Die Aufnahme eines Zeitzeugen, ehe Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Ruine der Synagoge dem Erdboden gleichmachen mussten. Das Bild von der Synagoge in Flammen ist eine Fotomontage. Foto: Stadtarchiv

Eine Stuttgarter Jüdin erinnert sich an den 9. November 1938 in Stuttgart: Am nächsten Morgen nach der Reichspogromnacht wird ihr Vater verhaftet. Danach steht der Entschluss der Familie fest.

Stuttgart - Laut Nazi-Jargon hat sich in dieser Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 spontan die Empörung der Bürger gegen die Juden Bahn gebrochen. In gewalttätigen Ausschreitungen der SA und des braunen Mobs unter den Augen der Polizei, die angewiesen war nicht einzuschreiten. Mit unvorstellbarem Vandalismus wurden auch in Stuttgart jüdische Geschäfte wie das Kaufhaus Tanne in der Tübinger Straße, das Radiogeschäft Jacobs in der Hauptstätter Straße und das Schuhhaus Speier zerstört und geplündert, Juden nachts aus den Betten geholt, geschlagen, misshandelt und verhaftet, und die Synagogen in Brand gesetzt.

Um 3 Uhr früh standen die Synagoge in der Hospitalstraße und das zweite jüdische Gotteshaus in der König-Karl-Straße in Bad Cannstatt in Flammen. Der Chef der Stuttgarter Feuerwehr, Branddirektor August Bender, und sein Kollege aus Bad Cannstatt, Werner Reutlinger, hatten das Benzin dafür bereitgestellt. Ihre Leute durften nicht löschen, sondern lediglich ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbarschaft verhindern.

Ahungslos in die Schule gegangen

In der Hohenstaufenstraße 17A wohnte damals die 14-jährige Charlotte mit ihren Eltern Claire und Manfred Nussbaum, ihrem Bruder Ernst und der Großmutter Siegmunde Friedmann. Friedmanns besaßen ein Wäschegeschäft in der Adlerstraße, in dem auch der Vater, ursprünglich als Dirigent ausgebildet, arbeitete. Die Mutter betrieb eine Praxis als Heilgymnastin. „Es ist kaum zu glauben, aber wir wussten in dieser Nacht nicht, was sich in Luftlinie höchstens zwei Kilometer entfernt abspielte und welche Gefahr drohte“, erzählte die heute 94-Jährige vor zehn Jahren anlässlich des 70. Jahrestages. Weder der Lärm klirrender Scheiben, was den Volksmund zu der reichlich flapsigen Bezeichnung „Reichskristallnacht“ animierte, noch die Rauchwolken erreichten die stille Straße im Stuttgarter Süden. Ahnungslos sei sie morgens in ihre Charlotten-Realschule gegangen und dort sofort zum Direktor bestellt worden: „Ein begeisterter Nazi mit Parteiabzeichen und Braunhemd“, der Charlotte erklärte, dass sie sofort die Schule verlassen und nie mehr wiederkommen solle. Fassungslos habe sie gefragt, warum. Weil es für sie zu gefährlich sei, habe er geantwortet. „Niemand von meinen Mitschülern ist heute morgen mit einem Gewehr in die Schule gekommen“, reagierte Charlotte selbstbewusst und wundert sich bis heute, „woher ich die Nerven dafür hatte“. Sie habe die Schule hoch erhobenen Hauptes verlassen. Aber es kam noch schlimmer: Ihr Vater wurde am nächsten Morgen um 6 Uhr abgeholt und weggebracht.

Manfred Nussbaum hatte mehr Glück als 400 andere jüdische Männer aus Stuttgart, die nach Dachau oder Welzheim ins Lager gebracht wurden, wo zwei Stuttgarter, Nathan Fröhlich und Arthur Hirsch, die Torturen nicht überlebten. Nussbaum kam nach ein paar Tagen wieder nach Hause. „Vielleicht, weil er gerade eine Operation hinter sich hatte und noch sehr schwach war. Vielleicht aber auch, weil der Polizeichef kein überzeugter Nazi war und Mitleid hatte“, rätselt Charlotte, verheiratete Isler, noch heute. Aber eines sei nun klar geworden: „Es war höchste Zeit für die Emigration.“ Bis dahin habe ihr Vater immer noch optimistisch auf eine Besserung der Lage gehofft, nun brachte nur noch die Flucht aus Deutschland Rettung.

Attentat als Begründung für Volkszorn

Angeblich war diese Orgie von Gewalt und Vandalismus die Reaktion der Bevölkkerung auf ein Attentat zwei Tage zuvor in Paris. Der 17-jährige Hermann Grünspan alias Herschel Grynszpan aus Hannover hatte in der deutschen Botschaft den Legationssekretär Ernst vom Rath niedergeschossen und tödlich verwundet, nachdem er erfahren hatte, dass seine Eltern, Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit, an die polnische Grenze zwangsverschleppt worden waren. „Weil Polen sie“, erklärt Roland Müller, der Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, „sie wie tausende andere, die einmal ins deutsche Reich gezogen waren, ausbürgern wollte.“ Auch in Stuttgart lebten 1933 373 jüdische Bürger mit polnischer Staatsangehörigkeit. Ihre Verhaftungen begannen bereits am Morgen des 28. Oktober 1938, weiß Müller. Die Deportationen und Aussetzungen an der polnischen Grenze folgten.

„Dieses Attentat als Begründung für den angeblichen Volkszorn kam den Nazis wohl gerade recht“, sagt Müller, der vor 40 Jahren seine Zulassungsarbeit zum Staatsexamen über dieses Pogrom schrieb. „In Wirklichkeit“, so Müller, „war dieser Auftakt zu systematischen Deportationen und Holocaust eine wohl inszenierte Aktion.“ Der 9. November habe sich dafür geradezu angeboten. Denn an diesem Tag pflegte die NS-Bewegung die Toten des missglückten Putsches am 9. November 1923 an der Münchner Feldherrnhalle zu ehren. Es sei vor allem ein Feiertag der SA gewesen, die nach Kranzniederlegung und abendlicher Kundgebung den Tag gemütlich in Bierhallen und SA-Heimen habe ausklingen lassen. Dem sei die mitternächtliche Vereidigung der SS-Bewerber im Hof des neuen Schlosses samt Übertragung der Reden Adolf Hitlers und Heinrich Himmlers aus München gefolgt. Es war also, folgert Müller, ein Leichtes, die professionellen Schlägertrupps für den angeblichen und von Gaupropagandaleiter Adolf Mauer organsierten Volkszorn zu mobilisieren.

Anklage gegen Branddirektor

Es wird überliefert, dass der christliche Hausmeister aus der brennenden Synagoge in der Hospitalstraße eine Torarolle gerettet hat. Die Kuppel dieses im orientalischen Stil erbauten Tempels stürzte ein, übrig blieb eine angekohlte Ruine. 15 Mitglieder der Gemeinde mussten unter der Leitung des Architekten Ernst Guggenheimer die Mauern des Gotteshauses abtragen. Guggenheimer überlebte und wurde mit dem Wiederaufbau der Synagoge, dem ersten Synagogen-Neubau in der jungen Bundesrepublik, beauftragt. Die Synagoge in Cannstatt, eine Holzkonstruktion, brannte total ab. An sie erinnert eine Gedenkstätte.

Im Mai 1946 erhob die Stuttgarter Staatsanwaltschaft Anklage gegen Branddirektor August Bender, den Leiter der Feuerwache Bad Cannstatt, Werner Reutlinger, und zwei weitere Angeklagte. Bender wurde 1947 in zweiter Instanz zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Familie Nussbaum verließ Stuttgart am 10. April 1939 für immer in Richtung New York, Verwandte in den USA hatten gebürgt. Die Großmutter war in Stuttgart geblieben, „weil sie nicht zur Last fallen wollte“. Heute erinnert ein Stolperstein vor dem Haus Hohenstaufenstraße 17A an Siegmunde Friedmann, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort am 5. April 1944 mit 72 Jahren zu Tode kam. Ihre Enkelin, Charlotte Isler, lebt in der Nähe von New York und hat viele Beziehungen zu Stuttgart. Nachdem sie sich vehement für die Erhaltung des Hotels Silber eingesetzt hat, will sie der Einladung zur Einweihung im Dezember unbedingt Folge leisten.

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