Werner Kurz erlebte im Mai 1945 als 16-Jähriger Kriegsgefangener bei Regensburg eine Rede des amerikanischen Generals Patton, die ihn bis heute nicht mehr loslässt. Der heute 91-Jährige erinnert sich an die chaotischen Monate kurz vor Kriegsende.
Höfingen - Das Ende des Zweiten Weltkriegs kommt für Werner Kurz auf einer großen Wiese an der Donau bei Regensburg in Gestalt des amerikanischen Generals George S. Patton. Der 91-Jährige erinnert sich noch ganz genau, was der Kommandeur der 3. US-Armee den 120 000 Kriegsgefangenen an diesem 8. Mai zurief: „Ihr seid keine Gefangenen, ihr seid Befreite. Genau das hat er gesagt“ erzählt Kurz, damals knapp 16 Jahre alt. Noch heute ist er tief bewegt von den Worten, die der Amerikaner an die gefangenen deutschen Soldaten richtete.
Die Zahl der Zeitzeugen, die das Ende des Zweiten Weltkriegs bewusst miterlebt haben, schwindet. Was der junge Stuttgarter in den Monaten vor der Kapitulation erlebt, ist kein außergewöhnlich dramatisches Schicksal. Anderen erging es weitaus schlechter. Kurz‘ Geschichte ist dennoch ein Stück Zeitgeschichte. Es ist die eines Soldaten, der, wie so viele seines Alters, den letzten absurden Befehlen einer kopflosen Führung ausgeliefert war. Es ist eine Geschichte von Auflösung und Chaos. „Überall, wo wir hinkamen, waren wir zu spät“, sagt Kurz, der in Stuttgart-Feuerbach aufgewachsen ist und heute in Höfingen bei Leonberg lebt. Er und seine Kameraden gehörten zum letzten Aufgebot junger Männer des Jahrgangs 1928, der noch eingezogen wurde, um zu verhindern, was spätestens nach der Invasion der Alliierten in der Normandie nicht mehr zu verhindern war. „Die letzte Blutreserve“, wie es in der perfiden Sprache der Nazis hieß.
Der 15-Jährige wird nicht Soldat, an die Front muss er trotzdem
Kurz‘ Odyssee durch die letzten Kriegsmonate beginnt im Wehrertüchtigungslager Kuchberg im Filstal, wo er und 300 andere Jugendliche im Schnellverfahren fronttauglich gemacht werden sollen. „Wir sollten anschließend als freiwillige SS-ler in den Krieg.“ Doch wie fast alles in dieser Geschichte, kommt es anders. Der damals 15-Jährige wird nicht Soldat, aber an die Front muss er trotzdem, auch ohne Uniform. Arbeitsdienst. Schanzen ausheben für die in Frankreich zurückweichenden Streitkräfte.
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„Wir kamen Ende August 1944 mit dem Zug nach Lunéville“, erinnert sich Kurz. Es hieß, die Kampflinie sei nur wenig dahinter. Für den Gerlinger Hermann Queck, wie Kurz Jahrgang 1928 und heute mit ihm befreundet, ist die Geschichte des Höfingers außergewöhnlich: „Er ist einer der Wenigen unseres Jahrgangs, der im Arbeitsdienst ins feindliche Ausland geschickt wurde“, sagt Queck, der mehrere Bücher über die Kriegserlebnisse seiner Generation geschrieben hat. Dass Kurz und seine Kameraden nicht hinter, sondern bereits vor den deutschen Linien in der Erde buddeln, erfahren die jungen Männer nur durch Zufall. „Wir waren eines Nachts als Dorfstreife unterwegs, als ein Oberleutnant auf einem Motorrad zu uns stieß.“ Der Auftrag, hier Schanzen zu errichten, begreifen sie da, war nicht nur sinnlos, sondern auch brandgefährlich. Schon am nächsten Tag sollten die Amerikaner vorrücken. „Noch in der Nacht sind wir geflohen und später zu Fuß über Blamont und den Col du Dolon nach Schirmeck durch die Vogesen marschiert.“
Kaum gedrillt, soll es nach Österreich
Die militärische Grundausbildung, die Kurz dann doch noch zum regulären Soldaten machen sollte, erhält der 15-Jährige erst im Januar 1945 beim Reichsarbeitsdienst in der Nähe von Passau. Kaum fertig gedrillt, soll Kurz ins österreichische Linz verlegt werden, wo russische Einheiten stehen. „Klar, dass wir davor große Angst hatten“, sagt der 91-Jährige. Doch auch dieser Befehl ist schon nicht mehr umsetzbar: Es fehlen die Lastwagen zum Transport. Stattdessen rückt die Einheit nun von der Donau zu Fuß über hundert Kilometer nach Norden, um sich den Amerikanern entgegenzustellen. „Bei Nacht und Nebel schlichen wir durch den Bayerischen Wald – und kamen wieder zu spät“: In den Stellungen bei Zwiesel, die die deutschen Soldaten eigentlich besetzen sollen, sitzen längst die GIs. Nun, hieß es, blieb nur noch die Flucht in die „Alpenfestung“, bekanntlich eine Schimäre der deutschen Propaganda.
Den Krieg hat er nicht mehr gefunden
Obwohl im April 1945 alle Donaubrücken gesprengt sind, gelingt es Kurz mit einer kleinen Fähre, die ihm Bauern zeigen, den Fluss zu überqueren, um Richtung Braunau am Inn zu marschieren. In Kößlarn treffen er und seine Kameraden auf Amerikaner, die ihnen den Weg versperren. Ohne Waffen versucht Kurz mit zwei Kameraden und einem Fahrrad einen letzten Fluchtversuch. Dieses Mal Richtung Heimat und jetzt mehr auf der Hut vor der SS als vor dem Feind. Schon einige deutsche Soldaten seien aufgeknüpft worden, heißt es. Das Trio beschließt, sich im Fall der Fälle zur Wehr zu setzen.
Am 3. Mai 1945 ist der Rückzug, der längst eine Flucht ist, für Werner Kurz in der Nähe von Landshut beendet. Den Krieg, den der junge Soldat auf Teufel komm raus suchen sollte, hat er – zu seinem Glück – nicht mehr gefunden. Nicht lange nachdem General Patton seine Rede gehalten hat, bekommt Kurz seine Entlassungspapiere. Er und andere werden in Militärlastern nach Württemberg transportiert. Von Pleidelsheim. führt ihn sein Patenonkel nach Feuerbach, wo er untertaucht. Stuttgart ist noch von den Franzosen besetzt und es besteht die Gefahr, wieder in Kriegsgefangenschaft zu geraten. „Erst als die Amerikaner die Stadt übernehmen, ist alles vorbei“, erzählt der 91-Jährige.