Ulrich Hirsch aus Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) kümmert sich dem Kriegsausbruch um Sachspenden für die Menschen in dem geschundenen Land. Organisiert hat er 70 Hilfskonvois.
„Das ganze Land ist am Limit.“ Ulrich Hirsch spricht von der Ukraine, und er weiß, was er sagt. Gut vier Jahrzehnte lang hat der Mann aus Sachsenheim für kirchliche Institutionen und Organisationen gearbeitet, unter anderem als Geschäftsführer des Gustav-Adolf-Werks Württemberg (GAW), das protestantische Minderheitenkirchen in aller Welt unterstützt. Doch das, was er jetzt in seinem Ruhestand macht, ist eine besondere Herausforderung. Der ausgebildete Diakon hat seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine sage und schreibe mehr als 70 Hilfstransporte in das überfallene und geschundene Land organisiert.
Tiefe Eindrücke bekam Hirsch vor einiger Zeit schon an einem Ort in der westlichen Ukraine, eine Region, die eigentlich weit ab von der Front im Osten liegt. Dieser Platz ist eine Zwischenstation für Transporte aus Westeuropa. „Was ich da sehe, das erschüttert mich“, berichtet Hirsch. „Jedes zweite Haus steht leer.“ Es sind viel weniger Menschen als noch 2022, zu Kriegsbeginn. „Viele sind geflohen, viele sind gefallen.“ Das Land sei ausgeblutet.
Lastwagen sind meist nachts unterwegs
Und so sei auch der Druck der ukrainischen Militärkommission auf die verbliebenen Männer im wehrfähigen Alter enorm. Denn die „Kommission, die sucht Männer für die Armee, und sie ist unnachgiebig: Es kann sein, die holen dich vom Fahrrad herunter, wenn du unterwegs bist.“ Das benötige die Ukraine am dringendsten: „Menschen“. Verlässliche Zahlen sind schwer zu bekommen. Aber klar ist: In dem Land, in dem einmal 40 Millionen Menschen lebten, sind es jetzt etliche Millionen weniger.
Wie funktioniert die Hilfe, und wer bezahlt sie? Ulrich Hirsch leitet die Osteuropa- und Ukraine-Hilfe des GAW. Die Aktionen werden über Spenden finanziert, und dabei sind ein großer Teil Sachspenden, von Einzelpersonen, aber auch Unternehmen engagieren sich. Ein großes Team hilft ehrenamtlich mit – auf „rund 100 Helfer und Helferinnen“ kann Hirsch sich stützen.
Er konnte dabei auf seinem Netzwerk aus seiner Zeit beim GAW aufbauen. Eine wichtige Anlaufstelle ist ein Pfarrer in der westlichen Ukraine. Die Transporte werden überwiegend mit Lastwagen und Speditionen aus der Region dort durchgeführt – das ist billiger. Von der Westukraine gehen dann Transporte weiter in das Land hinein, also in die gefährlicheren Gegenden weiter im Osten. Die Lastwagen sind meist bei Nacht unterwegs.
Ausstattung für Schulen sind gefragt
„Ich kann unseren Spendern versichern, dass unsere Hilfe eins zu eins ankommt“, sagt Ulrich Hirsch. Sachspenden machen einen großen Anteil aus. Fahrräder zum Beispiel seien derzeit heiß begehrt. Und „über 1000 Schulen in der Ukraine sind stark beschädigt“. Jede Schule benötige ja auch eine Ausstattung zum Arbeiten. Hirsch und sein Team haben überall in Württemberg nach ausrangierten Schulmöbeln gesucht, und sie sind fündig geworden. Schon zwei Mal starteten jetzt Lastwagen mit Tonnen Schulmöbeln. „Sie glauben nicht, was bei uns teilweise so rausgeschmissen wird“, hat Hirsch beobachtet: sehr brauchbare Ausstattungen.
Eine andere große Aktion brachte kürzlich Krücken und andere Gehhilfen zu einem Krankenhaus in der großen Stadt Winniza, weiter im Osten. Maßgeblich mit gespendet hat dabei das Sanitätshaus Weinmann in Göppingen.
Die Spendenbereitschaft, die zu Beginn des Krieges sehr stark war, hat stark nachgelassen. Und auch das generelle Interesse am Geschehen ist, so Hirsch, „stark rückläufig“. Aber dann gebe es immer noch auch sehr positive Überraschungen, zum Beispiel, dass eine kleine Firma 1000 Euro sammelt und spendet.
Hirsch macht laufend solche Erfahrungen, ermutigende wie auch ernüchternde. Es ist ihm anzumerken: Er ist immer mit Herzblut dabei. „Ich mache das alles ja auch, weil ich mitleide, weil ich diese Schicksale der Menschen dort sehe.“ Täglich telefoniert er mit dem Mann, der die Hilfe in der Westukraine koordiniert. „Ich frage mich auch“, sinniert Hirsch, „was macht so eine Situation mit einer Gesellschaft. Früher waren dort mal 1500 Einwohner, jetzt sind noch 300 oder 400 da.“
Unterländer Landwirt hilft vor Ort aus
Und dann gibt es da auch Menschen wie Albrecht Döbler, ein Landwirt aus Brackenheim. Er fährt immer wieder hinüber in die Ukraine – und lenkt dort seinen Traktor über die Äcker, die sonst brachlägen, weil die Männer im Krieg sind, die sie sonst bearbeitet haben. Dabei ist die Westukraine noch vergleichsweise sicher. Im Sommer wurde dort eine Freizeit für Kinder aus Odessa organisiert. Hinterher schwärmten die Kleinen: „Es war wie im Paradies.“ Ein paar Tage lang keine Angriffe, keine Drohnen, kein Alarm…
Dennoch, Hirsch macht sich nichts vor. Ermüdung und Kraftlosigkeit im vierten Kriegsjahr, die spüre er auch selber. Dennoch, der Glaube und die Liebe zu den Menschen wirken der Müdigkeit entgegen. Und er ist ja auch nicht nur für die Ukraine tätig. Erst vor ein paar Tagen brachte er einen Transport von sechs Pflegebetten aus der Orthopädischen Klinik Markgröningen auf den Weg. Diesmal fuhr ein Lastwagen aus Slowenien die Hilfe in ein Krankenhaus in Valjevo in Serbien. „Die können sich solche Betten überhaupt nicht leisten,“ weiß Hirsch. Und dazu ist es noch ein Zeichen wirklicher europäischer Verständigung über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg.