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Kretschmann klopft auf seiner Auslandsreise nach Argentinien und Brasilien an viele Türen.

Rio de Janeiro - Winfried Kretschmann und Südamerika - wie geht das zusammen? Der heimatverbundene Ministerpräsident und die Boomstaaten auf der Südhalbkugel? Für ihn passt das sehr gut: Es geht um gemeinsame Lebensgrundlagen.

Der Mann, der wie wenige andere Landespolitiker global denkt, war nie ein Weltreisender. Nur wenige ferne Länder hat er gesehen. Lieber ist er im eigenen Land unterwegs, auf der Schwäbischen Alb oder im Donautal. Ein Albtrotter, kein Globetrotter. Früher reiste er mit dem Wohnwagen gelegentlich in die Schweiz; seine Frau Gerlinde, Lehrerin im Ruhestand, hat noch nie einen Fuß außerhalb Europas gesetzt.

Das Amt des Ministerpräsidenten bringt es mit sich, dass sich Kretschmanns Radius erweitert. Seine erste große Delegationsreise - noch von der Vorgängerregierung angedacht - führt in eine Welt, die auf sonderbare Weise Bekanntes und Fremdes vereint. Argentinien und Brasilien, europäisch geprägt, sind die aufstrebenden Länder Südamerikas. 9,2 beziehungsweise 7,5 Prozent legten die beiden Volkswirtschaften 2010 zu; dieses Jahr geht man von deutlich niedrigeren Zahlen aus, dennoch herrscht weithin Zuversicht. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten hat die beiden Staaten in eine nie da gewesene, selbstbewusste Position gebracht. Ihre neu errungene politische Stabilität und die riesige wirtschaftliche Potenz lassen die Interessenten Schlange stehen. Alle Welt will hier Geschäfte machen. Die deutsche Wirtschaft solle sich sputen, sagt der Präsident der deutsch-argentinischen Handelskammer, Österreichs früherer Bundeskanzler Viktor Klima, zur Begrüßung in Buenos Aires. Die Braut Südamerika werde heftig umworben. Viele Länder, vorneweg China, wollen sie für sich gewinnen.

Baden-Württemberg ist winzig im Vergleich zu Brasilien

Und jetzt ist Winfried Kretschmann da, Ministerpräsident eines Landes, das viele Weltmarktführer beheimatet, das verglichen mit Argentinien und Brasilien allerdings nur ein winziger Punkt auf der Weltkarte ist. Das tut der baden-württembergischen Unternehmung keinen Abbruch, rückt jedoch die Verhältnisse zurecht. Rund 60 Wirtschaftsvertreter begleiten Kretschmann, einige auch aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, dazu 20 teils hochkarätige Vertreter aus der Wissenschaft. Für sie will er "Türöffner" sein oder zumindest laut an die Türen klopfen.

Südamerika im Frühling. In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires blühen die Jacaranda-Bäume; sie bringen violette Farbe in die pulsierende Millionenstadt. Erst wenige Wochen liegt die Wiederwahl von Cristina Kirchner zurück. Die Präsidentin hat das Land in den Augen vieler Argentinier vorangebracht. Auch deshalb genießt sie eine außerordentliche Machtfülle. Der Fokus ihrer Regierung liegt auf dem Thema Wachstum. Es herrscht eine Art Gründerzeitstimmung. Andere Themen haben da wenig Platz. Entsprechend zurückhaltend fallen die Reaktionen auf grüne Anwerbeversuche aus. Klimaschutz, regenerative Energien, Nachhaltigkeit, dafür wirbt Kretschmann in jedem Gespräch, auch wenn seine Gegenüber andere Signale aussenden.

So entstehen unterschiedliche Gesprächsebenen - hier Kretschmann mit der Botschaft: "Wir müssen gemeinsam den Planeten retten", dort das Produktionsministerium, dessen Vertreter viel von Gemeinsamkeiten zwischen Baden-Württemberg und der Provinz Buenos Aires sprechen, das Wort Klimaschutz jedoch kein einziges Mal erwähnen. Nirgendwo wird die Diskrepanz zwischen grünem Aufbruch und argentinischer Wirklichkeit deutlicher als in der Antwort von Außenminister Héctor Timerman, der nach einem Gespräch mit Kretschmann zur Energiewende in Deutschland sagt: "Jeder muss seinen Weg gehen."

Argentinien geht einen anderen Weg. Die Atomkraft wird nicht infrage gestellt; man denkt vielmehr über den Bau eines neuen Atomkraftwerks nach. Die Windkraft fristet trotz bester Voraussetzungen ein Schattendasein. Immerhin springt ein Abkommen zwischen dem deutschen Windkraft-Unternehmen WPD und dem größten argentinischen Energieunternehmen Sadenas über den Bau eines knapp 150 Millionen Euro teuren Windparks heraus.

Bei einem Treffen mit argentinischen Umweltschützern fühlt sich Kretschmann endlich verstanden. Sie bereiten die Gründung einer grünen Partei - Los Verdes - vor. Der Ministerpräsident wird ganz zum Grünen-Politiker, wechselt vom Sie ins Du. "Ihr müsst einen langen Atem haben. Wir haben auch mal klein angefangen", sagt er. Die Umweltschützer hören ihm aufmerksam zu, als spräche ein grüner Weiser. Umgekehrt klären sie ihn über die Schattenseiten des argentinischen Wirtschaftswunders auf: Die enorme Steigerung der Sojaproduktion etwa sei auf Saatgut zurückzuführen, das zu 100 Prozent gentechnisch verändert ist. Gleichzeitig gehe die Vielfalt der argentinischen Landwirtschaft verloren.

Ein wirtschaftlich noch stärkeres Gewicht hat Brasilien mit seinen 192 Millionen Menschen. Unter Präsident Lula erlebte das Land einen enormen Aufschwung, die neue Präsidentin Dilma Rousseff setzt dessen Kurs fort. Eine breite Mittelschicht wächst heran, die Zahl der Armen geht deutlich zurück. Das Land durchläuft eine intensive Industrialisierung. Ähnlich wie Argentinien will Brasilien für Handelspartner nicht nur Absatzmarkt sein, sondern gezielt Industrien im Land aufbauen. Dabei greifen beide Regierungen zu protektionistischen Mitteln. Porsche etwa muss Wein aus Argentinien importieren, um seine Autos dorthin exportieren zu können. Was in Argentinien die Importlizenzen sind, sind in Brasilien die Zölle. Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) bringt diese Themen zur Sprache. Ein "gmähts Wiesle", wie Kretschmann zu sagen pflegt, ist dieser riesige Markt eher nicht. Wer hier Erfolg haben will, muss ihn intensiv beackern.

Brasilien hat einen hohen Anteil grüner Energie

In einem Punkt unterscheiden sich die Reisestationen gravierend. In Brasilien erlebt Winfried Kretschmann eine große Offenheit für grüne Themen. Das zeigt sich schon beim Thema Energie. Zwar rüttelt auch Brasilien nicht an der Atomkraft - die Zahl der Kraftwerke soll sogar von zwei auf acht steigen. Mit 48 Prozent hat das Land jedoch heute schon weltweit den höchsten Anteil an grüner Energie. Im Vergleich dazu nehmen sich die Ziele der grün-roten Landesregierung - 35 Prozent bis 2020 - bescheiden aus. Die Offenheit für grüne Themen zeigt sich auch in Curitiba, einer Millionenstadt, die als "beste Öko-Stadt der Welt" ausgezeichnet wurde. Es setzt sich fort in Brasilâa, der Hauptstadt, wo Kretschmann seine Wunschgesprächspartnerin Marina Silva trifft, eine Ikone der brasilianischen Umweltbewegung, die bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen immerhin 19 Prozent holte. Für Kretschmann ein Höhepunkt der Reise. Die zierliche Frau spricht seine Sprache. Es geht um die Themen Regenwald und Klimaschutz: "Die entscheidende Frage ist: Wie integrieren wir Umwelt und wirtschaftliche Entwicklung?", erklärt die 53-Jährige. Sie kennt Kretschmann aus den Nachrichten. Als sie von seinem Wahlsieg hörte, habe sie ein Fest gefeiert, sagt sie. Kretschmann fühlt sich geschmeichelt. Seine Einladung, nach Baden-Württemberg zu kommen, erwidert sie mit einem Lächeln.

Auch das Treffen mit Brasiliens Umweltministerin Izabella Teixeira verbucht Kretschmann als persönlichen Gewinn. Im Bereich der erneuerbaren Energien will man zusammenarbeiten. Eine enge Kooperation soll es aber vor allem im Bereich Wissenschaft und Ausbildung geben. Brasilien zeigt großes Interesse am baden-württembergischen System der dualen Ausbildung. Der Hunger nach Information und Wissen war bereits in Argentinien zu spüren; hier wird er konkret. 2000 brasilianische Studenten sollen vom nächsten Jahr an in Baden-Württemberg studieren. Im Gespräch mit den Hochschulen will Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) die Voraussetzungen dafür schaffen.

Letzte Station auf Kretschmanns Reise durch die Welt des Wachstums ist Rio de Janeiro. Die Anstrengungen des intensiven Jahres waren dem 63-Jährigen in den Tagen zuvor durchaus anzumerken. Jetzt wirkt er gelöst. Kretschmann sitzt auf der Terrasse des Hotels Windsor Atlantic an der Copacabana, den Hemdkragen geöffnet, einen Caipirinha in der Hand. Ein politischer Globetrotter ist er deshalb aber immer noch nicht. Irgendwann sagt seine Frau Gerlinde, die die Tage in Südamerika förmlich aufsaugt: "Komm Winfried, mir ganget!"

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