Hildegard aus Stuttgart handelt seit Jahrzehnten erfolgreich mit Aktien – und geht auch heute noch ihrem „Hobby“ nach. Was rät die 98-Jährige den Anlegern in turbulenten Börsenzeiten?
Wenn sich Hildegard fortbewegt, nimmt sie ihren „Porsche“, mit dem kurvt die 98-Jährige dann sicher um die Ecken ihrer Stuttgarter Wohnung. Als sie aufsteht, um ein Andenken an ihren Großvater zu holen, nennt sie das Gehwägelchen mit einem herzlichen Lachen nach der Stuttgarter Automarke: „Ich hab ja mein Porsche“. Doch selbst wenn Hildegard, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, den Wunsch nach einem echten Sportwagen hätte: Am Geld würde es sicher nicht scheitern. Dafür hat die Großmutter von zwei Enkeln in den vergangenen Jahrzehnten gesorgt: Mit Aktien hat die 98-Jährige ein Vermögen verdient.
Wie viel genau? Das bleibt Hildegards Geheimnis, bei der Frage nach konkreten Summen bleibt sie lieber zurückhaltend.
Im Jahr 1968 startete die 98-Jährige mit der Geldanlage
Als sie mit dem Rollator wieder an den Küchentisch zurückkehrt, hat sie das Erbstück ihres Großvaters in der Hand: es ist ein verzierter, goldener Schaft, in dem einmal die Schere verstaut war, mit der ihr Opa noch die „Coupons“ seiner Wertpapiere abschnitt – um sie dann auf der Bank in Geld umzutauschen. „Das war bei mir anfangs auch noch so“, erzählt sie. Der Aktienhandel hat also eine lange Tradition in der Familie. Heute sitzt Hildegard am Esstisch mit ihren zwei großen Leitz-Ordnern, in denen die 98-Jährige ihre Aktien-Verkäufe der vergangenen Jahre auf Papier dokumentiert hat.
Im Jahr 1968 startete sie mit der Geldanlage. Ihr Vater rief sie damals zu sich, erzählt sie – wenige Wochen vor seinem Tod. „Ich habe hier Geld angelegt, kannst du das?“, habe er gefragt. Und Hildegard, selbstbewusst wie heute, antwortete: „Das schaffe ich.“
Hildegard wird von Nachbarn nach Aktientipps gefragt
Damals, erinnert sich die 98-Jährige, „hat man ja auch noch zehn Prozent Zinsen bekommen“. Doch Hildegard wollte mehr und begann, per Einzelaktien auf bestimmte Unternehmen zu setzen. Nummer sicher mit breit gestreuten Fonds, wie es Finanzexperten empfehlen und wie es ihre Enkel machen? „Wenn man keine Zeit hat“, sagt auch sie, „sollte man auf Fonds gehen“. Da könne man zwar „nicht so viel Gewinn“ machen, aber es sei die sicherere Variante. Doch offenbar zu wenig Nervenkitzel für die 98-Jährige: „Bei Fonds kann man nicht so spekulieren, ich mache praktisch nur noch Einzelaktien“, sagt sie.
So hat die Frau, Jahrgang 1926, über die Jahrzehnte hinweg ein Vermögen erwirtschaftet. Was ist ihr Erfolgsrezept, welche Tipps hat Hildegard für Anleger in diesen turbulenten Börsenzeiten, für die US-Präsident Donald Trump mit seiner Zollpolitik sorgt? Diese Frage erhält die 98-Jährige immer wieder, sogar von Nachbarn wird sie angesprochen, selbst beim Arzt, erzählt sie. Doch Hildegard muss sie dann enttäuschen. Was, wenn sie doch mal falsch liegt – und Menschen wegen ihrer Tipps viel Geld verlieren? Die Stuttgarterin bleibt deshalb lieber bei allgemeinen Ratschlägen: „Man darf die Nerven nicht verlieren, muss warten können – und darf nicht zu gierig sein.“
Kauf und Verkauf online statt früher per Telefon
Außerdem vertraue sie ihrem Bauchgefühl, das sie immer wieder zum Erfolg geführt hat. Während der Corona-Pandemie setzte sie früh auf Pharma-Unternehmen, derzeit hat sie auch Werte aus der Rüstungsbranche in ihrem Portfolio. Und sie liest viel Zeitung, sagt die 98-Jährige. Der Aktienhandel ist für sie zu einer Art Hobby geworden, Langeweile ist für Hildegard ein Fremdwort. „Das hält mich geistig fit“, sagt sie.
Widersprechen wird da wohl keiner, der Hildegard mal getroffen hat: Die Frau, die dieses Jahr ihrem 99. Geburtstag entgegen blickt, ist trotz ihres hohen Alters gedankenschnell – und voll auf der Höhe der Zeit: Seit mehreren Jahren kauft und verkauft sie Aktien online. „Da ist viel weniger Provision fällig, als wenn ich die Aufträge übers Telefon gebe“, erklärt sie. Der Bankberater wollte sie noch von etwas anderem überzeugen, aber Hildegard blieb standhaft.
Aktiengewinne flossen größtenteils in ein Kino in Oberndorf am Neckar
Die Geschäftsfrau weiß, was sie will. Früh in ihrem Leben musste sie Verantwortung übernehmen: im Familienbetrieb in Oberndorf am Neckar, dem 14.000-Einwohner-Städtchen zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Dort führte ihr Vater ein Sägewerk mit Schreinerei und Zimmerei sowie einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Kühen, Schweinen und Pferden. „Die Männer waren ja alle an der Front“, erzählt Hildegard über die Zeit während des Zweiten Weltkriegs. „Ich musste die kleinen Lastwagen und Traktoren fahren“, erzählt sie. „Da gab es keinen Sonntag.“ Wenn die jungen Leute heute von der 35-Stunden-Woche redeten, entgegnet Hildegard: „Ihr macht unsere Wirtschaft kaputt. Wir haben das Doppelte geschafft.“
Ihr Arbeitseifer zeigt sich auch an ihrem Umgang mit dem Geld, das sie an der Börse erwirtschaftet hat: Statt sich einfach nur ein schönes Leben zu machen, investierte Hildegard die Gewinne größtenteils in das Kino in Oberndorf, das sie lange geführt hat – und das bis heute unter neuen Eigentümern besteht. „Ohne die Aktienspekulationen hätte ich das nicht geschafft. Das ist ein Top-Kino“, sagt sie heute.
Von Kryptowährungen wie Bitcoin hält Hildegard nichts
Aber auch Hildegard hat mal falsche Entscheidungen getroffen: Wie bei der Fast-Pleite des Batterieherstellers Varta, als sie viel Geld verloren hat. „Damit muss man umgehen können“, sagt sie. Wegen der teils volatilen Entwicklungen an der Börse, fokussiert sich die 98-Jährige mittlerweile auf Dividenden-Aktien: „Die kann ich liegen lassen und kriege die Ausschüttung“, sagt sie. Bei Kryptowährungen wie Bitcoin schüttelt die 98-Jährige den Kopf: „Da mach ich gar nix. Für mich muss die Firma existieren.“
Beim Blick auf die Aktienkurse von Unternehmen schaut sich Hildegard immer die vergangenen 20 bis 30 Jahre an – und „ob die Firma solide ist“, sagt sie. Aber sie könne sich noch so gut informieren, räumt die 98-Jährige ein, am Ende „gehört auch a Stückle Glück dazu“.