„Mit Kinderrechten in die Zukunft“ ist das Motto des Weltkindertages am 20. September 2024. Doch wie ist die Realität für Flüchtlingskinder in Stuttgart? Welche Unterstützung erhalten sie? Dazu haben wir mit einer Beraterin der Caritas gesprochen.
Kinder sind besonders schutzbedürftig - erst recht, wenn sie aus Krisen- oder Kriegsgebieten geflüchtet sind. In einer neuen und fremden Umgebung fehlt es ihnen oft nicht nur an Sprachkenntnissen, sondern auch an einem grundlegenden Verständnis ihrer Rechte. Damit sie nicht ganz auf sich allein gestellt sind, kümmern sich Menschen wie Yvonne Jatta von der Caritas in Stuttgart um geflüchtete Kinder und Jugendliche. Die Sozialarbeiterin arbeitet seit elf Jahren bei der Caritas und betreut Flüchtlingsfamilien in einer Unterkunft in Stuttgart-Mitte. In der „Kindersprechstunde“ klärt sie die Kinder dort über ihre Rechte auf. Uns hat sie einen Einblick in ihre alltägliche Arbeit gegeben.
In ihrer offenen Sprechstunde bietet sie den Kindern Aktivitäten wie Demokratieerziehung und Partizipation an. Um die Kinder besser kennenzulernen, organisiert sie offene Angebote wie Bewegungsspiele, Sport oder gemeinsam Filme schauen. Aber auch spezielle Themen wie Theaterstücke proben zum Thema Migration oder zum Thema Sprache gehören zum Angebot. Besonders beliebt bei den Kindern sind dabei die Sportangebote.
Die Sozialarbeiterin erzählt, dass sie es auch mit Büchern und Comics versucht hat. Das habe sich allerdings als schwierig gestaltet, da viele von den Kindern nicht über ausreichende Lesekompetenz verfügten. Wenn sie die Kinder mit Lesen nicht erreicht, steigt sie häufig auf Musik, Singen und Tanzen um. Oft hätten die Kinder auch einfach nur das Bedürfnis, von ihrem Tag zu erzählen - etwa wenn ihnen in der Schule oder zu Hause etwas Unangenehmes passiert ist. „Dann führen wir unsere sogenannten Couchgespräche“, erzählt die Sozialarbeiterin.
2023 organisierte die Caritas eine größere Aktion zum Weltkindertag
In dem von Yvonne Jatta betreuten Haus leben zwischen 90 und 100 Kinder verschiedener Altersgruppen. Ihre Kindersprechstunde richtet sich zwar hauptsächlich an 6- bis 14-Jährige, doch gelegentlich kommen auch 15- oder 16-Jährige vorbei, ebenso wie jüngere Geschwisterkinder. Zudem arbeiten im Haus Kolleginnen und Kollegen, die Unterstützung für traumatisierte Kinder anbieten. In ihrer Sprechstunde sind in der Regel zwischen sechs und 15 Kinder, die immer da sind. Die Altersspanne liegt hier in der Regel zwischen 8 und 13 Jahren. Die Kinder kommen aus verschiedenen Ländern wie der Ukraine, Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia, Nigeria und Eritrea.
Für den Ablauf der Sprechstunde befolgt Yvonne Jatta keinen festen Plan, denn wie sie lachend erklärt: „Pläne funktionieren hier nicht.“ Zunächst schaut sie, ob die Kinder Gesprächsbedarf haben. Wenn dem nicht so ist, improvisieren sie und ihr Team bei den Aktivitäten. So hat sie für die Kinder einen Krav-Maga-Trainer organisiert. Während des Trainings stellte der Trainer fest, dass das nicht das richtige Angebot für die Kinder sei. „Die haben sich einfach wild vermöbelt, und zwar so, dass es weh tut“, berichtet Yvonne Jatta. Daraufhin brachte der Trainer einmal seine beiden Hunde mit. Der Plan war, dass zunächst 15 Minuten diszipliniertes Training stattfinden sollte, anschließend durften die Kinder die Hunde streicheln. „Ich muss gestehen, dass ich anfangs ein wenig Angst um die Hunde hatte. Aber die Kinder haben so positiv, mit so viel Empathie auf die zwei Hunde reagiert, dass der Trainer jetzt immer seine Hunde dabei hat“, erklärt Yvonne Jatta.
Viele Kinder kennen ihren eigenen Stadtteil selbst nach Jahren nicht
In den Sprechstunden klärt Yvonne Jatta die Kinder auch über ihre Rechte auf. Oft haben die Kinder ganz eigene Vorstellungen von diesen. „Gemeinsam schauen wir uns an, was die UN-Kinderrechtskonvention vorschreibt und wie das mit den Vorstellungen der Kinder übereinstimmt“, erklärt sie. Es sei erstaunlich, dass viele Kinder gar nicht wüssten, dass sie ein Recht auf Spielen haben. „Sie dachten, ich muss in die Schule gehen, danach muss ich lernen, sonst darf ich mich auch mal mit meinem Handy beschäftigen und das war’s“, erzählt Yvonne Jatta. Dass sie ein Recht auf Spielflächen und die Möglichkeit haben, sich frei zu bewegen, ist für die Kinder völlig neu.
Besonders überraschend ist auch, dass viele Kinder ihren eigenen Stadtteil gar nicht kennen - obwohl sie teilweise schon seit zwei, drei Jahren hier leben. Sie sind mit dem Milaneo-Einkaufszentrum und ihrem Schulweg vertraut, doch darüber hinaus wissen sie wenig. Yvonne Jatta zeigt ihnen, wo sie neben der Schule noch hingehen können und welche kostenlosen Angebote es gibt.
Für die bevorstehenden Herbstferien plant die Sozialarbeiterin eine Stadtteilbegehung mit den Kindern. Sie hat bereits mehrfach mit geflüchteten Kindern das Jugendhaus Nord besucht, das die Kinder ebenfalls nicht kannten, und ihnen gezeigt, dass sie nach der Schule dorthin gehen können.
Sensibilisierung gegen Rassismus
Neben ihren Rechten klärt Yvonne Jatta die Kinder auch über das Thema Rassismus auf. In der Regel spielt Rassismus unter den Kindern eine untergeordnete Rolle, da sie in der Schule und in den Vorbereitungsklassen viel Zeit miteinander verbringen und gut miteinander auskommen. Doch sie werden auch von ihren Eltern geprägt. So komme es schon einmal vor, dass ukrainische Kinder Ressentiments gegenüber Roma-Kindern aus der Ukraine haben. „Da hieß es dann ‚Mit Zigeunern will ich nicht spielen’“, erzählt Yvonne Jatta und fügt hinzu: „Wir setzen klare Regeln fest, was beim Spiel erlaubt ist und was wir gar nicht tolerieren. Das funktioniert immer besser“.
„Wir haben Kinder, die sind hier geboren und inzwischen eingeschult“
Die Verweildauer der Familien in den Unterkünften liegt zwischen einem und neun Jahren. Manchmal auch länger. Das ist natürlich auch immer eine Frage der Bleibeperspektive. Familien mit Duldung haben es deutlich schwerer als Familien mit Aufenthaltserlaubnis. Und es sei immer noch so, dass zum Beispiel Ukrainer leichter eine Wohnung finden als Syrer. Das hänge auch davon ab, wie gut die Eltern Deutsch sprechen und ob sie eine Arbeit haben. Yvonne Jatta weiß von Familien, die seit sieben Jahren in einer Unterkunft leben. „Wir haben Kinder, die sind hier geboren und sind inzwischen eingeschult. Die kennen nichts anderes“, sagt die Sozialarbeiterin.
Die offene Kindersprechstunde gibt es seit 2022 und Yvonne Jatta ist von Anfang an dabei. Insgesamt gibt es in Stuttgart sechs Träger, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Einer davon ist die Caritas. Yvonne Jatta findet es gut, dass hier ein Problem erkannt wurde und das Angebot für die Kinder bereitgestellt werde. Allerdings reiche es hinten und vorne nicht aus, um der Menge an Kindern gerecht zu werden. Zudem sei das Angebot bis 2026 befristet. Wie es danach mit der Kindersprechstunde in Stuttgart weitergehen werde, wisse man nicht. „Ob diese Unterkunft bis dahin noch steht, ist auch ungewiss“.