70 Jahre Evangelisches Waldheim Esslingen: Blicke zurück und nach vorn auf einen jung gebliebenen Sommerferienklassiker. Seit dem Ende der Corona-Pandemie steigen die Anmeldezahlen. In diesem Jahr gibt es nur noch in der zweiten Ferienhälfte freie Plätze.
Heute dürfte es nicht mehr der erste Gedanke beim Wort „Waldheim“ sein. In kargen Nachkriegsjahren war das anders: Es ging ums Essen. „Dass die Kinder ein paar Wochen lang gute Mahlzeiten bekamen, war ein wichtiger Teil dieses Ferienangebots“, sagt der Esslinger evangelische Dekan Bernd Weißenborn. Das blieb selbst unter den Segnungen des Wirtschaftswunders noch so. Elvira Postic, Waldheimkind der Jahre 1961 und 1962, heute Vorsitzende der Gesamtkirchengemeinde Esslingen: „Wir wurden in der Schule noch gewogen. Die meisten waren untergewichtig.“
Inklusion statt Exklusion
Heute herrscht eher das umgekehrte Problem, aber das Essen spielt weiterhin eine große Rolle im Esslinger Evangelischen Waldheim beim Jägerhaus. „Es muss gut und schmackhaft sein“, sagt Weißenborn. Ein achtköpfiges Küchenteam kümmert sich darum. Weil aber auch der kleine Mensch nicht vom Brot allein lebt, ergänzt der Dekan: „Kinder haben ein Recht auf Religion, Gott, christliche Gemeinschaft.“ Das schließe niemanden aus, versichert er, sondern alle mit ein, ganz im Sinn christlich-humanistischer Ethik. Im Waldheim gelte Inklusion statt Exklusion, Offenheit auch für Angehörige anderer oder keiner Religionen, Freiheit von jeglicher Diskriminierung. Was übrigens auch wieder durch den Magen geht: Schweinefleisch wurde weitgehend vom Speiseplan verbannt. „Für uns waren Peitschenstecken und Brezel, die wir zum Heimweg bekamen, noch ein Highlight“, erinnert sich Postic.
„Draußen sein und sich auch mal dreckig machen dürfen“
Aber ein Waldheim ist ja keine Menüfolge, sondern vor allem „Gemeinschaft und Natur erleben, draußen sein, sich auch mal dreckig machen dürfen“, sagt der Diakon und Waldheimleiter Arne Hammer. Ganz traditionell – aber unvergänglich. Dass dieses Jahr bei den Aktiven des jung gebliebenen Sommerferienklassikers die Blicke zurückschweifen, verdankt sich einem halbrunden Doppeljubiläum: Seit 70 Jahren gibt es das Esslinger Waldheim, der Förderverein besteht seit 25 Jahren. „Wir versuchen,“ sagt dessen Vorsitzender Marc Kenner, „Dinge zu ermöglichen, die das Budget nicht hergibt“ – von der Musikanlage bis zum Volleyballnetz. Bei Sanierungen langt man auch mal mit an, und nicht zuletzt versteht sich der in Esslingens Honoratiorenschaft verwurzelte Verein als „ideeller Rückhalt“ des Waldheim-Gedankens.
Freiraum für den Nachwuchs
Dieser kam vor 120 Jahren in der Stuttgarter Arbeiterbewegung auf. Das Ziel: dem Nachwuchs aus beengten Wohnverhältnissen am Stadtrand etwas Freiraum schaffen. Kinder, zur Sonne, zur Freizeit!, sozusagen. Diese Devise bleibt aktuell – und manches, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen, bleibt gleich: Fordert heute die Berufstätigkeit beider Eltern eine Betreuung in den großen Ferien, gab es „in den ersten Waldheim-Jahren viele Schlüsselkinder, weil die Väter nicht aus dem Krieg heimgekehrt waren“, sagt Postic. Aktueller denn je, schätzt sie, ist die Gemeinschaftserfahrung, um „die Kinder mal wegzukriegen von den viereckigen Geräten“ – von Displays und Digitalmüll. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass, wie Hammer sagt, „die Kinder heute mehr Aufmerksamkeit brauchen“. Diese bekommen sie im Waldheim nicht von Erlebnispädagogen, sondern von geschulten Jugendlichen ab 16, die selbst meist Waldheimkinder waren: eine Selbstregeneration des Betreuernachwuchses, die Spaß für die Kleinen mit Erfahrungen für die Großen verbindet: Übernehmen von Verantwortung, kreative Programmplanung. Die Kinderklage aus antiautoritären Pionierzeiten („Müssen wir schon wieder spielen, was wir wollen?“) soll im Waldheim keinen Platz haben: Es gibt eine „Struktur“ (Weißenborn) – über die sich freilich immer reden lässt.
Dankgottesdienst statt Jubiläumsfeiern
Wie jedes Jahr wird auch 2024 pro Ferienhälfte je eine Freizeit angeboten. Die erste mit 220 Kindern ist ausgebucht. In der zweiten vom 15. August bis 3. September mit bislang 120 Kindern sind noch Plätze frei. Die Betreuerinnen und Betreuer leiten zu zweit jeweils Gruppen à 15 Kinder. Seit der „Corona-Delle“(Hammer) mit ihrer Teilnahmebeschränkung steigen die Anmeldezahlen kontinuierlich an, die Spitze um 2010 mit über 500 Kindern pro Jahr ist aber noch nicht erreicht. An den Kosten – je nach Einkommen der Eltern zwischen 220 und 440 Euro für das erste Kind – soll die Teilnahme nicht scheitern: „Für Familien, die das nicht bezahlen können, finden wir immer eine Lösung“, versichert Weißenborn. Deshalb will er auch den von der Kirche – mit Zuschüssen der Stadt Esslingen und der Gemeinde Aichwald sowie Sponsorengeldern – getragenen Etat nicht mit Jubiläumsfeiern strapazieren. Aber ein Gottesdienst zum Dank für die segensreiche Einrichtung gehört sich: 1. September, 10.30 Uhr, auf dem Waldheimgelände.
Ferien für Kinder, Erholung für Eltern
Getrennt
Das Waldheim als Institution ist eine Erfindung der Stuttgarter Arbeiterbewegung. Grüne Plätze am Stadtrand sollten Eltern und Kindern bieten, was sie sich sonst nicht leisten konnten: Erholung den einen, Ferien den anderen. So entstand als erstes 1908 das Waldheim Heslach. 1921 folgte im Feuerbacher Tal das erste evangelische Waldheim. Bis weit in die Nachkriegszeit blieb man unter sich: getrennt nach politischen und religiösen Konfessionen.
Gemeinsam
Heute sind die Waldheim-Träger in Stuttgart in einer Arbeitsgemeinschaft verbunden. Konfessionelle Grenzen spielen in den Einrichtungen keine Rolle mehr.