Eine Heimstadt nicht nur für Bücher, sondern Autoren. Nach turbulenten Jahren feiert an diesem Mittwoch Deutschlands traditionsreichster Verlag Geburtstag.
Stuttgart - Der Suhrkamp Verlag ist eine Marke für solide geistige Wertarbeit wie Bosch oder Siemens einmal solche technischer Art verbürgt haben. Das Verlagsprogramm spiegelt die politische und kulturelle Entwicklung Nachkriegsdeutschlands wieder. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph George Steiner prägte hierfür den Begriff von der „Suhrkamp Kultur“, der auf eine Epoche verweist, in der das Erkennungszeichen der relevanten Gegenwartsliteratur jene bunten Bändchen waren, die der Buchgestalter Willy Fleckhaus für den Verlag entworfen hat.
Die erste Programmvorschau des am 1. Juli 1950 von Peter Suhrkamp gegründeten Verlags stellt 14 neue Titel vor, darunter Werke Hermann Hesses, Bertolt Brechts, Max Frischs – es sind die Säulenheiligen, des Frankfurter Unternehmens, zu denen sich in der Folge alles gesellte, was Rang und Namen hat, ja vielleicht Rang und Namen eben dadurch erst gewonnen hat. „Der Suhrkamp Verlag publizierte nicht nur die deutsche Gegenwartsliteratur, er schuf sie geradezu“, schrieb der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher einmal. In der Tat: Namen wie Peter Handke, Herbert Achternbusch, Rainald Goetz sind zwar auch bedeutende Autoren, aber als solche vor allem Suhrkamp-Geschöpfe, getreu der Maxime des die Geschicke des Hauses prägenden langjährigen Leiters Siegfried Unseld: „Der Verlag verlegt keine Bücher, sondern Autoren.“
Verlag der Frankfurter Schule
Kaum ein anderer Verlag hat sich so um die Lyrik verdient gemacht, angefangen bei Paul Celan und Nelly Sachs über Hans Magnus Enzensberger bis hin zu Durs Grünbein. Ebenso prägend ist der Beitrag von Suhrkampautoren für das Theater:
Thomas Bernhard, Tankred Dorst, in jüngerer Zeit Werner Fritsch und Albert Ostermaier haben das Feld der Bühne kartografiert. Mit Samuel Beckett, James Joyce und Marcel Proust hat der Verlag die internationale Literatur in deutscher Sprache eingebürgert. Lateinamerika wurde mit Isabel Allende, Jorge Semprun und Mario Vargas Llosa zu einem Frankfurter Heimspiel. Die Frankfurter Schule war es ohnehin: Theodor W. Adorno fand hier eine Heimstatt. Es ist schwer, einen prägenden Denker zu finden, der nicht bei Suhrkamp verlegt worden wäre. Andersrum ist es leichter, aber leider unerschöpflich: Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Michel Foucault, Roland Barthes und und und. Suhrkamp war über lange Zeit das intellektuelle Gravitationszentrum des Landes.
Nach dem Tod Siegfried Unselds 2002 trat seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz, bis dahin Vorsitzende der Familienstiftung, die bei Suhrkamp Mehrheitsgesellschafter ist, in das operative Geschäft ein. Dem vorausgegangen waren turbulente Diadochenkämpfe, in deren Gefolge nicht nur die von Unseld vorgesehenen Kronprinzen, sondern auch eine Reihe wichtiger Autoren das Haus verließen, darunter Martin Walser und Daniel Kehlmann.
Zu denen, die sich durch die neue Leitung übergangen fühlten, gehörte auch der Schweizer Unternehmer Andreas Reinhardt, dessen Familie seit 1950, noch vermittelt durch Hermann Hesse, 29 Prozent der Anteile hielt. Diese verkaufte Reinhardt 2006 an Hans Barlach und seinen 2010 verstorbenen Kompagnon, den Investmentbanker Claus Grosser. Die Familienstiftung lief dagegen Sturm, weil der Verkauf gegen ihren Willen erfolgt war. Die neuen Minderheitsgesellschafter wiederum revanchierten sich, indem sie die Absetzung von Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin forderten. Der Kampf war eröffnet.
Schlammschlachten und Pyrrhussiege
Seitdem waren sich die Akteure in herzlicher Feindschaft zugetan, woran auch der Umstand nichts änderte, dass Barlach 2010 die Geschäftsführerin bei ihrem Vorhaben unterstützte, den Frankfurter Traditionsverlag nach Berlin umzusiedeln – gegen die Stimme von Siegfried Unselds Sohn Joachim, der seine Anteile von zwanzig Prozent daraufhin zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und an Barlachs Medienholding verkaufte.
Neun Jahre lang folgte Prozess auf Prozess: Barlach fühlte sich notorisch übergangen, hinsichtlich seiner betriebswirtschaftlichen Vorstellungen ebenso wie in seinen Renditeerwartungen; Unseld-Berkéwicz gestand ihm immer nur gerade das Minimum des gesellschaftsrechtlich Unvermeidlichen zu. Häufig nicht einmal das. Es folgte eine Schlammschlacht, in der der traditionsreiche Verlag endgültig zu versinken drohte. Jahrelang hat Barlach gegen die Geschäftsführung um Ulla Berkéwicz, die Witwe des einstigen Firmenpatriarchen Siegfried Unseld, prozessiert. Und meist gewonnen. Schließlich wurde ihm vom Gericht eine Sonderausschüttung in Millionenhöhe zugebilligt. Ein Pyrrhussieg, denn der damit vor der Insolvenz stehende Verlag konnte nun ein Schutzschirmverfahren beantragen, im Zuge dessen das Traditionshaus in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Barlach, der 39 Prozent der Anteile besaß, verlor seine Mitspracherechte und wurde entmachtet. Ein halbes Jahr nachdem das Verfassungsgericht den Vorgang gebilligt hatte, starb der Unternehmer an einer Lungenentzündung in Hamburg.
Unseld-Berkéwicz sitzt heute dem Aufsichtsrat vor. Seit 2015 leitet Jonathan Landgrebe den Verlag. Die Wogen haben sich geglättet. Bei den wichtigen Wettbewerben liegen Suhrkamp-Autoren wieder gut im Rennen. Darunter auch viele junge, neue Namen. Wer weiß, vielleicht wird nach dem Zivilisationsbruch der zurückliegenden Jahre diese neue Generation den Grundstock einer neuen Suhrkamp-Kultur bilden.