Vor elf Jahren stürzte der Österreicher Hans Grugger auf der legendären Streif in Kitzbühel schwer. Er hat großes Glück gehabt. Heute ist er froh, dass sein Körper wieder funktioniert.
Stuttgart - Noch kein Abfahrtsrennen war in Kitzbühel absolviert – doch schon zeigte die Streif ihre böse Fratze. Der deutsche Abfahrer Josef Ferstlwar am Mittwoch im Training schwer gestürzt und musste mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. „Wenn der Helikopter kommt, ist das nie ein gutes Zeichen“, ahnte Ferstls Teamkollege Dominik Schwaiger – aber er sollte glücklicherweise nicht recht behalten. Ferstl kam bei seinem schweren Sturz mit einer Abschürfung an der Nase, ein paar Prellungen und dem Schrecken davon. „Ich bin froh, dass der Sturz glimpflich verlaufen ist“, sagte der Bayer.
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In Kitzbühel finden an diesem Wochenende zwei Abfahrten statt. Hans Grugger will die Rennen vor dem Fernseher verfolgen. Er wird aber einen anderen Blick auf das Spektakel haben als normale Zuschauer – und der Sturz von Ferstl hat ihn erschreckt. Der Skirennläufer aus Österreich war vor elf Jahren auf der Streif in der Passage Mausefalle schwer gestürzt. Mehrere Brüche, eine Lungenverletzung, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma – das alles zog er sich zu. Nach einem Monat auf der Intensivstation der neurochirurgischen Universitätsklinik in Innsbruck wurde er zur Rehabilitation in das Landeskrankenhaus Hochzirl verlegt und von dort am 18. März 2011 entlassen. Einen Monat später gab er aus gesundheitlichen Gründen das Ende seiner Karriere bekannt.
Ferstl darf auf Holz klopfen
Mittlerweile ist Hans Grugger froh, dass er kein Rennläufer mehr ist. „Ich habe höchsten Respekt vor den Burschen, die sich da runterhauen, es ist noch immer interessant zum Zuschauen für mich – aber nur so lange nichts passiert“, sagt er zur gefährlichsten Abfahrt der Welt in Kitzbühel im Gespräch mit unserer Redaktion. Wenn es Stürze gebe, könne er sich das nicht mehr anschauen und macht dann den Fernseher aus – so wie auch beim Abfahrtstraining mit dem Ferstl-Unfall. „Dann kommt alles wieder so ein bisschen hoch bei mir“, erklärt Grugger. Er meint damit nicht den Sturz, an den kann er sich ja überhaupt nicht mehr erinnern. Er meint die Rehabilitation und das ganze Drumherum. „Mir tut jeder leid, der nach einem Skiunfall so etwas mitmachen muss.“ Josef Ferstl darf dreimal auf Holz klopfen.
Hans Grugger ist indes durch die Hölle gegangen, der Weg zurück ins Leben war lang und steinig. Heute ist er gottfroh, weil er sich wiederhergestellt fühlt. „Ich habe das Glück gehabt, dass ich so gut wie keine bleibenden Schäden habe“, sagt der ehemalige Abfahrer. Sein rechter Fuß sei minimalst beeinträchtigt, und zwar so minimal, dass er es nicht mehr als Schaden wahrnimmt, und auch die Wirbel- und Rippenbrüche haben ihn später nicht mehr beeinträchtigt. Das große Problem war der Kopf. „Bis Konzentration und Aufmerksamkeit wieder zurückkamen, hat es fünf Jahre gedauert“, erinnert sich Grugger, für den das Schädel-Hirn-Trauma das größte Problem darstellte.
Das Studium abgeschlossen
Ob das Gehirn wieder vollständig hergestellt ist? „Das kann ich nicht beurteilen, weil ich es früher für etwas anderes gebraucht habe und es jetzt auch für etwas anderes hernehme“, sagt Grugger und lacht. Die Skifahrwelt und das normale Leben seien nun einmal nicht zu vergleichen. Doch auf alle Fälle sei sein Gehirn wieder in einem guten Zustand. „Ich habe mein Studium abgeschlossen, von dem her bin ich eigentlich sehr zufrieden und glücklich, wie mein Kopf jetzt funktioniert.“
Der Mann, der vier Weltcuprennen gewann, studierte Sport und Geografie auf Lehramt. Seit zwei Jahren unterrichtet Hans Grugger in Ebensee bei Bad Ischl, wohin er seiner Frau folgte, an der dortigen Sportmittelschule. Seine Tochter ist sechs Jahre alt, sein Sohn drei.
Zurück im Leben
Nach seinem Horrorsturz ist er wieder voll im Leben angekommen und hat sich eine Existenz aufgebaut – dafür ist er dankbar. Vor allem seinen Lebensrettern. „Das sind all die Ersthelfer und auch die Ärztin, die die ganze Erstversorgung vom Sturz bis in Krankenhaus durchgeführt hat“, sagt Grugger. Zu einigen Flugrettern, die ihn mit dem Hubschrauber geborgen und überführt hatten, ist er noch heute in Kontakt – da sind richtige Freundschaften entstanden.
Erst am Dienstag ist der Lehrer mit seinen Schülern übrigens mal wieder oben am Berg beim Skifahren gewesen – in Österreich gehört das zum Sportunterricht dazu. Wenn er aber mal allein fährt, dann lässt er es manchmal wieder kurz krachen – einmal Abfahrer, immer Abfahrer. Doch nach wenigen Schwüngen spüre er, dass sein Körper im Alter von 40 Jahren und auch mit der Vorgeschichte „dafür nicht mehr geeignet“ sei. Also nimmt Hans Grugger das Gas wieder raus und geht kein Risiko ein. Dafür war der Weg zurück ins Leben viel zu schwer.