Trauer nach dem Unfall auf der A5 bei Offenburg. Foto: dpa

Nach dem Geisterfahrer-Unfall von Offenburg hofft die Polizei auf neue Erkenntnisse durch Gutachter und die Obduktion der Leichen.

Offenburg/Berlin - Bei ihren Ermittlungen nach dem verheerenden Geisterfahrer-Unfall von Offenburg hofft die Polizei auf neue Erkenntnisse durch Sachverständige sowie durch die Obduktion der Leichen. Die Gutachten der Rechtsmediziner und von Verkehrsexperten müssten zunächst abgewartet werden, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Durch sie könne möglicherweise der genaue Unfallhergang rekonstruiert werden. Zudem soll die Frage geklärt werden, ob der 20 Jahre alte Falschfahrer betrunken war oder unter dem Einfluss von Drogen stand. Er hatte am Sonntagmorgen auf der Autobahn 5 bei Offenburg einen Unfall mit sechs Toten verursacht.

Zum besseren Schutz vor Geisterfahrer-Unfällen auf Autobahnen prüft das Bundesverkehrsministerium unterdessen neue Warnmethoden mit Schildern und Fahrbahnmarkierungen. Aus einem seit 2010 laufenden Pilotversuch in Bayern werden zum Jahresende erste Zwischenergebnisse erwartet, wie ein Sprecher am Dienstag in Berlin erläuterte. Danach sei zu untersuchen, ob und in welcher Form solche Instrumente womöglich in ganz Deutschland ausgeweitet werden sollten.

Der Parlamentarische Verkehrsstaatssekretär Jan Mücke (FDP) sagte der Online-Ausgabe der „Mitteldeutschen Zeitung“, es werde geprüft, ob die getestete neonfarbene Warntafel mit einer schwarzen Stop-Hand als regelgerechtes Schild in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen werden könnte. Bei dem Pilotversuch an der A8 in Bayern wird an Anschlussstellen und Ausfahrten von Tank- und Rastplätzen getestet, inwiefern Warntafeln, Fahrbahnmarkierungen oder Kombinationen aus beidem Wirkung zeigen.

Im Verkehrsfunk werden jährlich 1700 Geisterfahrer gemeldet

Die Bundesanstalt für Straßenwesen untersucht daneben in einer Studie, wie viele Geisterfahrten es tatsächlich gibt und was die Ursachen und Begleitumstände sind. Ziel ist, versehentliche Falschfahrten zu verhindern. Dagegen gilt es als kaum möglich, vorsätzliche Geisterfahrer durch Warnhinweise zu stoppen. Im Verkehrsfunk werden jährlich rund 1700 Geisterfahrer gemeldet.

Das Landesverkehrsministerium in Stuttgart hat am Dienstag die vier Regierungspräsidien angewiesen, die Beschilderungen an den Autobahnauffahrten im Südwesten zu überprüfen und Pfeile aufzumalen. Insgesamt gehe es um rund 250 Anschlussstellen sowie 39 Tank- und Rastanlagen, sagte eine Sprecherin. Nach einer ersten groben Schätzung müssten rund 2500 Pfeile auf die Straße aufgebracht werden. Die Kosten von rund 250 000 Euro zahle das Land aus Bundesmitteln.

Paul Woywod, Vizepräsident der Landesverkehrswacht, sprach sich für knallige Warnschilder an Autobahnauffahrten aus. „Ich halte sie für sinnvoll, seit ich sie in Österreich gesehen habe. Sie sind selbst bei Nebel sichtbar“, sagte er am Dienstag. Weil sie ganz anders aufgemacht seien als die üblichen Schilder, gebe es keine Verwechslungsgefahr. Die Pfeile auf den Fahrbahnen seien dagegen nur wenig effektiv. „Auf Pfeile schauen die wenigsten. Sie gehen unter.“

Weiter gingen die Diskussionen über die Gefahr, die von Falschfahrern ausgeht. Die Deutsche Polizeigewerkschaft warnte vor hektischen Reaktionen. „Wenn solche Tragödien wie in Offenburg passieren, entsteht eine Art von Reflexaktionismus und man will die Welt umkrempeln“, sagte der DPolG-Landesvorsitzende, Joachim Lautensack, der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag in Stuttgart. „Wir sollten nicht überziehen. Ich würde den Fuß vom Gas nehmen.“ Er riet, zu überprüfen, welche Ab- und Auffahrten nicht optimal gekennzeichnet sind. „Mit dem Restrisiko muss man leben.“

Hinweise auf einen Suizid im Offenburger Fall gebe es nicht

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Offenburger Falschfahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand, teilte die dortige Polizei mit. Hinweise auf einen Suizid gebe es nicht. Von den Gutachten versprechen sich die Ermittler zusätzliche Hinweise. Vor allem die rechtsmedizinische Untersuchung der Leiche des 20-Jährigen sei von Interesse. Sie soll klären, in welchen Zustand der Falschfahrer war. Ergebnisse lägen noch keine vor.

Der Karlsruher Verkehrsexperte Rolf Roos forderte die Politik auf, nicht in Panik zu verfallen. „Autobahnen sind die mit Abstand sichersten Straßen in Deutschland, und Geisterfahrer sind ein sehr seltenes Phänomen“, sagte der Leiter des Instituts für Straßen- und Eisenbahnwesen am Dienstag der dpa. Der Sinn von zusätzlichen Straßenschildern oder Pfeilen auf der Fahrbahn sei mehr als fraglich. „Wer aus Unachtsamkeit die falsche Abzweigung nimmt, oder weil er gerade eine SMS schreibt oder anderweitig im Nebel stochert, der ist nicht aufzuhalten. Da kann man noch so große Schilder aufstellen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: