Das erste Bond-Girl: Ursula Andress als Muscheltaucherin Honey Ryder in „James Bond jagt Dr. No“ aus dem Jahr 1962. Foto: Imago

Nächste Woche feiert Ursula Andress 85. Geburtstag. Seit ihrem Auftritt als erstes Bond-Girl haben sich die Frauenrollen der 007-Filme stark gewandelt – und waren der Zeit dabei oft voraus.

Stuttgart - Die Karibikwellen rauschen unaufgeregt. Am menschenleeren Sandstrand schlummert der Top-Agent der britischen Krone, als ihn eine Frauenstimme weckt: Gedankenversunken entsteigt die Muscheltaucherin Honey Ryder den Fluten – ein Liedchen singend, das Haar durchnässt, der weiße Bikini überaus knapp.

 

Beim Anblick der blonden Schönheit ist es von jetzt auf gleich um James Bond geschehen. Und nicht nur um ihn: Es war dieser eine Moment, der die Schweizer Schauspielerin Ursula Andress 1962 im ersten Film der Bond-Reihe auf einen Schlag zum Sexsymbol einer ganzen Dekade machte. Ihr spärlich bekleideter Auftritt hatte in der bis dahin prüden Nachkriegszeit etwas Unerhörtes und hob ganz nebenbei das Bond-Girl aus der Taufe, das seitdem Film für Film an die Seite des Agenten tritt.

James Bond als Beschützer

So sehr allerdings Honey Ryder die etablierten Sehgewohnheiten auf den Kopf stellte, so wenig sprengte ihr Verhalten die damaligen Geschlechterkonventionen. Mehr als einmal lehnt sie sich Schutz suchend an James Bond, der Honey den halben Film an der Hand hinter sich herzieht. Als es ins finale Gefecht gegen Bösewicht Dr. No geht, wird sie endgültig zur Randfigur.

„Seien Sie ganz ruhig, überlassen Sie das Reden mir“, sagt ihr Beschützer während der Aufzugfahrt ins Quartier des Schurken. Sie klammert sich an sein Jackett, er legt seinen Arm um ihre Schulter. Bevor dann Dr. No seinen Weltherrschaftsplan offenbart, räumt er auf: „Das Mädchen ist hier fehl am Platz, bringt sie weg.“ Honey wehrt sich ebenso kurz wie vergeblich. Am Ende ist es James Bond, der sie in höchster Not befreit. In brenzligen Situationen bleibt die Frau Statistin.

Nun waren derart devote und anhängliche Begleiterinnen – Beispiele für sie gibt es in den ersten Filmen reihenweise – immer auch Kinder ihrer Zeit. Und der Weg in Richtung Gleichberechtigung stand noch ziemlich weit am Anfang, als James Bond auf der Bildfläche erschien. Wenige Jahre vor dem Kinodebüt von 007 informierte zum Beispiel ein Werbespot von Dr. Oetker die deutschen Wohnzimmer über die ganz speziellen weiblichen Alltagssorgen: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?“

Holly Goodhead: ein Bond-Girl mit Doktortitel

In diesem Licht erhalten einige der ersten Frauenrollen der Bond-Filme überraschend fortschrittliche Züge. 1964 führte die Pilotin Pussy Galore in „Goldfinger“ eine komplett weibliche Flugstaffel an – im wirklichen Leben liegt der weltweite Frauenanteil in diesem Berufsfeld noch heute bei mageren fünf Prozent. 1979 füllte die promovierte Raumfahrtexpertin Holly Goodhead in „Moonraker“ James Bonds fachliche Wissenslücken – zu einem Zeitpunkt, als die Frauenquote an Hochschulen noch im Promillebereich lag. Etliche Bond-Girls hatten seitdem einen wissenschaftlichen Hintergrund, vor allem Pierce Brosnan ließ sich als Agent im Dienste Ihrer Majestät ein ums andere Mal mit Akademikerinnen ein.

Mit der Zeit wurden die Frauen an James Bonds Seite aber nicht nur gebildeter, sondern auch ein immer festerer Bestandteil der Action-Sequenzen. Die Blaupause lieferte 1997 in „Der Morgen stirbt nie“ die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh, die damals längst ein Star des asiatischen Martial-Arts-Kinos war. Dem Film sieht man das an: Mehrfach streckt sie als chinesische Agentin Wai Lin die Männer mit einer versierten Tritttechnik nieder, dem verdutzten James Bond entreißt sie bei der gemeinsamen Motorrad-Flucht sogar vorübergehend das Steuer.

Daniel Craig verliebt sich als 007 ernsthaft

Wenig später setzte Oscar-Preisträgerin Halle Berry in „Stirb an einem anderen Tag“ noch einen drauf: Als US-Agentin Jinx Johnson springt sie in abstürzenden Flugzeugen Salti und hantiert dabei mit zwei Schwertern gleichzeitig. Von der anfänglichen Schutzbedürftigkeit der Bond-Girls war um die Jahrtausendwende nicht mehr viel übrig.

Mitten in diesen Trend der stetigen Steigerung fiel 2006 das Debüt von Daniel Craig als James Bond, das so vieles auf neue Beine stellte. Auch die weibliche Hauptrolle: Vesper Lynd ist keine Action-Heldin, als Bürokratin vom britischen Schatzamt eigentlich sogar das genaue Gegenteil. Mit ihrer geistreichen Schlagfertigkeit aber beeindruckt sie den Doppelnull-Agenten über die Maßen: Er verliebt sich ernsthaft, quittiert den Dienst – und wird bitter enttäuscht: Vesper hintergeht ihn und kommt schließlich in einem einstürzenden Haus in Venedig ums Leben. James Bond verwindet den Verlust lange nicht, seine Trauer zieht sich durch mehrere Filme.

Ist der Begriff „Bond-Girl“ heute noch zeitgemäß?

Im unmittelbaren Folgestreifen „Ein Quantum Trost“ kommt es dabei sogar zum absoluten Novum: Die bolivianische Agentin Camille ist die erste weibliche Hauptfigur der Reihe, die nicht mit James Bond schläft. Erst in „Spectre“ tritt mit der Psychologin Madeleine Swann wieder eine Frau anhaltend in sein Leben, die im kommenden Film „Keine Zeit zu sterben“ eine eigene Geschichte bekommen soll.

Damit endet zugleich das zuvor in Stein gemeißelte Prinzip der Austauschbarkeit: Über Jahrzehnte hatte 007 seine Abenteuer in den Armen einer Frau beschlossen, die im nächsten Film ohne weitere Erklärungen einfach nicht mehr vorkam. Eine Einbahnstraße ist diese Entwicklung allerdings beileibe nicht, auch Craigs Weg säumen blasse Damen mit albernen Namen wie Strawberry Fields. Zum feministischen Format wird die Filmreihe künftig ebenfalls kaum werden, das gibt das inhaltliche Grundgerüst einfach schwerlich her: Die Hauptfigur ist nun mal ein Mann, der zudem manchmal ein ziemlicher Macho sein kann.

Gerade James Bonds Hochglanz-Universum aber bot den Nachfolgerinnen von Ursula Andress früh Raum für besondere Wege, auf denen sie sich schrittweise aus ihrer Abhängigkeit vom Titelhelden gelöst haben. Eigentlich ist der Begriff des Bond-Girls also längst aus der Zeit gefallen.