Firmenlogo von Nokia am Forschungszentrum Ulm, das im September geschlossen wird. Die 730 meist hoch qualifizierten Mitarbeiter hoffen, auch anderswo Arbeit zu finden. Foto: dpa

730 Mitarbeiter müssen gehen – Bis 2013 werden weltweit 10.000 Stellen gestrichen.

Ulm - Es ist Donnerstagvormittag, als Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner den Anruf von Nokias Deutschland-Chef Michael Bültmann erhält: Nokias Entwicklungszentrum im Wissenschaftspark der Stadt werde geschlossen, 730 Mitarbeiter würden bis Herbst dieses Jahres entlassen. „Irritiert“ sei er gewesen, sagt Gönner unserer Zeitung. Noch vor einem halben Jahr habe Nokia angekündigt, dass der Ulmer Standort ausgebaut werden solle. „Das alles ist sehr betrüblich und traurig. In unserer Wissenschaftsstadt war Nokia über die Jahre hinweg ein Leuchtturm.“

Doch die Zeiten, in denen der Handy­gigant Nokia leuchtete, sind vorbei. Der kriselnde Riese, der allein im ersten Quartal dieses Jahres einen Verlust von fast einer Milliarde Euro einfuhr, streicht weltweit insgesamt 10.000 Arbeitsplätze, um seine Zukunft zu sichern. Damit fällt rund jede fünfte Stelle im Handygeschäft weg. Die Jobs werden bis Ende 2013 abgebaut, teilte das finnische Unternehmen mit. Man wolle den Konzern schlanker aufstellen und nachhaltig wieder profitabel machen, begründete Nokia das Vorhaben. Doch nicht nur im Ausland legt Nokia die Axt an. Auch das einzige finnische Werk in Salo mit seinen 3700 Mitarbeitern soll geschlossen werden. Die Luxushandy-Sparte Vertu soll an den Finanzinvestor EQT verkauft werden. Nokia kündigte zudem umfangreiche Änderungen im Spitzenmanagement an.

Für die Nokia-Beschäftigten in Deutschland ist die Ankündigung ein Schock. Vier Jahre nach der Schließung des Handywerkes in Bochum halbiert das finnische Unternehmen damit fast die Zahl seiner Beschäftigten in Deutschland auf rund 1000. Ulm war bisher ein wichtiges Entwicklungszentrum für preisgünstige Einstiegshandys des Konzerns. „Für uns alle ist das ein Schlag ins Gesicht“, sagte der ­Betriebsratsvorsitzende Heiner Mosbacher. Nokia Ulm gelte seit langem „als höchst innovativer und effizienter Standort, mit einer sehr erfahrenen Belegschaft“. Diese wurde auf einer Betriebsversammlung informiert. Bei einigen Mitarbeitern seien Tränen geflossen. Dennoch schätzen viele die Zukunftsaussichten grundsätzlich nicht schlecht ein. „Ingenieure wie wir sind gefragt. Aber wenn gut 700 Ingenieure plötzlich auf den Arbeitsmarkt drängen, wird es eng“, sagt ein Nokianer.

„Wir konzentrieren uns auf die Wachstumsbereiche“

„Wir können uns die Forschung in diesem Umfang nicht mehr leisten. Das bedaure ich sehr“, sagt Michael Bültmann, Geschäftsführer Nokia Deutschland, unserer Zeitung. „Wir sind ein Unternehmen im Umbruch. Wir müssen uns in einem unglaublich anfälligen Umfeld sehr schnell über strategische Ausrichtungen entscheiden, da ist sehr viel Dynamik drin.“ Als Abwickler sehe er sich nicht. „Wir konzentrieren uns auf die Wachstumsbereiche.“

Was er meint: Künftig will sich Nokia auf „Alleinstellungsmerkmale seiner Smartphones und Mobiltelefone“ konzentrieren und einen stärkeren Schwerpunkt auf das Angebot ortsbezogener Dienste legen. ­Darunter versteht man Programme, die dem Nutzer auf seinen Aufenthaltsort abgestimmte Informationen liefern, etwa über Einkaufsmöglichkeiten oder Sehenswürdigkeiten. Darauf ist zum Beispiel der letzte große deutsche Nokia-Standort in Berlin spezialisiert. Mit den Mitarbeitern des Vertriebs in Ratingen wird es dann noch gut 1000 Nokia-Beschäftigte in Deutschland ­geben.

Außerdem wolle man deutlich mehr in die Lumia-Smartphones investieren, kündigte Nokia an. Die leistungsstarken Alleskönner sind die Hoffnungsträger der Finnen und laufen mit einem Betriebssystem von Microsoft. Allerdings hinken die Absatzzahlen Nokias der Konkurrenz von Apple und Samsung weit hinterher. Nokias Deutschland-Chef Bültmann glaubt dennoch, dass die Wende zu schaffen ist. „Wir verlieren Kunden, aber dafür gewinnen wir andere dazu.“

Auch Ulms Oberbürgermeister Gönner ist zuversichtlich, was die entlassenen Mitarbeiter angeht. „Sie werden in der Region Ulm, Stuttgart oder München einen neuen Job finden“, sagt er. Einen Schaden für den Technikstandort Ulm befürchte er nicht.

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