Vor der Vertreibung: 1943 feierten die Zsámbéker noch ein Weinfest in ihrem ungarischen Heimatort. Von September 1946 an gingen einheimische und vertriebene Kinder in Münchingen zusammen zur Schule. Auch Maria Keller aus Zsámbék (links oben, Mitte) unterrichtete dort. Foto: privat

Als der Zweite Weltkrieg vor mehr als 70 Jahren endete, begann für viele Menschen ein großer Umbruch: Millionen Deutsche und Deutschstämmige wurden aus dem östlichen Europa ausgewiesen – auch aus dem ungarischen Zsámbék.

Strohgäu - Franz Tisch war neun Jahre alt, „als das Drama begann“. Damals, im Frühjahr 1944, kamen die ersten deutschen Soldaten in den ungarischen Ort Zsámbék, in dem Tisch mit seiner Familie lebte. „Bei uns Kindern waren die Soldaten sehr populär“, erzählt Tisch, der heute 81 Jahre alt ist und in Münchingen lebt. Die kurze „romantische Zeit“ endete rasch, der Vater wurde als sogenannter Volksdeutscher einberufen in die Armee der Nationalsozialisten. Dann kam der Krieg über das Dorf, das 30 Kilometer westlich von Budapest liegt. Ständig flogen die Tiefflieger, viele Menschen starben, auch Tischs Großvater. In der Schlacht um Budapest, die als eine Art zweites Stalingrad gilt, sollte die Front vier Monate lang durch Zsámbék verlaufen, das zum belagerten Ort wurde.

Nach dem Grauen des Krieges wurden die mehrheitlich deutschstämmigen Bewohner auf die nächste harte Probe gestellt: Die „Volksdeutschen“ wurden vom ungarischen Staat ausgewiesen. Am Rathaus hing eine Liste mit Namen – „zum Entsetzen derer, die draufstanden“, sagt Tisch. Die Liste stützte sich auf eine Befragung aus dem Jahr 1940 – wer Deutsch als Muttersprache angegeben hatte, musste gehen. Doch „wir fühlten uns als Ungarn“, sagt Tisch. Die Einwände der Betroffenen wurden abgeschmettert, 80 Prozent der Bewohner des 5000-Seelen-Orts mussten ihre Heimat verlassen. „Keiner ging freiwillig“, berichtet Tisch.

Die Rache der Kinder

Vom 5. April 1946 an hieß es, Abschied zu nehmen. Paul Nimrod war damals 17 Jahre alt – und wütend. In seinem Tagebuch schreibt der heute 87-Jährige, der ebenfalls in Münchingen lebt, von einem „plötzlich aufkommenden Zorn“, der ihn zurückrennen und Scheiben einschlagen ließ. Ähnlich fühlte auch Tisch, der Fenster von Häusern eingeworfen hat, die schon verlassen waren. Die „Rache der Kinder“ nennt er das. In Viehwaggons ging es schließlich in die neue Heimat. Ende April 1946 kamen sie in Malmsheim, das heute zu Renningen gehört, an. Von dort aus verschlug es die Familien von Franz Tisch und Paul Nimrod nach Münchingen.

Die Ungarndeutschen kamen in einer Getreidehalle unter, die leer stand, weil auch im Strohgäu Hungersnot herrschte. 320 Vertriebene fanden dort Platz – auf engem Raum und ohne Privatsphäre. Für die neuen Einwohner gab es einen musikalischen Empfang. Die revanchierten sich mit einem Theaterstück, das Paul Nimrods Schwestern auf die Beine stellten – laut Nimrod „die erste kulturelle Begegnung“.

Franz Tisch und Paul Nimrod sind heute beeindruckt davon, wie die Münchinger die Zsámbéker aufgenommen haben. „Die Inte­gration war aus heutiger Sicht sehr gut“, sagt Tisch – trotz der Tatsache, dass auf 2700 Münchinger 300 Vertriebenekamen, die eine andere Kultur und Religion hatten. Während Münchingen damals evangelisch geprägt war, sind die Ungarndeutschen katholisch. Selbst als Wohnungen beschlagnahmt wurden, habe niemand gegen die Ungarndeutschen protestiert, erzählt Tisch. Auch Paul Nimrod weiß das zu schätzen: „Die Bevölkerung hat damals ein hohes Opfer gebracht.“

Vereine helfen bei der Integration

Spannungen zwischen den alten und neuen Einwohnern Münchingens blieben dennoch nicht aus. Flüchtlinge oder Zigeuner seien sie genannt worden, sagt Tisch. „Damals fand ich das verletzend.“ Und obwohl sich die Zsámbéker angepassten, fühlten sie sich ihrer alten Heimat weiter stark verbunden. Wenn sie zusammenkamen, waren sie „die Zsámbéker“, auf Festen blieben sie eher unter sich, viele heirateten untereinander – auch Franz Tisch. Dass die Integration trotzdem klappte, liegt auch an den Vereinen. Nimrod hat beim TSV Münchingen geturnt. Tisch war im Musikverein, dessen Mitglieder ihm gegenüber sehr offen gewesen seien. „Das rechne ich ihnen hoch an“, sagt der 81-Jährige.

„Komme ich je wieder zurück?“ hat sich der 17-jährige Paul Nimrod auf der Fahrt nach Deutschland gefragt. Viel später hat er darüber nachgedacht zurückzuziehen. „Aber es ist heute nicht mehr dasselbe.“ Heute, 70 Jahre später, fühlen sich beide, Nimrod und Franz Tisch, als Deutsche. „Und als Münchinger“, fügt Tisch hinzu.