklärt Björn.

Sechszehn Flaschen hochwertigen Rotwein

Im Container ein wildes Durcheinander. Gurken, Zucchini, Paprika, Auberginen. Clark Gable eng umschlungen mit Vivien Leigh, auf der Verpackung von Cremissimo "Vom Winde verweht", das neue Eis von Langnese.

Björn hat keinen Appetit auf geschmolzene Eiscreme. Er begutachtet einen riesigen Salatkopf und findet einen kleinen braunen Fleck unter der Zellophanhaut. "Deswegen schmeißen sie ihn weg. Dabei kann man die braune Stelle leicht raus schneiden." Doch Kunden bevorzugen Gemüse ohne Dellen.

Nun hält Björn ein Sechserpack Äpfel in der Hand. Ein Klassiker für Mülltaucher. Fünf davon sind tadellos, keine Delle zu sehen. Einer fault vor sich hin. Also reißt Björn die Plastikhülle auf und sortiert den fauligen Apfel aus. Der Trend immer mehr Lebensmittel in bestimmte Mengen abzupacken, ist nicht nur der Grund, warum völlig einwandfreie Äpfel in der Mülltonne der Supermärkte landen. Die Sechser-, Achter- oder Zehnerpacks füllen auch die privaten Abfalleimer. Es ist günstiger Lebensmittel abgepackt als einzeln zu kaufen. Für Kunden besteht also ein Anreiz mehr zu kaufen, als sie eigentlich brauchen. Laut einer Studie der Vereinten Nationen schmeißt jeder Deutsche im Schnitt 115 Kilogramm Nahrungsmittel pro Jahr in seine Mülltonne.

"Oh, ist das geil", freut sich Björn. Er hat beim Wühlen im Müll eine Wassermelone entdeckt. Melonen findet er selten. Was war sein bisher spektakulärster Fund? "Einmal habe ich sechzehn Flaschen hochwertigen Rotwein gefunden."

Plötzlich steht eine Frau auf ihrem Balkon

Björns Rucksack ist fast schon voll. Kohl, Salat, Aubergine, Radieschen, Äpfel, Birnen, Orangen und die Melone. Es geht zur nächsten Station, Björn braucht noch Brot. Diesmal wird der Weg zum Container beschwerlicher.

Björn läuft in einen Hinterhof. An einer Wand stehen zwei Autos. Die Wand reicht ihm bis zum Hals. Er zieht sich hoch, schon ist er drüber. Wenige Meter dahinter die nächste Wand. Dann noch über einen Zaun. Vor dem Zaun steht ein Anhänger, der sich als Sprungrampe anbietet. Björn springt. Plötzlich steht eine Frau auf ihrem Balkon im zweiten Stock. "Was machen Sie da?", ruft sie hinunter. "Nichts Schlimmes wir Containern nur, wir machen nichts kaputt", antwortet Björn.

Zweimal ist er von der Polizei erwischt worden. Nicht am Container, sondern als er gerade einen Hinterhof verließ. Die Polizisten kontrollierten seinen Rucksack. Woher er die Lebensmittel habe, wollten sie wissen. Aus dem Müll. Sie ließen ihn gehen. Bei einem Diebstahl im Wert von Null Euro wird die Klage ohnehin eingestellt.

Doch nach dem Wortwechsel mit der Frau merkt man Björn an, er hat es jetzt eilig, er will in dieser Nacht keine Polizisten treffen. Schon steht er neben mannshoch gestapelten Plastikkisten. Darin die verschiedensten Backwaren. Björn entscheidet sich für drei Laiber Roggenbrot und mehrere Brezeln. Nur ein Brot ist verpackt. "Das ist auch nicht unhygienischer als wenn man das Brot im Laden kauft. Es wird morgens nämlich in denselben Kisten angeliefert." Noch schnell ein Blick in die Container. Ein Netz Trauben und eine Packung Fruchtzwerge mehr passt nicht in den Rucksack.

Fruchtzwerg als kleine Belohnung

Das Mindesthaltbarkeitsdatum der Fruchtjoghurts ist abgelaufen. Kein Grund für Björn sie wegzuschmeißen. Solange sie nicht schimmeln, sind sie gut. Er erkennt schon von außen, dass er in keinem der Joghurts Schimmel finden wird. "Sonst würden sich die Joghurtdeckel aufblähen wegen des Gärprozesses."

Auf zur letzten Station. Björn will noch kurz zum neuen Biomarkt nach Tofu und Sojamilch schauen. Keine Wand, kein Zaun, einfach auf den Kundenparkplatz abbiegen. Seit er sich aus der Tonne ernährt, ist Björn Veganer. Fleisch ist tabu, die Salmonellengefahr zu groß und Massentierhaltung kann er auch nicht mehr akzeptieren. Tofu und Sojamilch sind die einzigen Lebensmittel, die er ab und zu noch einkauft. In den Containern findet er beides nur selten. Bei diesem Bioladen sind selbst die Container nicht auffindbar. Sie stehen wohl im Keller. Also zurück zur WG.

In der Küche folgt der letzte Akt des Containers. Björn wäscht das Gemüse. Sorgfältig schneidet er die braunen Stellen aus dem Salat und zupft die äußeren Kohlblätter ab. Doch waschen reicht nicht. "Im Container mischt sich das Gute mit dem Schlechten, da kommen dann Bakterien ran." Deshalb isst der 19-Jährige nur erhitztes Gemüse. Die Hitze tötet die Bakterien. Krank habe ihn das Essen aus der Mülltonne noch nie gemacht. Im Gegenteil. "Seit ich container, ernähr ich mich bewusster und gesünder." Früher war er stark übergewichtig, hat viel Fast Food gegessen. Als Mülltaucher hat er fast 60 Kilo abgenommen. "Jetzt komm ich leichter über die Mauer."

Um zu kochen, ist es inzwischen viel zu spät. Eine kleine Belohnung nach der anstrengenden Nahrungssuche hat sich Björn aber verdient. Er reißt den Deckel eines Fruchtzwergs auf. "Hm, lecker."

Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn hat über die Lebensmittelverschwendung auch ein Buch geschrieben.  Am Donnerstag, 6. Oktober, um 19.30 Uhr im Kutschersaal der Stadtbücherei Esslingen, Webergasse 4–6,  stellt er „Die Essensvernichter – warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist“ vor. Der Eintritt beträgt fünf Euro.

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