Gerhard Steiner ist einer der Nachtwächter von Gengenbach im Schwarzwald. Foto: dpa//Rolf Haid

Sie sind mit beginnender Dämmerung in vielen Städten unterwegs und ziehen oft einen Schwarm Touristen mit sich. Nachtwächter führen durch Orte und die Vergangenheit. Doch die Gegenwart und Zukunft machen ihnen zu schaffen.

Erfurt - Noch bevor er das Abi in der Tasche hatte, hat Matthias Gose erste Gruppen durch Erfurts enge, gepflasterte Gassen geführt. Das ist nun 22 Jahre her, aber die Begeisterung für die Aufgabe hat er längst nicht verloren. Das merken auch die Touristen, die er auf einen romantischen Abendspaziergang durch die Altstadt und auf eine kleine Zeitreise mitnimmt. Er hebt den Dreispitz vom Kopf und stellt sich als Nachtwächter Matthias vor und beginnt mit der Geschichte, wie Till Eulenspiegel in der Landeshauptstadt dem Esel das Lesen beigebracht haben soll. Dann zündet er eine Laterne an, nimmt sie in die eine und einen Spieß in die andere Hand und marschiert los. Die Gruppe folgt.

Unzählige Male hat Gose schon Touristen durch Erfurt geführt, seit 20 Jahren auch als Nachtwächter. Im Mittelalter sei der Nachtwächter gesellschaftlich nicht hoch angesehen gewesen, berichtet Gose. Der Nachtwächter habe vor allem prüfen müssen, dass die Stadttore verriegelt waren und sei auch der Brandschutzwächter gewesen.

Nachtwächterführungen sind ein beliebtes touristisches Angebot

Für die Sicherheit sind Gose und die anderen Nachtwächter, die durch Thüringens Städte führen, nicht mehr zuständig. Für den Tourismus aber spielen sie eine wichtige Rolle: In den meisten Städten im Freistaat seien die Nachtwächterführungen ein festes und vor allem auch beliebtes Angebot, erklärt Mandy Neumann von der Thüringer Tourismus GmbH (TTG). „In vielen Städten sind sie sogar nicht mehr wegzudenken.“ In Gotha etwa gehörten die Touren zu den „Bestsellern“ bei den Erlebnisführungen.

Von Bad Frankenhausen bis Schmalkalden, von Gera bis Eisenach führen in mindestens gut einem Dutzend Städte Nachtwächter - mal bei öffentlichen Veranstaltungen oder mal einzeln von einer Gruppe gebucht - von einer historisch wertvollen Ecke in die andere. Preis und Umfang variieren dabei von Stadt zu Stadt. Nicht immer sind es Nachtwächter, die durch den späten Abend leiten, auch andere von der Geschichte inspirierte Charaktere übernehmen dies. Oft geht es dabei nicht nur um die Vermittlung von Daten und Fakten, sondern auch um Unterhaltung.

Bei den Führungen gibt es Fakten und Anekdoten

Gose versteht diese Kunst: Er berichtet auf seiner Tour durch Erfurts Altstadt von amüsanten Anekdoten und schaurigen Legenden und verknüpft es mit Wissen über die Gesellschaft und Wirtschaft von damals. So manchen derben Inhalt verpackt er dabei in altertümlich wirkende Sprache. Die Besucher lauschen aufmerksam, lachen über Worte wie „Saufloch“ und kommentieren das Erzählte. „Man ist auch ein stückweit Schauspieler“, sagt Gose. Dazu gehört auch ein Kostüm. Teile seiner „Dienstbekleidung“ stammten von einem 120 Jahre alten Hochzeitsanzug, sagt er. Die schwarzen Schuhe aber seien etwas jünger: „Alte NVA-Stiefel“, verrät Gose und muss selbst über die historische Kombination lachen - immerhin hat der 42-Jährige Archäologie und Geschichte studiert.

Gose führt nicht nur Touristen durch die Stadt, er bildet auch andere Stadtführer aus und ist für entsprechende Kurse an der Volkshochschule verantwortlich. „Jeder soll möglichst eigene Ideen für Führungen entwickeln“, erklärt Gose. Seine Schüler schickt er schon mal ins Archiv und die Bibliothek, um Material für eine Tour zusammenzustellen.

Für viele seiner Nachtwächterkollegen sei es ein Nebenjob, sagt Gose. Er aber sei ein Solo-Selbstständiger, arbeite auf Honorarbasis und spüre auch deshalb die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Tourismus deutlich.

Die Teilnehmerzahl ist wegen Corona begrenzt

Eigentlich seien die Führungen sehr gut gebucht, heißt es von der Erfurt Tourismus und Marketing GmbH. Doch durch die Pandemie seien die Führungen zeitweise komplett ausgefallen und auch aktuell sei die Teilnehmerzahl auf maximal 15 begrenzt, um Anti-Corona-Auflagen einzuhalten. Zuvor seien Gruppengrößen von bis zu 25 oder auch 35 möglich gewesen. Zudem fehlten nach wie vor Schülergruppen und Messebesucher, für die Führungen oft zum Rahmenprogramm gehörten.

Wie gebeutelt die Tourismusbranche durch die Corona-Krise ist, haben bereits erste geschätzte Zahlen des Thüringer Landesamts für Statistik gezeigt: Allein im April sei die Zahl der Übernachtungen in Hotels, auf Campingplätzen und in anderen größeren Herbergen im Vergleich zum Vorjahresmonat um rund 87 Prozent auf 108 800 zurückgegangen. Die Zahl der Gästeankünfte brach demnach sogar um 94 Prozent auf 18 500 ein.

Gose versucht, das Ganze noch leicht zu nehmen: „Ich sag’s mal mit Humor: Dann zahl’ ich dieses Jahr weniger Steuern.“ Aber mit der Aussicht, dass womöglich auch die Weihnachtsmarkttouristen wegbrechen, die sonst Bus-weise in der Adventszeit nach Erfurt kommen, verfinstert sich auch Goses Gesicht etwas. „Ich brauche das Weihnachtsgeschäft, um Polster für den Jahresanfang zu schaffen.“ Denn im frostigen Januar wollen in der Regel kaum Menschen über das eisglatte Kopfsteinpflaster geführt werden.

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