Die Anzeige ist für die Autofahrer in Stuttgart Routine. Vom 15. Oktober an ruft die Stadt wieder Feinstaubalarm aus. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Am Dienstag beginnt die fünfte Feinstaubalarm-Periode in Stuttgart. Der erneute Aufruf, bei dicker Luft das Auto stehen und den Komfortkamin kalt zu lassen, könnte der letzte sein. Es drohen weitere Fahrverbote.

Stuttgart - Die Luft in der Großstadt soll dauerhaft besser werden. Ein Mittel dazu ist der Feinstaubalarm, er soll die Bürger für das Thema Luftreinhaltung sensibilisieren. Die Saison beginnt am 15. Oktober und reicht bis zum 15. April 2020. „Bleiben wir unter den Grenzwerten, stellen wir den Alarm ein“, sagt OB Fritz Kuhn (Grüne).

Wie ist die Lage beim Feinstaub?

Nach etlichen Jahren mit starken Überschreitungen der zulässigen Belastung wurde die Grenze von maximal 35 Tagen im Jahr mit mehr als 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft im Jahr 2018 erstmals eingehalten. Es gab nur 20 Überschreitungstage. 2017 waren an der Messstation am Neckartor noch 45 Tage erreicht worden. In diesem Jahr zählte die Landesanstalt für Umwelt und Messungen (LUBW) bisher 20 Überschreitungstage. Im Vorjahr waren es bis zum 15. Oktober 17 gewesen.

Wie sind die Regeln für den Alarm?

Wie bisher muss der Deutsche Wetterdienst (DWD) für zwei aufeinanderfolgende Tage ein stark eingeschränktes Austauschvermögen der Atmosphäre voraussehen. Solche Bedingungen herrschen vor allem im Winterhalbjahr häufiger, die Luft reichert sich dann mit Schadstoffen an. Zunächst aber gibt der DWD Entwarnung. Nach einem sonnigen Wochenende mit „noch relevanter Thermik“, also Aufwind, gebe es in der Nacht auf Dienstag wohl einen „frontalen Strömungseinfluss“, sagt Diplom-Meteorologe Clemens Steiner. Einfacher gesagt: „Vermutlich gibt es einen Wetterumschwung“ – mit Regen, der Feinstaub auswäscht.

Welche Folgen hat der Appell?

Wer trotz Appell zum Umstieg auf Bus und Bahn in sein Auto steigt, hat nichts zu befürchten. Wer aber einen Komfortkamin anfeuert, der nur nicht die einzig mögliche Wärmequelle für ein Haus oder eine Wohnung ist, verstößt gegen die Verordnung des Landes und riskiert ein Bußgeld. Kaminofenbesitzer müssen aber nicht dauerhaft in die Röhre schauen: Die Verordnung gilt nur bis Mitte April 2022.

Wie war die Wirkung des Alarms?

Die Appelle zum Umstieg auf Busse und Bahnen hatten bisher einen überschaubaren Effekt. Aussagen zur Verkehrsentwicklung aufgrund des Feinstaubalarms seien „äußerst schwierig“, befand das Verkehrsministerium schon 2016, da viele Faktoren die Lage beeinflussten. Der Verkehrsrückgang habe „abgeschätzt“ ein bis drei Prozent betragen. – Bei starkem Schneefall in Stuttgart lassen erkennbar mehr Menschen ihr Auto stehen und füllen den Nahverkehr.

Gibt es wieder billigere Fahrkarten?

In dieser Alarmsaison wird es keine verbilligten Einzel- oder Tageskarten für VVS-Gelegenheitsnutzer geben. Die Träger des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) haben im April 2019 die große Tarifreform mit einer drastischen Vereinfachung von 52 auf fünf Ringzonen umgesetzt, zudem auf eine Tariferhöhung verzichtet. Um die Mindereinnahmen auszugleichen sind voraussichtlich jährlich rund 42 Millionen Euro Zuschüsse der VVS-Landkreise, der Stadt Stuttgart und (begrenzt bis 2024) des Landes nötig. Allerdings gibt es für alle, die ihr Abo über die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) abgeschlossen haben, ein Angebot: Wer von den Stammkunden einen neuen Kunden im Bereich des VVS wirbt, erhält 50 Euro, der Abo-Neukunde ebenfalls. Abgeschlossen werden muss bis 1. Februar 2020. Auch die DB gibt eine 50-Euro-Prämie, und zwar bis Januar.

Gibt es sonstige Vergünstigungen?

Die Autoteiler Share Now (früher: Car2go), und Stadtmobil geben Erstkunden einen Bonus. Share Now gibt 10 Euro Startguthaben und eine kostenlose Anmeldung, Stadtmobil bei Vertragsabschluss an einem Alarmtag je 10 Euro Guthaben auf die erste beiden Fahrtkostenabrechnungen. Auch Firmen denken an ihre Mitarbeiter, zum Beispiel gilt bei Porsche bei Feinstaubalarm erneut der Hausausweis mit VVS-Aufkleber als kostenloses Verbundticket.

Was ist mit dem Diesel-Fahrverbot?

Zunächst: Das Diesel-Fahrverbot bis einschließlich der Schadstoffklasse Euro 4 hat mit dem Feinstaubalarm und der Feinstaubbelastung nichts zu tun. Es wurde nach einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts auf eine Klage der Deutschen Umwelthilfe hin im Luftreinhalteplan für das ganze Stadtgebiet verankert. Maßgebend ist nicht die Feinstaub-, sondern die Stickstoffdioxidbelastung. Auch sie geht zurück, allerdings bisher nicht im notwendigen Maß, nämlich auf unter 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel. Für 2018 wurden am Neckartor 71, der Hohenheimer Straße 65 und am Klett-Platz 46 Mikrogramm gemessen.

Kommen weitere Fahrverbote in Stuttgart?

Ja, sie sind absehbar und hätten für Euro-5-Diesel laut Urteil bereits im September 2019 verfügt werden müssen. Die Landesregierung umgeht dieses Urteil. Sie will für Euro-5-Diesel im Januar 2020 nur auf vier stark belasteten Strecken in der Stadt ein Fahrverbot aussprechen. Sollte bis Jahresmitte die 40 Mikrogramm nicht erreicht sein, sei aber eine weitere Verschärfung auf ein flächendeckendes Verbot möglich.

Wie viele Autos gibt es in der Stadt?

Zum 30. September gab es 304 093 Autos, davon 84 159 Diesel (27,7 Prozent). Ende 2016 waren es noch 107 564 Selbstzünder gewesen. Von den Dieseln erfüllen 6198 die Euro-4-Norm und 21 483 die Euro-5-Norm. Elektrofahrzeuge sind 2416 angemeldet.

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