Aprilscherz mir ernstem Hintergrund: Nicht nur der Pforzheimer FDP-Landtagsabgeordnete Erik Schweickert ist genervt von dem Dauerstau auf der A8. Foto: privat

Staus gehören zum Verkehrsalltag, aber die Dauerbaustelle der A8 bei Pforzheim toppt alles. Jetzt verlängern sich die Arbeiten um ein weiteres Jahr.

Von Stuttgart zügig nach Karlsruhe fahren, das ist seit Jahren ein schöner Autofahrertraum. Seit Jahrzehnten währt der sechsstreifige Ausbau der Strecke, aber ein Pfropfen ist unverändert verstopft, und das wird sich so bald nicht ändern. Entlang der Pforzheimer Senke, bei Planern Enzquerung genannt, herrscht auf 4,8 Kilometern Länge meist Stillstand.

 

Im vergangenen Jahr hat der ADAC erneut den Abschnitt Pforzheim zum baden-württembergischen „Stau-Hotspot“ gekürt. Den Zählungen des Clubs zufolge standen Verkehrsteilnehmer zwischen den Anschlussstellen Pforzheim-Ost und Pforzheim-Nord übers Jahr 2252 Stunden Stoßstange an Stoßstange. Für die Autobahn Stuttgart-Karlsruhe wurden 136 Staustunden je Kilometer Autobahn errechnet. Auf Platz zwei folgt der A5-Abschnitt Karlsruhe-Heidelberg mit 108 Staustunden. Logisch, das ist die Ausweichroute.

Wie ernst die Lage ist, zeigt die Polizeistatistik

Wie ernst die Lage ist, belegt eine Statistik des Polizeipräsidiums Pforzheim. Demnach rückten Beamte im vergangenen Jahr wegen 644 Verkehrsunfällen zwischen den Anschlussstellen Pforzheim-Nord und -Süd aus. 59 Leichtverletzte, drei Schwerverletzte. Im Jahr davor waren die Zahlen ähnlich. Diese Staustelle gefährdet die Gesundheit von Menschen, verschluckt Millionen Arbeitsstunden Berufstätiger und kostet die Versicherungswirtschaft sowie den Steuerzahler riesige Summen. Wegen der „Belastung für die eingesetzten Polizeibeamten“, so der Leiter der Verkehrsgruppe Bundesautobahn bei der Pforzheimer Polizei, habe der Personalbestand vor Ort „angepasst“ werden müssen. Einsätze müssten auch auf Umleitungsstrecken gefahren werden.

Angesichts der Lage schockte eine Mitteilung der Autobahn GmbH Mitte Juni, wonach sich die 2021 begonnene Fertigstellung der Enztalquerung wohl bis Ende 2027, also um ein Jahr, nach hinten ziehen werde. Da half auch nicht der fröhliche Ton, den die Direktorin der Niederlassung Südwest, Christine Baur-Fewson, anschlug: „Der sechsstreifige Ausbau der A8 bei Pforzheim ist eines der größten Infrastrukturprojekte in Baden-Württemberg. Wir machen sehr gute Fortschritte und freuen uns auf weitere wichtige Meilensteine in diesem Jahr.“

Leider, so die Erklärung, seien im Untergrund des Bereichs des Karlsruher Hangs Wassereinlagerungen im Erdreich entdeckt worden. Und beim Abriss der alten Enzbrücke habe die „Vorgehensweise“ geändert werden müssen. Die prognostizierten Gesamtkosten von 340 Millionen werden gerissen, das ist klar. Die Frage ist nur, um welche Summe. Man erstelle „derzeit die Kostenfortschreibung“, heißt es bei der Autobahngesellschaft.

Die Großbaustelle Foto: Lange

Der Pforzheimer FDP-Landtagsabgeordnete Erik Schweickert, zuständig für den Enzkreis, ist genervt von der „Ankündigungspolitik“ der Bauträgerin. Der Ausbau der alten Autobahn von vier auf sechs Spuren sei nötig, findet auch er, aber er sieht erhebliche Einschätzungsfehler der Planer. So seien Querungen und Brücken an der Peripherie der A 8 bei Pforzheim, wie etwa die Überführungen über die Kreisstraßen 4500 und 9807, schon 2022 abgerissen worden. „Und dann hat man festgestellt, dass die Planung nicht hält.“ Längst fehlten so auch Ausweichstrecken für den Baustellenbetrieb.

Auch Umleitungsstrecken sind dicht

Zum Dominoeffekt gehöre, dass Gemeinden entlang Umleitungsstrecken wie Niefern-Öschelbronn, wo ein Regenüberlaufbecken an der Hauptstraße entstehen soll, überrumpelt würden. Die weitere Projektverschiebung „kostet die Gemeinden ein Affengeld“, so Schweickert. Er kenne niemanden in seiner Region, „der durch die Sperrung nicht in Mitleidenschaft gezogen worden ist“. Darunter auch Vereine, die Nachwuchs verlören, weil Trainings- oder Übungsstunden nicht verlässlich erreicht werden könnten.

„Der Leidensdruck ist hoch“, beklagt auch Oliver Reitz, seit 2012 Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim. „Tagtäglich“ versuchten Autofahrer, sich von der verstopften A 8 aus alternative Wege durchs Pforzheimer Stadtgebiet zu bahnen, zum Leidwesen abgasgeplagter Anwohner und Geschäftsleute. Lieferanten kämen verspätet ans Ziel, Geschäftsreisende würden den Raum Pforzheim großräumig umfahren oder ganz meiden. Das Ansehen der Stadt bei Touristen: schlecht. „Pforzheim hat ein Image als Staustadt, das es selbst nicht verschuldet.“

Tobias Volle, Baubürgermeister von Pforzheim, zeigt sich machtlos angesichts der Lage. „Eine Lösung gibt es nicht“, sagt er. Nur Hoffnung. Man sei „zuversichtlich, dass wir jetzt auf die Zielgerade kommen, ein Ende der Arbeiten zumindest näher rückt.“ Die Fahrbahn Richtung Stuttgart wird derzeit in einen Trog gelegt, der später zum Schutz vor Lärm überdeckelt wird.

Holger Bach, Abteilungsleiter Verkehr und Umwelt beim ADAC Württemberg, ist ebenfalls tief drin in den Planungen. Auch er plädiert fürs Durchhalten. Die Pforzheimer Senke werde bei entschärftem Gefälle künftig für Lkw leichter zu befahren sein, das gebe einen „Supereffekt“ beim CO2-Ausstoß.

Ob weitere Verzögerungen über 2027 hinaus wie bisher hingenommen würden, daran hat Politiker Schweickert erhebliche Zweifel. Für viele Menschen seien diese Großbaustelle und ihre Folgen schon jetzt Beleg für einen in Teilen dysfunktional gewordenen Staat. Die Pforzheimer Senke sei bereits „ein Demokratieproblem“ geworden.