Markus Korselt ist Intendant und Künstlerischer Leiter des Stuttgarter Kammerorchesters, das dieses Jahr 75-jähriges Jubiläum feiert. Foto: Wolfgang Schmidt

Nach Kriegsende war der Festsaal im Furtbachhaus die einzige für Konzerte geeignete Räumlichkeit in den Ruinenfeldern der Stadt. Dort gab das Stuttgarter Kammerorchester am 18. September 1945 sein erstes Konzert. Exakt 75 Jahre später spiele das SKO das gleiche Konzert, kündigt der Intendant und Künstlerische Leiter Markus Korselt an.

Was war bei der Gründung des SKO die musikalische Zielsetzung?

Aus dem Stand gelang es Karl Münchinger und seinen Musikern, einen völlig neuen Musizierstil zu etablieren: transparent, anti-romantisch, beweglich und mit höchstem Qualitätsanspruch. Vor der Gründung des SKO war es üblich, auch die Wiener Klassik mit großem „Apparat“ zu besetzen, also 40 bis 50 Streichinstrumente. Man war stilistisch dem großen romantischen Gestus verpflichtet. Münchinger hingegen reduzierte sein Orchester radikal auf eine Stammbesetzung von 17 Streichern, wodurch ungeahnte Flexibilität und eine neue Klang-Balance in Bezug auf die Bläser entstand.

Gleichzeitig orientierte er sich damit an der historischen Aufführungspraxis, denn wir wissen, dass im Barock und der Wiener Klassik die originalen Besetzungen eher dem neuen Modell des SKO entsprachen. Die prägenden Komponisten der ersten Jahrzehnte waren für das SKO folgerichtig Bach und Mozart, wobei regelmäßig auch Komponisten des 20. Jahrhunderts ins Repertoire aufgenommen wurden.

Und heute? Welche neuen Aspekte sind inzwischen hinzugekommen?

Die musikalischen Ziele von vor 75 Jahren sind in unserer DNS, werden aber mit Hochdruck weiterentwickelt. Wir denken viel darüber nach, was heute ein Konzert alles sein kann, und haben sehr vielfältige Antworten gefunden: vom großen Abonnementkonzert im Beethoven-Saal der Liederhalle bis zum kleinen, feinen, risikoreichen Abend, beispielsweise mit Musik vom Württembergischen Hof kombiniert mit Cembalo-Elektro-Synthesizer-Improvisationen…

Die Anforderungen an unsere stilistische Kompetenz sind durch die Konkurrenz der Spezial-Ensembles gestiegen. Gleichzeitig ist das unsere große Stärke: dramaturgisch spannende Programme durch die Jahrhunderte der Musikgeschichte bis zur „Musik von morgen“ spielen zu können. Einiges ist hinzugekommen im Bereich Digitalisierung, darunter Virtual-Reality-Videos, Hologrammkonzerte, Forschungen zur Künstlichen Intelligenz. Unsere Musikvermittlung, das „SKOhr-Labor“, hat enorm an Bedeutung gewonnen und kommt nicht nur in der Heimat, sondern bis in den Himalaja zum Einsatz. Außerdem haben wir ein stets ausgebuchtes Seminar zur Führungskräfteschulung für Unternehmen entwickelt, bei dem die Teilnehmer ohne Vorkenntnisse das Orchester dirigieren und so ihr individuelles Führungsverhalten gespiegelt bekommen.

Verschiedene Chefdirigenten haben das Orchester und sein Profil geprägt.

Nach 40 Jahren unter der Leitung von Münchinger folgte Martin Sieghart, der den Loslösungsprozess vom Gründungsdirigenten zu bewältigen hatte und das SKO klug im Konzertleben hielt. Dennis Russell Davies erweiterte das Repertoire experimentierfreudig zur amerikanischen Moderne, aber auch mit einer Gesamteinspielung der Haydn-Sinfonien. Mit seinem Nachfolger Michael Hofstetter entwickelte das Orchester weitere Kompetenz auf dem Gebiet der historischen Aufführungspraxis,

Matthias Foremny überraschte mit Ausgrabungen und Lust an Talentförderung. Heute sorgt Chefdirigent Thomas Zehetmair mit akribischer Probenarbeit und energetischem Zugriff für einen nochmaligen Qualitätssprung, unterstützt von Jörg Widmann als künstlerischem Partner.

Welche sind unverändert die besonderen Stärken des SKO?

Höchster Qualitätsanspruch an uns selbst, Pioniergeist in Bezug auf Repertoire und Konzertreisen, spannende Programme über 400 Jahre Musikgeschichte, Konzerte sowohl in der Elbphilharmonie als auch unter der Paulinenbrücke. Die Voraussetzung für alles: 17 Solisten, die für die Kammermusik brennen.

Wie wird das SKO heute international wahrgenommen?

Jährlich spielen wir etwa 90 Konzerte, darunter zwei bis drei Interkontinentaltouren und Konzerte in mehreren europäischen Ländern. 2021 sind wir in führenden Konzerthäusern wie dem Konzerthaus Wien, dem Concertgebouw Amsterdam und der Tonhalle Zürich zu hören. Besonders freut mich, dass es uns in Asien wieder zunehmend gelingt, „als SKO“ gebucht zu werden. Dann steht das Orchester im Mittelpunkt, nicht ein berühmter Solist. Mit unserem Chefdirigenten Thomas Zehetmair hat die Nachfrage noch einmal zugenommen.

Wie werden Sie das Jubiläum feiern?

So ausgelassen wie möglich! Am 18. September feiern wir in den Wagenhallen das kalendarische Jubiläum unseres ersten Konzerts von 1945 mit dem gleichen Programm, darunter Werke von Schein, Vivaldi und Händel. Der Eintritt ist frei. Am 19. September spielen wir ein großes Jubiläumskonzert im Beethoven-Saal mit Werken von Bach, Bartók und Mozart, die exemplarisch für unsere Tradition stehen.

Beide Konzerte werden geleitet von Thomas Zehetmair, der auch solistisch zu erleben sein wird. Für die Jubiläumssaison haben wir Uraufführungen von Adriana Hölszky, Adam Bałdych und Gwilym Simcock in Auftrag gegeben – vom zeitgenössisch klassischen Werk bis zum Jazz-Violinkonzert. Zusätzlich veröffentlichen wir im Verlag Urachhaus einen Jubiläumsband mit Fotos von Reiner Pfisterer, die er während der vergangenen zehn Jahre vom Orchester gemacht hat. Die Bilder geben einen persönlichen, oft überraschenden und humorvollen Einblick in das, was wir tun: sei es auf den großen Bühnen, backstage oder im Straßenimbiss in Bangkok.

Info: „Das erste Konzert“: 18. September, 20 Uhr, Wagenhallen, Eintritt frei, Voranmeldung erforderlich per E-Mail an die SKO. „Glänzende Zeiten – Jubiläums-Abo-Konzert, 75 Jahre SKO“: 19. September, 20 Uhr, Liederhalle, Tickets 07 11 / 224 - 77 20 sowie auf der Homepage.

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