Wenn Werner Röder einen Wunsch frei hätte fürs neue Jahr? Noch mal ein Radsommer wie 2021 würde ihm die größte Freude machen. Mit der Bahn und seinem E-Bike hat der 85-Jährige aus Reichenbach das Land erkundet.
Reichenbach - Es ist gar nicht so einfach, mit Werner Röder einen Termin zu bekommen. Schließlich ist viel zu tun im Geschäft, dem Getränkehandel, den zwar schon lange sein Sohn führt, in dem der Senior aber immer noch fast täglich mithilft. Morgens um 9 Uhr ist er bei der Arbeit, und vorher hat er sich schon die Grundlage für das Mittagessen gekocht. Auch den Haushalt führt der 85-Jährige selbst, Stillsitzen und Nichtstun ist ohnehin nicht sein Ding.
Seit sechs Jahren ist der Reichenbacher Witwer, davor hat er jahrelang seine Frau gepflegt und mit 70 noch das Kochen begonnen. Das war kein Problem für ihn, wäre doch Koch in jungen Jahren sein Wunschberuf gewesen. Dass dem dann die Übernahme des elterlichen Geschäfts entgegenstand, fand Werner Röder aber auch nicht schlimm. „Mir hat mein Beruf Spaß gemacht“, sagt der gelernte Holz- und Weinküfer mit Meisterbrief. Entsprechend engagiert war er als Obermeister der Küferinnung in Esslingen bis sie sich auflöste, Vorstandsmitglied der Einkaufsgenossenschaft der Getränkehändler und ein Vierteljahrhundert lang Vorstandsmitglied im Landesbrennereiverband.
Großes Interesse an der Kommunalpolitik
Für Kommunalpolitik hat sich das Reichenbacher Urgestein ebenfalls schon immer interessiert. Die Freien Wähler in Reichenbach, deren Ehrenmitglied er ist, hat er einst mitgegründet und 1965 um nur zehn Stimmen den Einzug in den Gemeinderat verpasst. Für ihn war das damals eine Enttäuschung, objektiv betrachtet aber ein Erfolg – schließlich wäre er mit 29 Jahren ein absolut junger Hüpfer unter den älteren Herren im Gremium gewesen. Als sich die Freien Wähler, bis dahin ein loser Zusammenschluss, 1990 als Verein aufstellten, war Röder sieben Jahre lang ihr Vorsitzender. Seitdem er offiziell in Rente ist, gehört er zu den treuesten Besuchern der Gemeinderatssitzungen. „Mich interessiert, wie die einzelnen Fraktionen arbeiten“, sagt er. „Das ist was ganz anderes als das Ergebnis der Sitzung.“
Zu den Sitzungen kommt er, wie fast überall hin, mit einem seiner beiden E-Bikes. Zu Fuß tut er sich wegen einer Rückgratverkrümmung schwer, doch im Sattel ist er mobil. Bis auf die Pausen nach der Knie- und der Hüftoperation hat er nie aufgehört, in die Pedale zu treten; wahrscheinlich fühlt er sich auch deshalb noch immer sicher. Geradelt sei er von Jugend an sein Leben lang, sagt Röder. Zwar nie als aktiver Wettkampfsportler – das haben dann seine Söhne getan, der eine im Radball, der andere als sehr erfolgreicher Rennradfahrer bis hin zur Deutschen Meisterschaft mit dem Team von Olympia Dortmund. Der Vater hat sich dagegen in verschiedenen Funktionen um den Radsport verdient gemacht: 20 Jahre lang, ab 1969, als Vorsitzender des Reichenbacher Radsportvereins und danach ein weiteres Jahrzehnt als Präsident. Er hat die Radrennabteilung des Vereins gegründet und etliche Radrennen in Reichenbach veranstaltet, zu denen Tausende von Zuschauern kamen.
Führerschein gegen VVS-Jahresticket getauscht
Sein Organisationstalent und seine Erfahrung nützen ihm heute bei seinen Ausflügen. Anfang 2020 hat Werner Röder freiwillig seinen Führerschein gegen ein VVS-Jahresticket für Senioren eingetauscht. „Das ist eine wunderbare Geschichte“, sagt er zufrieden. Zumal die Karte im Sommer in ganz Baden-Württemberg gültig ist, was er nutzt, um mit seinem Zweirad auf Reisen zu gehen: Er kombiniert Bahn und Radbusse, fährt er in den Schwarzwald, den Welzheimer Wald, nach Geislingen oder sonst wohin, macht vor Ort seine Touren, die er zu Hause genau vorbereitet hat. „Der Radtransport mit der Bahn funktioniert ganz hervorragend“, spricht Röder ein seltenes Lob für die Deutsche Bahn aus und schwärmt für die Regionalzüge, die er mit seiner Karte nutzen kann: „Das sind in der Regel die neuen Züge, und die haben sehr viel Platz für Räder.“
Dankbar für viele Erlebnisse und Begegnungen
Der Zugang sei ebenfalls komfortabel. Und wenn es mal keinen Aufzug gibt, oder wenn der defekt ist? Da stehe man dann zunächst dumm da, sagt Röder, „aber ich hab immer jemand gefunden, der sich sofort bereit erklärt hat zu helfen“. Auch bei Pannen, die durchaus vorkamen, packten mal andere Radler, mal Passanten freundlich mit an.
Mehr als 1500 Kilometer hat er im Sommer 2021 so mit seinem E-Bike zurückgelegt, am liebsten sonntags, weil da keine Lastwagen unterwegs sind. Sicherheit geht für ihn vor Schnelligkeit, er sieht sich als „Genussfahrer“ und schaut sich alles an, was rechts und links des Wegs zu entdecken ist. In seiner positiven, freundlichen Art spricht er gern mit Leuten. „Ich hab ja keinen Zeitpunkt, wann ich daheim sein muss“, sagt er. So genießt der Reichenbacher seine Touren aus vollen Zügen – dankbar für alles, was er erlebt und für viele schöne Begegnungen.
Ohne App und ohne Internet
Organisationstalent
Werner Röder hat sein Leben lang gerne organisiert, für seinen Jahrgang 1935/36, für den Radsportverein und auch für die Bundesehrengilde, eine Vereinigung verdienter Radsportler und Funktionäre. Ab 1989 hat er sieben Jahre lang mit viel Aufwand Wochenradtouren für sie auf die Beine gestellt. Die um die 600 Kilometer langen Gedächtnisfahrten zu planen, war – damals noch ohne Internet – eine Herausforderung.
Planung
Der Reichenbacher hat die Etappen ausgetüftelt und für jede davon nach einem Leiter vor Ort Ausschau gehalten. Diese Leute hat er besucht und sich mit ihnen besprochen. Auch Übernachtungsplätze und Verpflegung für 50 bis 60 Radler zu finden, war keine Kleinigkeit. Dass genaue Planung weiterhilft, hat er dabei gelernt: „Sie können nicht einfach losfahren, das wird nichts.“