Christine und Holger Friedrich wachsen in der DDR auf. Doch das Regime nimmt ihnen die Luft zum Atmen. Kurz vor dem Mauerfall fliehen sie im Trabi über Ungarn nach Sinsheim.
Seine Familie habe dem SED-Regime schon immer äußerst kritisch gegenüber gestanden, sagt Holger Friedrich. Vor allem sein Großvater, der in früheren Jahren gegen die Nazis gekämpft hatte, lehrte ihn, politische Systeme zu hinterfragen. Als junger Mann musste Friedrich 18 Monate lang bei der Nationalen Volksarmee dienen. Was er dort gesehen und erlebt habe, habe ihn erschüttert, sagt er, ohne ins Detail zu gehen.
Schon damals sei ihm klar gewesen, dass er in Salzwedel, wo er aufgewachsen war, und auch sonst nirgendwo in der DDR, eine Zukunft haben würde. „Aber es war mein Land. Dort hatte ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht.“ So etwas gebe man nicht leichtfertig auf.
Christine Friedrich durfte in der DDR kein Abitur machen
Christine Friedrich wollte schon als junges Mädchen die Welt kennenlernen und als Journalistin über andere Länder schreiben. Ihre Sehnsucht war groß, aber dieser Wunsch würde sich wohl nie erfüllen, dachte sie damals. 1976 wurde ihr trotz sehr guter Noten die Aufnahme in die Abiturklasse verweigert, weil sie Arzttochter war. Stattdessen machte sie eine Lehre als Finanzkauffrau. „Wie im Schaufenster“ habe sie in ihrer Heimatstadt Greifswald in der ehemaligen DDR gesessen und das Leben draußen an sich vorüberziehen sehen.
„Das ganze DDR-Leben war fremdbestimmt“
Doch die DDR nahm den beiden die Luft zum Atmen. „Man konnte nicht selbst über sein Leben entscheiden“, sagt Christine Friedrich. Ende der 1970er Jahre lernten sich die beiden in Berlin kennen. Sie studierte an der Fachhochschule Kulturwissenschaften, Kulturgeschichte und Kulturmanagement.
Er studierte Kultur- und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität. In der Hauptstadt in einem Milieu aus frei denkenden Studierenden und Professoren und vorsichtig revolutionären Ideen war vieles anders. „Das waren drei Jahre Freiheit für uns“, sagt Holger Friedrich.
„Doch danach kam der Absturz“, sagt er. Seine Frau ergänzt: „In der DDR gab es eine Absolventenlenkung. Man konnte sich nicht aussuchen, wohin man nach dem Studium geht, was man arbeitet, wo man wohnt. Das ganze Leben war fremdbestimmt.“
DDR-Intellektuelle unter Beobachtung
Das Paar verschlug es nach Dessau. Er arbeitete als Assistent an der Pädagogischen Hochschule Köthen, sie war in verschiedenen Kultureinrichtungen tätig und von 1985 bis 1989 Medienbeauftragte am Landestheater Dessau. Als Intellektuelle standen beide ständig unter Beobachtung. „Ich hatte oft Angst, in den Knast zu kommen, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Wir mussten immer sehr vorsichtig sein“, sagt Christine Friedrich.
Ende der 80er Jahre befand sich die DDR im Todeskampf. Durch die unterschiedlichen Positionen zur SED-Herrschaft war die Gesellschaft zerrissen. Der Lebensstandard war niedrig. Zwar war das Leben billig, doch die Infrastruktur war kaputt, die Wohnungen waren schlecht, zu kaufen gab es nur das Nötigste, die Umwelt war schadstoffbelastet.
DDR vor dem Mauerfall grau in grau
„Alles war grau in grau: Die Gesichter der Menschen, die Häuser, Straßen und Städte. Der wirtschaftliche Abstieg, die Agonie war allerorten spürbar“, fasst es Holger Friedrich zusammen. Immer häufiger dachte das junge Paar an Flucht und Freiheit. „Aber wir hatten zwei Kinder. Welches Risiko konnten wir gehen?“, fragt Christine Friedrich. Mit den Kindern durch den Stacheldrahtzaun? Niemals!
Wohnung von der Stasi verwanzt?
Von ihrer Idee, die langsam zu einem Plan wurde, konnten sie niemandem erzählen, viel zu groß war die Gefahr, dass die Stasi was mitbekommt. Nicht einmal zu Hause sprachen sie darüber. Denn sie mussten davon ausgehen, dass ihre Wohnung verwanzt war und der Staat mithörte.
„Wir unterhielten uns darüber immer nur, wenn wir spazieren waren“, sagt Holger Friedrich. Einzig seine Mutter wusste Bescheid. „Wir haben ihr eingeschärft, nichts zu sagen. Sonst wäre sie im Knast gelandet. Mitwisserschaft wurde mit Gefängnis bestraft.“
Anfang vom Ende der Mauer
Der Fall der Berliner Mauer begann am 2. Mai 1989. Die ungarische Regierung baute die Grenzbefestigungen zu Österreich ab – sie waren marode, für eine Sanierung fehlte das Geld. Als am 27. Juni der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock den Stacheldrahtzaun zerschnitten, war das nur noch ein symbolischer Akt, eine Inszenierung für die Medien.
Angst vor der „chinesischen Lösung“
Am 7. Mai waren Wahlen in der DDR. Sie waren wie immer eine Farce, aber erstmals konnte die Opposition systematische Wahlfälschung nachweisen. Auch innerhalb SED-treuer Kreise nahmen die Zweifel nun zu.
Die Empörung steigerte sich, als die DDR-Regierung die brutale militärische Niederschlagung der chinesischen Oppositionsbewegung Anfang Juni 1989 lautstark begrüßte. Die Menschen verstanden die Botschaft: Auch ihnen würde bei Massenprotesten die Niederwalzung mit Panzern drohen. Fortan war die Angst vor der „chinesischen Lösung“ präsent.
Im Sommer 1989 verschärfte sich die Krise. Zehntausende Menschen waren bereits über Ungarn und bundesdeutsche Botschaften in die Freiheit geflohen. „Man hatte den Eindruck, dass es bei den Behörden in der DDR schon drunter und drüber ging, die konnten mit der Situation nicht mehr umgehen“, sagt Holger Friedrich und überlegt: „Vielleicht wollten sie vor dem 40. Jahrestag der DDR den Teil raushaben, der eh kritisch war.“
Auch er und seine Familie wollten die erste Chance nutzen, die sich ihnen bieten würde. „Weil wir wussten, das wird sich alles zuspitzen, es wird eine Bewegung entstehen. Und wir fragten uns: Wird es noch eskalieren? Kommt dann die chinesische Lösung? Das wollten wir nicht erleben.“
Sehnenscheidenentzündung vom Flugblatttippen
Das sogenannte Paneuropäische Picknick in Ungarn am 19. August 1989 verfolgten sie im Fernsehen. Zwischen Sankt Margarethen und Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze wurde für einige Stunden ein Grenztor geöffnet – mit Zustimmung der ungarischen Regierung. Etwa 700 Menschen aus der DDR nutzten die Chance. „Ich dachte noch: Schade, dass wir unseren Urlaub nicht am Balaton verbringen“, erinnert sich Christine Friedrich.
Im Sommer 1989 fragten sich viele Menschen in der DDR, ob sie auch „rüber machen sollten“. Es war aber auch die Zeit, in der die Opposition in der DDR nach und nach stärker wurde und gegen das System aufbegehrte.
Immer neue Bewegungen gründeten sich. Sie formulierten eine Alternative zum Weggehen und setzten den „Wir-wollen-raus-Rufen“ der Ausreisewilligen ein trotziges „Wir bleiben hier“ entgegen. Christine Friedrich tippte Flugblätter für die großen Montagsdemonstrationen in Leipzig – mit sieben Durchschlägen. Hinterher habe sie eine Sehnenscheidenentzündung gehabt, erzählt sie lachend.
„Oma sagt immer, im Westen sei es besser“
In der Nacht auf den 11. September öffnete Ungarn seine Grenze: Zehntausende Menschen aus der DDR überqueren sie in den folgenden Tagen in Richtung Westen. Die Friedrichs verfolgten das Geschehen an der Mattscheibe. Selbst der siebenjährige Sohn verstand in Teilen, was da vor sich ging: „Guck mal, die reisen alle aus. Wir wollen doch auch weg. Oma sagt immer, im Westen sei es besser“, wandte er sich an seine Eltern.
Am nächsten Tag ging Christine Friedrich zum sogenannten Reisebüro und beantragte ein Visum für Ungarn. Sie gab vor, mit ihrer Familie zu einer Hochzeit in Budapest fahren zu wollen. Sie packte ein Hochzeitsgeschenk ein. „Ein ganz tolles Teeservice im Bauhausstil, das wollten wir sowieso nicht da lassen“, erzählt Christine Friedrich.
Abschlusszeugnisse in Kinderbücher eingeklebt
Was sonst noch mitnehmen? In der kleinen Wohnung in einem Plattenbau in Dessau gab es nicht viel, an dem ihr Herz hing. Die Fotoalben brachten sie zu Holger Friedrichs Mutter, ebenso große Teile der kleinen Bibliothek. Es waren vor allem Bücher, die es in der DDR nicht offiziell zu kaufen gab.
Ihre Abschlusszeugnisse wollten die Friedrichs eigentlich mitnehmen. Sie klebten sie in die Buchrücken von großen Kinderbüchern. Aber die Bastelarbeit gelang nicht recht, am Ende lassen sie die Bücher da, aus Angst, dass die Zeugnisse bei einer Kontrolle entdeckt werden könnten. „Wir wären in den Knast gekommen, unsere Kinder zur Adoption freigegeben worden“, sagt Christine Friedrich.
Abschied am letzten Nationalfeiertag der DDR
Auch die mit dem Trabi zurückzulegende Route galt es zu planen. Aber wie? In der DDR gab es keine Straßenkarten, auf denen der Westen verzeichnet gewesen wäre. Holger Friedrich hatte noch eine alte Karte von 1937. Er und seine Frau studierten sie heimlich unter dem Küchentisch, ohne ein Wort dabei zu sagen. Aus Angst davor, von den Nachbarn gegenüber durch das Fenster beobachtet oder von der Stasi abgehört zu werden.
Das Visum bekommen sie am 6. Oktober, einen Tag später, am 7. Oktober, dem Nationalfeiertag der DDR, brechen sie auf in die Freiheit. Just in dem Moment, als die Kinder abends in Trainingsanzügen ins Auto steigen, beginnt das Feuerwerk.
Trabi-Fahrt ins Ungewisse
„Doch der Abschied war nicht leicht. Da waren schon zwei Seelen in meiner Brust“, sagt Holger Friedrich. Die Fahrt von Dessau über den Grenzübergang Reitzenstein in die damalige Tschechoslowakei und weiter nach Prag und Bratislava bis zum Grenzübergang Rajka nach Ungarn und schließlich über den Grenzübergang Nickelsdorf nach Österreich dauerte die ganze Nacht. „Es war eine Fahrt ins Ungewisse“, sagt Holger Friedrich. „Aber eine Fahrt in die Freiheit“, ergänzt seine Frau. Im Westen wurden sie mit offenen Armen empfangen. In Sinsheim fanden sie eine neue Heimat.
Dieser Text erschien erstmals am 27. August 2024 und wurde am 9. November 2025 aktualisiert.