Abenteuer in Steinenbronn Wer traut sich, nachts allein im Wald zu schlafen?

Von Malte Klein 

Über den Streuobstwiesen bei Steinenbronn geht die Sonne auf. Der Weg aus dem Wald führt der Morgensonne entgegen. Foto: Malte Klein
Über den Streuobstwiesen bei Steinenbronn geht die Sonne auf. Der Weg aus dem Wald führt der Morgensonne entgegen. Foto: Malte Klein

Mikroabenteuer sind ein neuer Trend. Unser Autor hat es ausprobiert und eine Nacht mitten im Wald unter freiem Himmel geruht. Ungewohnt war vor allem eine Sache.

Steinenbronn - Da raschelt doch was. Es hört sich an, als wäre eine Kröte oder ein Frosch im Laub neben mir unterwegs. Jetzt höre ich es deutlich neben meinem rechten Ohr. Dann sehe ich wohl besser nach. Meine Hand fischt die Taschenlampe aus dem Schlafsack. Ich lasse den Lichtstrahl über das welke Laub neben mir gleiten. Doch ich sehe keine Kröte, keinen Frosch und auch sonst kein Tier. Meine Uhr zeigt 3.09 Uhr, mitten in der Nacht. Als ich das Licht lösche und mich wieder auf meine Isomatte gelegt habe, raschelt es erneut. Ich bin in dieser Nacht alleine und übernachte im Steinenbronner Wald etwa einen Kilometer von den letzten Häusern der Sindelfinger Straße entfernt. Ein Zelt habe ich nicht aufgestellt, denn das wäre verboten. Unter freiem Himmel zu schlafen ist rechtlich möglich. Darum liege ich auf der Isomatte in meinem Schlafsack und würde gerne einschlafen. Wenn nur das Rascheln nicht wäre.

Dieses Mal fällt der Lichtkegel der Taschenlampe auf einen großen, schwarzen Käfer. Später finde ich heraus, dass es ein Waldmistkäfer ist. Man könnte auch sagen, dass er eine Art mobile Kläranlage ist, denn er lebt vom Kot anderer Tiere in Buchenwäldern. Dazu passt, dass mein Schlafplatz unter einem dichten Blätterdach von Buchen ist. Doch nun bleibe ich sitzen und horche, wie das Rascheln leiser wird. Dann lege ich mich wieder hin.

Über Mikroabenteuer hatte ich bisher nur gelesen

Dass ich im Wald unter freiem Himmel übernachte, hat mehrere Gründe. Ich habe neulich ein Buch über Wälder gelesen und darüber, dass das Übernachten dort generell möglich ist. Außerdem habe ich in einer Zeitschrift überMikroabenteuer gelesen und hatte die Idee, das einmal auszuprobieren. Dazu passt, dass ich gerne draußen bin. Unter einem Mikroabenteuer versteht man ein Abenteuer im Alltag. Das können eine Wanderung oder eine Kanutour plus eine oder mehrere Übernachtungen im Freien sein. Man bricht nach Feierabend auf, erlebt etwas Herausforderndes, Bereicherndes und sieht die Welt, in der man lebt oder arbeitet, mit anderen Augen.

Mein Abenteuer beginnt an einem Ort, an dem auf den Fildern das meiste Gewusel ist: im Terminal des Stuttgarter Flughafens. Menschen ziehen Koffer hinter sich her, begrüßen oder verabschieden Reisende. Ich kaufe mir im Terminal noch etwas zu essen und zu trinken. Die Verkäuferin in der Bäckerei wünscht mir einen schönen Abend. Wenn die wüsste, wie mein Abend aussieht, denke ich und verlasse das Terminal. An Parkplätzen und Parkhäusern vorbei gehe ich raus auf einen Feldweg. Es ist 19.30 Uhr und der Himmel ist stark bewölkt. Regen ist für diese Nacht aber nicht angesagt.

In Echterdingen nehme ich bewusst Nebenstraßen und laufe südlich des Ortes durch Streuobstwiesen. Mein Ziel ist noch gut zwei Stunden Fußmarsch entfernt. Wo ich genau schlafen werde, weiß ich noch nicht. Mein Ziel ist der Wald zwischen Steinenbronn und Schönaich. Als ich die Alte Poststraße entlang gehe, ist es schon ziemlich dunkel. Weiter vorne versperrt etwas den Weg. Als ich näher komme, sehe ich ein Reh. Ich gehe langsamer, um es nicht zu verscheuchen. Wenig später höre ich Motorenlärm und sehe einen Audi, der viel zu schnell die schmale Straße auf mich zu kommt. Ich bleibe am Rand stehen, drehe mich zum Dunkeln und halte mir die Hand vors Gesicht, damit mich das Licht nicht blendet. Dann bin ich wieder alleine.

Dieses Stück Wald ist für mich eine Einstimmung für das Kommende. Zum ersten Mal an diesem Abend höre ich das Rauschen des Windes in den Baumkronen und einen Waldkauz mit dem charakteristischen Ku-witt-Ruf und dem Huu-hu-huhuhuhuu, mit dem er sein Revier markiert. Den Weg sehe ich nur noch schemenhaft. Unten an der Schlößlesmühle knipse ich die Taschenlampe an, mit der ich den Weg beleuchte und die Wegweiser entziffern kann.

Eine leicht ansteigende Fläche mit welken Blättern ist mein Nachtlager

In Steinenbronn führt mich mein Weg am hellerleuchteten Gewerbegebiet vorbei durch den Ort. Mittlerweile ist es nach 21 Uhr und ich sehe flackerndes TV-Licht in Zimmern. Mir wird klar, dass meine Nacht ein Kontrastprogramm dazu wird. Entschlossen biege ich von der Hohewartstraße in die Sindelfinger Straße. Jetzt sollte ich bald ein Plätzchen finden, möchte aber nicht durch das Unterholz kriechen. Schließlich entdecke ich eine leicht ansteigende Fläche mit welken Blättern. Das passt doch.

Ich rolle meine Isomatte aus, lege meinen Schlafsack darauf und krieche hinein. Ich packe die Lampe und das Smartphone in den Schlafsack. Beides werde ich heute Nacht oft brauchen.

So ruhig, wie ich dachte, ist es nicht. Immer wieder übertönen die Turbinen startender Flugzeuge die Geräusche des Waldes. Höre ich keine Flugzeuge, stört mich der Lärm von Autos. Es hört sich an, als wären sie ganz nah. Vielleicht sind die Autos jetzt, wo es Nacht ist, aber auch über Kilometer zu hören.

Morgens kriecht mir die Kälte in die Knochen

Kalt ist mir nicht. Meine Füße sind im Schlafsack sogar richtig warm. Und im Gesicht spüre ich einen Luftzug. Der ist richtig angenehm. Überhaupt riecht die Luft so frisch, dass ich jeden Atemzug genieße. Ich liege wach, döse und schaue wieder auf die Uhr. Es ist eins. Jetzt, wo die Flugzeuge und Autos nicht mehr alles übertönen, höre ich einen Waldkauz schreien. Wenig später sehe ich einen fliegen. Vor ein paar Tagen habe ich mit der Steinenbronner Försterin Kathrin Klein telefoniert. Sie hatte auch einen Tipp zu Wildschweinen parat: „Die riechen Sie und machen einen Bogen. Falls Sie doch eines oder mehrere sehen, gehen Sie ihnen nicht nach“, hatte sie gesagt.

Ein Geräusch wiederholt sich immer wieder. Etwas rauscht durch die Luft und schlägt auf dem Boden auf. Ich frage mich, was das wohl ist. Es macht mir aber auch Sorgen, ob es mich das nächste Mal vielleicht trifft und mich verletzen könnte.

Gegen Morgen wird mir kühl. Die App zeigt 13 Grad an. Langsam wird es hell. So richtig geschlafen habe ich nicht, aber auch nicht die ganze Nacht wachgelegen. Ich muss immer wieder eingenickt sein. Trotzdem fühle ich mich erholt. Je heller es wird, desto stärker verändern sich die Geräusche. Der Waldkauz schweigt. Stattdessen singen andere Vögel. Und nun sehe ich auch, was nachts herunter gefallen ist. Es waren Kiefernzapfen vom Baum nebenan.

Um 7.30 Uhr packe ich zusammen und gehe durch den menschenleeren Wald. Zwischen den Streuobstwiesen laufe ich der Sonne entgegen. Sie verwandelt die gestern schemenhaft erkennbare Fläche in ein Meer aus Licht und Schatten. Der neue Tag beginnt. Ich lasse die Nacht in Gedanken Revue passieren. Es war ein schönes Kontrastprogramm zur täglichen Reizüberflutung, ich bin mitten in der Natur zur Ruhe gekommen. Natürlich schläft es sich im Wald nicht tief. Trotzdem bin ich beim Aufstehen erstaunlich wach gewesen. Und ich genieße es, auf dem Weg zurück ins Dorf niemandem zu begegnen. Das wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.

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