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90 Jahre Bauhaus: Das ist selbst bei heutiger Lebenserwartung ein beachtliches Alter. Und weil das, was da 90 Jahre alt wurde, noch heute seine Spuren hinterlässt, kann man sogar von einem "Best Ager" sprechen.

Stuttgart - 90 Jahre Bauhaus: Das ist ein bedeutendes Fest, wenn auch kein Jubiläum. Trotzdem wirkt das, was man heute noch vom Bauhaus kennt, nicht gestrig oder überholt. Denn immer noch brüsten sich heute Architekten und Designer, ein Haus oder ein Möbel im Stile des Bauhauses entworfen zu haben. Dabei wäre so etwas wie das Bauhaus heute gar nicht mehr denkbar.

Denn Bauhaus, das war in erster Linie kein Architekturstil oder eine Kunstrichtung. Bauhaus war eine Schule. Gegründet 1919 in Weimar und hervorgegangen aus der Großherzoglich sächsischen Hochschule für bildende Kunst, war das Staatliche Bauhaus nach dem Programm von Walter Gropius und seinen Mitstreitern ein Ort, an dem Architekten, Bildhauer und Maler gleichermaßen wieder zum Handwerk zurückfinden sollten. So schrieb Gropius: "Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker. Der Künstler ist die Steigerung des Handwerkers." "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit", schrieb Gropius weiter, "ist der Bau."

Dabei galt es, ein umfangreiches Studium zu durchlaufen, das vom freien Skizzieren bis zur Kenntnis der Farbenlehre handwerkliche Grundlagen vermittelte und in drei Lehrgängen von den Meistern gelehrt wurde. So war man am Bauhaus anfangs Lehrling, dann Geselle und schließlich Jungmeister und durchlief eine technische und künstlerische Ausbildung, bei welcher der Meister einen großen Gestaltungsspielraum der Lehrinhalte hatte.

Gerade diese Freiheit des Lehrkörpers, die ganzheitliche Ausbildung der Studierenden, die Offenheit bei Lehrthemen und Studieninhalten zeichneten das Bauhaus aus. Heute wäre eine solche Institution nicht mehr denkbar. Denn mit dem Bologna-Prozess hätte auch das Bauhaus Effizienz in der Ausbildung liefern müssen, anstatt zu einem freien Handwerks- und Künstlertum zu erziehen. Mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hätte das Bauhaus einen klaren Lehrplan benötigt und harte Zeitvorgaben, anstatt die freie Entfaltung der Person und den Mut zum Experimentieren zu vermitteln. Kurz gesagt, das Bauhaus hätte, wenn es die Nationalsozialisten 1933 nicht geschlossen hätten, 90 Jahre nach seiner Gründung seinen Sinn verloren: die freie Ausbildung freier Künstler.

Dabei war die Idee des Bauhauses keine schlechte, was auch die Begeisterung bekannter und erfolgreicher Künstler zeigte, die als Meister an dieser Institution lehrten und selbst arbeiteten und die oft den Höhepunkt ihrer Schaffenskraft an dieser Schule hatten. Neben Walter Gropius waren dies Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee, Gerhard Marcks, Georg Muche, Lothar Schreyer und Oskar Schlemmer. Sie alle verhalfen der Schule in Weimar zu ihrer Sonderstellung und dazu, dass sie auch nach dem Umzug 1925 weiter an Bedeutung gewann. Denn in Dessau wurde die Idee des Bauhauses weiterentwickelt und durch Künstler wie Marcel Breuer, der bereits am Weimarer Bauhaus studiert hatte, Wassily Kandinsky oder Laszlo Moholy-Nagy gestärkt.

Erst mit dem Wechsel an der Spitze von Gropius zu Hannes Meyer veränderte sich das Bauhaus. Meyer setzte auf eine "Proletarisierung" des Bauhauses und legte Schwerpunkte in den technischen Bereichen. Eine Entwicklung, die der letzte Rektor des Bauhauses, der Architekt Ludwig Mies van der Rohe, ab 1930 zu korrigieren versuchte und dabei wieder vermehrt auf die handwerklich-künstlerische Ausbildung von Architekten und Künstlern setzte. Doch sein Engagement war nicht mehr von allzu großem Erfolg gekrönt: Auf Drängen rechter Politiker wurde das Bauhaus 1932 geschlossen und überlebte noch als private Institution bis 1933 als Bauhaus Berlin.

Was ist geblieben von diesem Bauhaus, das es gerade einmal auf 14 Jahre gebracht hat und das trotzdem 2009 seinen 90. Jahrestag feiert? Gelungen ist dem Bauhaus die Etablierung eines neuen Stils in Design und Architektur - ein Kuriosum, wenn man bedenkt, dass es gerade eines der großen Ziele der Meister dieser Institution war, das Gestalten ohne Stildoktrin zu vermitteln. Wenn heute ein Gebäude schlicht, ohne Ornament, orthogonal und mit flachem Dach daherkommt, dann spricht man gerne vom Bauhaus-Stil, einem Stil also, den es eigentlich nicht geben dürfte.

Vor allem die neue Sachlichkeit gilt heute als Merkmal des Bauhauses. Entstanden, als technische Entwicklungen und Erfindungen die Welt veränderten, entwarf man am Bauhaus funktionale Lösungen für den modernen Menschen. Man wollte, wie Mies van der Rohe formulierte, "Entwürfe für ein entschlacktes Leben" liefern. Möbel, Wohnungen und Fabriken sollten so sein, dass sie das Leben vereinfachen und erleichtern. Leider war der gute Grundgedanke am Menschen vorbei geplant: Eine Frankfurter Küche der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky war beispielsweise zwar bis ins Detail durchdacht und reduzierte die Wege in der Küche auf ein Minimum, doch einladend war sie nicht.

Dies ist allerdings nur ein Beispiel für die Sachlichkeit, die aus den Lehren des Bauhauses hervorging und die offen von Vertretern der Postmoderne abgelehnt wurde. Positiver wirkten Errungenschaften wie offene Grundrisse, große Glasflächen, das Leben mit der Natur sowie eine Architektur, die zu Recht unpolitisch genannt werden kann.

Obwohl das Bauhaus durch die Nationalsozialisten geschlossen wurde, verbreitete die darauffolgende Emigration ihrer Meister und Schüler die Idee der Schule doch in der ganzen Welt. Oder, wie es Mies van der Rohe ausdrückte: "Nur eine Idee besitzt die Kraft, sich auf der ganzen Welt zu verbreiten."

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