Der 83-jährige Horst A. schweigt vor Gericht Foto: dpa

Angriff auf Zeugen Jehovas: Ein Rentner steht er wegen 81-fachen Mordversuchs vor Gericht.

Bielefeld - Vermummt und mit einer Maschinenpistole bewaffnet stürmt ein Rentner im Juli 2009 in das Gemeindezentrum der Zeugen Jehovas in Bielefeld. Er fürchtet, seine Tochter an die Glaubensgemeinschaft verloren zu haben. Jetzt steht der Mann wegen 81-fachen Mordversuchs vor Gericht.

Der 83-Jährige wirkt wie ein Landgraf, der sich in das Bielefelder Landgericht verirrt hat. Der grüne Trachtenanzug, der schmale, weiße Schnauzer, die tadellose Haltung - fast scheint er seinen Auftritt im Blitzlicht der Fotografen zu genießen. Dabei wird ihm Haarsträubendes vorgeworfen: Vermummt und schwer bewaffnet soll er am 30. Juli 2009 im Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Bielefeld aufgetaucht sein. Und er soll die 81 Teilnehmer eines Gottesdienstes dort mit einer Maschinenpistole bedroht haben.

Eine gut geölte Maschinenpistole

Auch wenn sich kein Schuss löste, wirft die Anklage dem pensionierten Justizbeamten Horst A. im Prozess 81-fachen Mordversuch vor. Seit Januar versucht das Landgericht herauszubekommen, was den alten Mann zu seiner Tat trieb und warum er einen solchen Groll gegen die umstrittene Religionsgemeinschaft hegt. Der Angeklagte schweigt im Prozess. Frühere Aussagen und Aufzeichnungen des 83-Jährigen geben jedoch Hinweise auf seine Motive.

"Gutmütig ist ein Wort, dass auf meinen Vater schlecht passt", sagt Petra H., die Tochter des Angeklagten, im Zeugenstand. Die 61-Jährige lebt heute in Baden-Württemberg. Sie möchte großen Abstand zu ihrem Vater halten. Die Tochter meidet den Blickkontakt, als sie mit fester Stimme sagt: "Ich möchte aussagen." 1967 tritt sie aus der Evangelischen Kirche aus. Sie entzieht sich dem herrischen Vater und geht mit einer Freundin in die Schweiz. Im Mai 1968 lässt sie sich von den Zeugen Jehovas taufen. Sie ist noch nicht volljährig. Ihr Vater ist außer sich, tobt. Als die Tochter mal wieder ihre Eltern besucht, schleppt sie der Vater zur Polizei, damit sie dort eine Ausbildung beginnt. Zum Schein geht sie darauf ein und nutzt einen günstigen Augenblick, um in die Schweiz zurückzukehren.

Mehr als 40 Jahre später schreibt Horst A. dazu: "Was ich jetzt brauchte und nicht hatte, war ein Auto und eine gut geölte Maschinenpistole." Gefasst legt Petra H. dem Gericht alte Briefe ihres Vaters in die Schweiz vor. "Ich habe den Krieg mit den Zeugen Jehovas nicht begonnen", schreibt er ihr damals und dass nun wohl "der Kampf mit verborgenen Waffen" beginne.

Fit machen für den Tag X

 Erst 1971 gibt es ein Wiedersehen. Petra H. will den Eltern ihren künftigen Mann vorstellen. Die beiden kommen nur bis ins Treppenhaus. Oben steht der Vater, fragt, ob sie noch bei der "Sekte" sei. "Und dann sagte er, wenn ich noch mal wiederkommen würde, werde er mich erschießen." Zwölf Jahre später, 1983, besucht Petra H. ihre Tante im Ruhrgebiet. Plötzlich ist auch der Vater dort, beordert sie zu einer Unterredung in den Keller. Sie wünscht sich eine Aussöhnung so sehr, folgt ihm. Horst A. zieht sich Lederhandschuhe an und verprügelt seine Tochter.

Wieder 20 Jahre später beginnt scheinbar eine wundersame Wandlung des Horst A. Er ist jetzt Ende 70, sucht die Annäherung. Er spricht Wolfgang S. an, seit 54 Jahren bei den Zeugen Jehovas in Halle/Westfalen, trifft sich mit ihm regelmäßig zu Kaffee und Kuchen. Vor Gericht berichtet Wolfgang S., wie Horst A. eines Tages erstmals von seiner Tochter erzählt, mit der er so lange keinen Kontakt mehr habe. Auch, wie er sie damals beim letzten Wiedersehen "blutig geschlagen" habe. Nun tue ihm das leid, er wolle alles wieder gutmachen.

Wolfgang S. schöpft keinen Verdacht, nimmt im Oktober 2004 über das Netzwerk der Zeugen Jehovas Kontakt mit Petra H. auf. "Sie war sehr erstaunt über den Gesinnungswandel ihres Vaters, sehr erstaunt", sagt Wolfgang S. jetzt. Zuerst zögert sie, dann siegt die Sehnsucht nach Aussöhnung. Zusammen mit Wolfgang S. kommt sie zu dem Treffen ins Elternhaus. Das Wiedersehen verläuft harmonisch.

Fit machen für den Tag X

Einige Wochen später schreibt Horst A. der Tochter einen langen Brief. Er erwähnt Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und schreibt, er "wäre auch heute noch in der Lage, einen Menschen ohne jede Hemmung in acht Sekunden zu töten". Aber Wolfgang S. habe "es geschafft, dass ich meine Feindschaft zu den Zeugen Jehovas eingestellt habe. Ich habe meine Tochter wieder, herzlichst, Dein Papi."

Ein weiterer, offenbar nie abgeschickter Brief richtet sich an den Sohn. "So, mein Sohn, das war mein Leben." Mit diesen Worten von Horst A. beginnt der undatierte, aber wohl nur wenige Wochen vor der Tat vom 30. Juli 2009 geschriebene Brief. Er ist einer der zentralen Beweise, die die Staatsanwaltschaft für ihre These einer lange geplanten Rache an den Zeugen Jehovas ins Feld führt.

Darin berichtet Horst A. von seiner Kindheit, dass schon die Kinder "als Soldat erzogen" wurden. "Von daher gab es kein Aufgeben." Damals, als die Tochter zu den Zeugen Jehovas gegangen sei, habe er weder Auto noch Maschinenpistole gehabt. "Heute habe ich beides und mein Hass auf Gottes Falschspieler hat nicht einen Deut abgenommen." Er habe aber zunächst sein Verhalten geändert und den Zeugen Jehovas Torten serviert, denn: "Was man bekämpft, sollte man kennen." Er beschreibt detailliert, wie er sich auf dem Schwarzmarkt die Waffe besorgt, sie ausprobiert. Und weiter: "... versuche, mich durch Training und vernünftige Lebensweise fit zu machen für den Tag X. Noch in diesem Jahr."

Vieles deutet auf apokalyptische Schlussinszenierung

 Der 30. Juli 2009. Es ist ein lauer Sommerabend. Im Gemeindehaus der Zeugen Jehovas in Bielefeld in Nordrhein-Westfalen läuft der Gottesdienst. An der Tür vom Vorraum zum Gemeindesaal sitzt Wanja G. Der 34-Jährige soll späte Besucher in Empfang nehmen. Die Außentür steht wegen der Hitze offen. Gegen Ende der Feier, es ist 20.45 Uhr, entdeckt er an der Tür eine vermummte Gestalt. "Als ich die Waffe sah, wusste ich, dass etwas Extremes passieren würde", sagt er vor Gericht. Er rennt in den Saal, schreit "Alle raus!". Der schmale Notausgang wird geöffnet, Panik bricht aus. Vor dem Ausgang stauen sich die Fliehenden. Aber es fällt kein Schuss.

Draußen irren die Gemeindemitglieder durch die Nacht. Einige der Fliehenden sehen die dunkle Gestalt, jetzt ohne Maske, zum Auto humpeln. Zwei beherzte Helfer überwältigen den Mann, entreißen ihm einen Beutel. Darin finden sie eine tschechische Maschinenpistole vom Typ Skorpion VZ 61 mit Schalldämpfer, außerdem drei Magazine mit einigen Dutzend Patronen. Genug für ein Blutbad.

Warum fiel kein Schuss? Die Waffe war voll funktionstüchtig, sagen die Experten der Polizei. Einer der Zeugen Jehovas, der 52-jährige Martin W., hat Horst A. die Waffe an dem Abend entwunden. "Ich hab' ihn gefragt: ,Was haben Sie sich dabei gedacht?' Er hat nur müde geantwortet: ,Ach, lass mich laufen. Ich wollte euch doch nur erschrecken."' In einem Gespräch nach der Tat sagt Horst A. dem Psychiater, er habe mit einer spektakulären Aktion darauf aufmerksam machen wollen, wie gefährdet die Zeugen Jehovas durch Terroristen seien. Zugleich habe er die Waffe, die er einige Monate zuvor zufällig im Wald gefunden habe, entsorgen wollen. Zu Prozessbeginn entschuldigt sich Horst A. für das "gewaltige Erschrecken". Martin W. glaubt, dass der Rentner mit der Waffe nicht zurechtkam.

Vieles deutet auf apokalyptische Schlussinszenierung

Der Angeklagte ist voll zurechnungsfähig, sagt der psychiatrische Sachverständige, Carl-Ernst von Schönfeld. Horst A. wird am 24. Oktober 1926 in Wuppertal-Elberfeld geboren, wächst als jüngstes von vier Kindern auf. Sein Vater ist ein strenger Polizeioffizier aus Ostpreußen, zwingt ihn nach der Volksschule zu einer Maurerlehre. Mit 17 Jahren kommt er zur Wehrmacht. Die Erlebnisse im Krieg an der Ostfront überfordern den jungen Mann, er wird traumatisiert, sagt der Psychiater. Er attestiert ihm ein "beeindruckendes Gedächtnis und ein beeindruckendes Gefühl für Rache".

Nach dem Krieg arbeitet Horst A. wieder als Maurer, heiratet. 1948 wird die Tochter geboren, 18 Jahre später der Sohn. 1966 geht Horst A. in den Justizvollzugsdienst, genießt dort Respekt. Ein ehemaliger Kollege sagt über ihn: "Wenn es Ärger gab, wurde A. geholt, dann war Ruhe." Schönfeld sagt, das Umfeld von Ordnung und Disziplin habe gut zu Horst A. gepasst. "Dieses bürgerliche Idyll geriet mit dem Weggang der Tochter aus den Fugen. Horst A. verlor die Kontrolle." Als im Jahr 2009 aufgrund seiner Diabetes-Erkrankung eine Amputation des Fußes drohte, habe er zu seinem Vermieter gesagt, dass er niemals als "Krüppel herumlaufen" werde. "Und wenn ich abtrete, dann metzel ich vorher noch irgendwo rum."

Die Tat von Horst A. hat viele ratlos gemacht. Selbst der Psychiater will sich nicht festlegen, ob der alte Mann seiner Umgebung jahrelang nur etwas vorgemacht hat. Alles reine Lüge? "Das muss man nicht so sehen." Vieles deute aber darauf hin, dass Horst A. eher eine "apokalyptische Schlussinszenierung" geplant habe.

Am Abend nach ihrer Aussage vor Gericht steht Petra H. nachdenklich in dem Bielefelder Gemeindesaal, in dem alles geschah. "Ich bin völlig ratlos", gibt sie zu. Wollte ihr Vater hier ein Blutbad anrichten? Petra H. überlegt und sagt dann leise: "Ich traue ihm das zu." Am Donnerstag sollen die Plädoyers gehalten werden, der Termin der Urteilsverkündung ist noch offen.

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