Johannes und Henriette Kuhn sind seit 65 Jahren verheiratet. Im Musberger Seniorenheim schlafen sie in getrennten Betten: er im zweiten Stock, sie im fünften. Foto: Caroline Holowiecki

Der frühere TV- und Rundfunk-Pfarrer Johannes Kuhn hat seinen 95. Geburtstag gefeiert. Mehr noch aber berührt ihn, dass er den 65. Hochzeitstag mit seiner Henriette begehen durfte. Eine Geschichte von Gottvertrauen und einem großen Glück.

Musberg - Immer am Morgen haben sich Johannes Kuhn und seine Henriette wieder. Die Eheleute haben ihre tägliche Routine. Zum Frühstück kommt Hans, wie sie ihn nennt, von der Pflegestation des Musberger Seniorenheims zu seiner Henni ins Betreute Wohnen. „Die Brötchen hängen dann schon an der Tür“, sagt sie. Mittags werden sie bekocht, am Abend bereiten sie sich wieder selbst das Vesper zu. Danach schlafen sie in getrennten Betten. Er im zweiten Stock, sie im fünften. 65 Jahre sind die Kuhns verheiratet, „mit allem drum und dran“, sagt er fröhlich.

Diese humorige Art ist landauf, landab bekannt. Der Theologe hat eine bemerkenswerte Medienkarriere hingelegt. Von 1961 bis zur Rente 1989 war er als Landespfarrer für Rundfunk im Dienst der evangelischen Landeskirche tätig. Der Bäckersohn aus dem Vogtland war im Zweiten Weltkrieg zwar zunächst Pilot der Luftwaffe, doch nach Kriegsende „habe ich gewusst, dass ich einen Bezug zu den Menschen haben möchte“. Er studierte Theologie. Direkt im ersten Semester an der kirchlichen Hochschule in Wuppertal lernte er seine Henriette kennen. Zunächst arbeitete er als Gemeinde- und Jugendpfarrer in Bremerhaven, ein Freund holte das Nordlicht Anfang der 60er in den Süden.

Trotz Parkinson optimistisch

Mit der Morgenandacht „Das geistliche Wort“ im Süddeutschen Rundfunk gab Johannes Kuhn den Hörern Kraft für den Tag und betreute eine Gemeinde Tausender oftmals anonymer Zuhörer per Brief oder Telefon. „Das hat mir immer viel gegeben. Davon lebt man selber auch“, sagt er rückblickend. Bundesweit zum Promi-Pfarrer avancierte er schließlich durch die Moderation der ARD-Bibelquizsendung „Reise nach Jerusalem“ und der ZDF-Fernsehreihe „Pfarrer Johannes Kuhn antwortet“. Von 1979 bis 1997 schrieb er zudem für die „Sonntag Aktuell“ eine wöchentliche Kolumne. Dafür gab es 1989 das Bundesverdienstkreuz und 1997 die Landes-Verdienstmedaille.

Am Ostersonntag hat Johannes Kuhn seinen 95. Geburtstag gefeiert. Das Alter fordert seinen Tribut. Vor drei Jahren bekam er die Diagnose Parkinson. Schlucken und sprechen, fällt ihm schwer. Immer wieder wird die tiefe Stimme, die Zigtausende aus dem Radio kennen, undeutlich, vernuschelt. Henriette Kuhn (93) lässt ihren Mann dabei nicht aus den Augen. Auch das Schreiben muss sie für ihn übernehmen.

Die Enkelin fragt in Liebesfragen um Rat

Verzagt wirkt das Paar aber nicht. „Hier geht’s noch bei beiden“, sagt Johannes Kuhn und tippt sich an die Stirn. Die Körper ist alt, der Geist aber frisch. Johannes Kuhn zitiert mit Leichtigkeit Dietrich Bonhoeffer und Frank Sinatra. Zwei Worte fallen immer wieder: Führung und Fügung. „Wenn man das durchdenkt, weiß man, wo man hingehört“, sagt er.

Bis heute wird Johannes Kuhn erkannt. „Es dauerte keine drei Tage, bis jemand sagte: ,Ich kenne Sie‘“, sagt er über seine Ankunft im Altersheim in Musberg. Seit Oktober 2018 leben die Kuhns hier. Ihr Haus in Leinfelden haben sie verkauft. „Es kommt ein Moment, in dem man sich fragen muss: Können wir durchhalten oder muss eine Grundveränderung her?“, erklärt er. Die kleine Wohnung seiner Frau beherbergt die Erinnerungsstücke. Die vielen Bücher, das Klavier. Obendrauf stehen unzählige Familienbilder. Zwar leben drei der vier Kinder im Ausland, und auch die sieben Enkel sind in alle Himmelsrichtungen verstreut, doch die Kuhns sprechen von einer engen Bindung. Stolz schwingt in der Stimme mit, wenn der Opa erzählt, wie die 21-jährige Enkelin ihn am Telefon in Liebesfragen um Rat fragt. „Das Gespräch untereinander ist wichtig“, sagt er.

Nachmittags lesen sie sich gegenseitig vor

Vor allen Dingen jedoch haben die Kuhns sich, ihre Routine und ihr tägliches gemeinsames Frühstück. „Wir machen alles zusammen, das ist für uns eine große Gabe“, sagt Johannes Kuhn und tätschelt seiner Henni den Arm. Einmal die Woche geht’s mit dem Busle der örtlichen Kirchengemeinde zum Einkaufen, nachmittags lesen die Eheleute sich gegenseitig vor, ab und an kommt die Tochter aus Rottweil und führt sie ins Kino aus. Und sie lachen miteinander. Das sei so wichtig, sagt Johannes Kuhn. „Glaube und Humor haben dieselbe Adresse.“

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