Nicholas Carter Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zur Spielzeit 2026/27 wird der Australier Nicholas Carter (39) als Nachfolger von Cornelius Meister Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart. Wie sieht er das Haus und das Orchester, und was muss aus seiner Sicht ein Theater in einer Gesellschaft der Individualisten und Filterblasen leisten?

Als Nicholas Carter zusagte, an der Staatsoper Stuttgart „Der Spieler“ einzustudieren, wusste er noch nicht, dass man ihn wenig später als Generalmusikdirektor verpflichten würde. An diesem Sonntag ist Premiere.

 

Herr Carter, Ihr Deutsch ist ja richtig gut!

Wenn ich über Musik und Theater rede, ist mein Deutsch okay. Aber wenn ich bei meinem Steuerberater sitze, fühle ich mich so, als würde er mit mir Ungarisch sprechen.

Mittlerweile sind Sie Chefdirigent der Oper Bern. Werden Sie Ihre Arbeit dort beenden, wenn Sie nach Stuttgart kommen?

Ja, die laufende Spielzeit wird dort meine letzte sein. Nach der Premiere von „Der Spieler“ hier an der Staatsoper beginnen in Bern die Proben für meine letzte Produktion in Bern: Wagners „Götterdämmerung“, das Ende meines „Ring“-Zyklus’ dort. Ist das nicht ein fantastischer Abgang?

Warum sind Sie eigentlich Dirigent geworden? Sie haben als Kind und Jugendlicher ja auch Klavier und Geige gelernt und im Knabenchor gesungen.

Mein Vater ist Immobilienmakler, ebenso wie sein Vater und Großvater. Ich hätte in das Geschäft einsteigen sollen, aber ich war verrückt nach Musik, und mit dem Knabenchor habe ich Mahlers Dritte und Orffs „Carmina burana“ aufgeführt und war bei „Zauberflöte“, „Tosca“ und „Macbeth“ dabei. Weil ich nicht aus einer musikalischen Familie komme, hatte ich aber immer das Gefühl, sehr viel mehr leisten zu müssen als andere, um dazu zu gehören. So kam ich zum Dirigieren, denn ein Dirigent muss sehr viel wissen und können.

Ihr Weg war begleitet von starken Mentoren: Sie waren Assistent von Vladimir Ashkenazy in Sydney, von Simone Young in Hamburg, von Donald Runnicles in Berlin, und auch Yannick Nézet-Séguin ist ein großes Vorbild. Hatten Sie viel Glück?

Ja, unbedingt. Aber man muss das Glück auch zu nehmen wissen. Und ich hatte mit Richard Gill in Australien einen exzellenten Lehrer, bei dem ich nicht nur viel über Musik gelernt habe, sondern auch über Philosophie und Literatur. Ich wollte Einflüsse von überallher. Ich habe an der Uni auch Cembalo studiert, meine Frau ist Barockgeigerin, ich komme also auch ein bisschen von der Alte-Musik-Welt, aber gleichzeitig auch von Wagner, Strauss und Bruckner. Ich will alles dirigieren.

Auch in Stuttgart?

Ich schätze die Tradition dieses Hauses sehr: Wagner und Strauss als Kern, dazu Mozart und Phil Glass. Ich kann ein wenig Zeitgenössisches und Barockes dazu tun. Und englische Oper, etwa von Benjamin Britten. Außerdem möchte ich entspannte Formate entwickeln, um neues Publikum ins Konzert und in die Oper zu locken.

Cornelius Meister geht 2026 auch wegen des Tarifvertrags beim Staatsorchester. Arbeitsbedingungen und Bezahlung dort, sagt er, seien einfach nicht mehr zeitgemäß. Was meinen Sie dazu?

Ich sehe, dass das ein wichtiges Thema ist, und werde mich intensiv damit beschäftigen, sobald ich im Amt bin.

Wie erleben Sie das Orchester?

Das Ergebnis von 432 Jahren Geschichte ist eine Klangkultur, die von einer Generation an die nächste weitergegeben und von jedem Chefdirigenten neu verfeinert worden ist. Und die Musikerinnen und Musiker im Orchester spielen mit ihrer Seele und haben eine hohe Identifikation mit dem Haus.

„Der Spieler“ ist voller Kontraste. Die Musik hat eine motorische, grelle, auch kühle Seite, ist aber auch ein intimes Kammerspiel.

Prokofjew war erst Mitte 20, als er mit der Komposition begann, und er hat selbst das Libretto geschrieben. Sehr viel wird hier in kürzester Zeit erzählt, das erzeugt zu Beginn eine fast schizophrene Energie. Für einen Dirigenten ist es viel Arbeit, bis das selbstverständlich klingt, und es ist schwierig, immer wieder aus dem Nichts heraus ein neues Tempo, einen neuen Charakter zu finden Es gibt nur wenige Momente, in denen man wirklich im Fluss ist. „Der Spieler“ ist ein gesungenes Schauspiel-Stück, Prokofjew wollte realistische Wirkungen, also muss es manchmal manisch klingen.

Was macht man aber mit Figuren, von denen keine wirklich sympathisch ist?

Man lässt Axel Ranisch inszenieren (lacht)! Ranisch hat für all die gebrochenen Persönlichkeiten auf der Bühne ein gewisses Mitleid oder zumindest Verständnis gefunden – und Humor in der Art Dostojewskis, also als sarkastischen Kommentar über die Gesellschaft. Das passt zum Zeitgefühl der Weltwirtschaftskrise ebenso wie zu der gesellschaftlichen Befindlichkeit unserer Tage. In diesem Stück denkt jeder nur an sich selbst und seinen Vorteil.

Und wo liegt in der Inszenierung der imaginäre Spielort Roulettenburg?

Dieser Name stand damals ja für Baden-Baden, also für einen Ort, der sehr weit weg war vom Alltag der russischen Aristokratie. In unseren Tagen, in denen Elon Musk von der Besiedelung fremder Planeten träumt, liegt der Gedanke an den Mars nicht fern. Dort will man eine Fluchtburg außerhalb unserer Gesellschaft bauen, um alle Probleme der Welt zu vergessen.

Schlagen wir den Bogen von der Gesellschaft bei Prokofjew zur Stuttgarter Stadtgesellschaft. Sie kommen an ein Haus, dessen Sanierung seit Ewigkeiten verschleppt und auch dadurch immer teurer wird. Wie sehen Sie das?

Die Kosten sind sehr hoch, aber sie sind eine Investition in eine gesunde Gesellschaft, in der die Menschen einen Ort haben, um zusammenzukommen. Dass 1400 Menschen in Stille zwei, drei Stunden lang eine Geschichte miterleben und dann 1400 unterschiedliche Meinungen dazu haben: Das zeigt, was Demokratie sein kann, und es ist die Antwort des Theaters auf den Egoismus und die Zersplitterung der Gesellschaft.

Nicholas Carter dirigiert Premiere

Dirigent
1985 in Melbourne (Australien) geboren, wurde Nicholas Carter dort als Neunjähriger Mitglied des National Boy’s Choir of Australia. Studium von Klavier und Gesang in Melbourne, Dirigieren bei Richard Gill in Sydney. 2009 Assistent Vladimir Ashkenazys beim Sydney Symphony Orchestra, 2011 Assistent von Simone Young und Kapellmeister an der Staatsoper Hamburg, 2014 Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin. 2015-19 Chefdirigent des Adelaide Symphony Orchestra, 2018-21 am Stadttheater Klagenfurt und beim Kärntner Symphonieorchester, 2021-25 an der Oper Bern. Ab 2026 GMD der Staatsoper Stuttgart.

Oper
Prokofjews „Der Spieler“ hat am 2. Februar um 17 Uhr Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Axel Ranisch inszeniert, die Hauptpartien singen Goran Jurić, Aušrine Stundyte, Daniel Brenna und Véronique Gens. Vorlage des Stücks ist Fjodor Dostojewskis gleichnamiger Roman über einen spielsüchtigen Hauslehrer, der am Ende sogar die Liebe aufs Spiel setzt. Die Erstfassung der Oper entstand 1917, die Brüsseler Uraufführung der überarbeiteten Version fand 1927 statt. (ben)