Blick auf die Stiftskirche und das Rathaus im zerstörten Stuttgart nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Foto: dpa

Wie haben Baden-Württemberger das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt? Wir haben unsere Leserinnen und Leser aufgefordert, uns ihre Erinnerungen zu schicken. Ein kleiner Auszug aus über 60 Einsendungen.

Stuttgart - Wie haben Baden-Württemberger das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt? Wir haben unsere Leserinnen und Leser aufgefordert, uns ihre Erinnerungen zu schicken. Ein kleiner Auszug aus über 60 Einsendungen.

Stuttgart nach dem Krieg und heute - schauen Sie unsere faszinierenden Vorher-Nacher-Bilder an.

„Die Amis wedelten mit Fahnen“

Ursula Hauber aus Stuttgart hat das Kriegsende in Ilsfeld (Kreis Heilbronn) erlebt:

„Da ich ein kleines Mädchen von sieben Jahren war, kann ich mich noch gut an die Zeit erinnern. Ich verbrachte die Kriegsjahre in Ilsfeld. Ich wurde dort mit Lothar Späth eingeschult. Meine Eltern brachten mich zu meiner Tante, da sie dachten, auf dem Lande sei es besser als in Stuttgart. Aber ich erlebte dort auch sehr viel Schlechtes.

Einmal wurde ich fast von Granatsplittern getroffen. Ich sollte Brot holen gehen, es war aber schon Fliegerangriff. Die hatten wohl ein Haus unter Beschuss genommen. Ein Schmied hat mich schnell von der Straße weggeholt. Meine Cousine kam bei dem ­Angriff ums Leben, sie wurde von Granatsplittern getroffen. Ihr ganzer Körper war durchbohrt. Man hat sie dann auf ein Kuhfuhrwerk gelegt, um sie nach Ludwigsburg zu bringen. Unterwegs ist sie verblutet. Einem Knecht aus der Nachbarschaft ­wurden beide Beine abgerissen.

Es gab auch mal einen Tag, da gab es eine Ausgangssperre und ein Verbot, dass man nicht ans Fenster durfte. Warum das so war, weiß ich nicht mehr. Da ich ein neugieriges Kind war, musste ich sehen, was draußen los war. Meine Tante erschrak zu Tode und schrie, als sie das sah. Auf der anderen Seite der Straße lief ein Soldat mit Gewehr, der den Befehl hatte, sofort zu schießen, wenn jemand am Fenster war. Ich hatte einen Schutzengel.

An den 8. Mai kann ich mich noch gut erinnern. Wir haben aus dem Fenster geschaut. Da fuhren die Amis mit ihren Jeeps durch den Ort und wedelten mit Fahnen. Da wussten wir, dass das ein gutes Zeichen ist und dass der Krieg vorbei ist. Wir winkten und schrien ihnen vor Freude zu.“

Aufgezeichnet von Hanna Spanhel

“Wir trafen viele hilfsbereite Leute“

Manfred Sieber, 84, aus Sindelfingen, erzählt, wie er als 14-jähriger im Mai 1945 von Rot an der Rot zu Fuß nach Hause nach Stuttgart ging. „Bei Kriegsende war ich in Rot an der Rot und ging dort in einem ehemaligen Kloster zusammen mit etwa 120 anderen Kindern zur Schule. Wir waren von Stuttgart aus im Zuge der Kinderlandverschickung dorthin gekommen. Ende April 1945 rückten Franzosen in das Gebiet vor. Die Dörfer wurden kampflos übergeben. Ich erlebte den Einmarsch im Dorf Mettenberg, wo ich bei einem Bauern einquartiert war. Etwa 15 Panzer auf denen schussbereite Franzosen saßen kamen von Rot über Zell nach Mettenberg. Im Garten, durch Gebüsch verdeckt, sah ich die Sieger aus unmittelbarer Nähe. An einem großen Bauernhof machten sie Halt. Jetzt trauten wir Jungen uns in ihre Nähe, aber sie beachteten uns nicht. Wir waren überrascht, wie gut die Soldaten gekleidet waren. Essen hatten sie in Hülle und Fülle. In den umliegenden Häusern verbrannten die Bauern alle nationalsozialistischen Schriften und Bücher. Wir Jungen trafen uns täglich und berieten, was wir tun sollten. Dann hörten wir im Radio, dass Adolf Hitler im Kampf um Berlin gefallen sei. Nun glaubten auch wir nicht mehr an den Endsieg. Wir beschlossen am 2. Mai 1945 den Heimweg nach Stuttgart anzutreten. Ungefähr 130 Kilometer. Jeder hatte einen Tornister und Taschen zu Tragen, später hatten wir einen Handwagen. Bei Rottenacker fanden wir eine der wenigen noch nicht gesprengten Brücken über die Donau, aber sie wurde von Franzosen bewacht. Wir sahen zu, wie sie Handgranaten von der Brücke in die Donau warfen, um nach der Detonation, die mit dem Bauch nach oben schwimmende Fische einzusammeln. Als wir die Brücke betraten, hielten sie uns an. Woher? Wohin? Dann wurde unser Gepäck nach Waffen durchsucht. Schließlich ließen sie uns gehen, erst später bemerkten wir, dass uns ein Laib Weißbrot, den ich von einer Bäckerei erbettelt hatte, fehlte. Wir bekamen von den Bäckersfrauen oft Brot ohne Marken. Überhaupt trafen wir viele hilfsbereite Leute. Eine Frau bot uns einen Schlafplatz und Essen an, ein anderes Mal konnten wir bei der Familie eines Mitmarschierers in Kirchentellinsfurt schlafen. Am Montag, den 7. Mai starteten wir von dort zu unserem letzten Marsch (48 Kilometer) nach Stuttgart. Es war sehr warm, wir schwitzten und dann kamen wir in einen Ort namens Häslach (leider noch nicht das Stuttgarter Heslach). An einem Schattenplatz machten wir Rast. Nach einer Weile kam eine Frau und brachte uns ein Tablett voller Gsälzbrote. Bei prächtigem Wetter kamen wir Stuttgart näher. Viele Militärfahrzeuge, mit der Aufschrift ,Gouvernement Militaire’ fuhren in Kolonnen auf der Straße. Über Echterdingen kamen wir nach Degerloch, wo wir uns trennen mussten. Da ich noch den weitesten Weg, nach Stuttgart-Münster hatte, bekam ich den Leiterwagen. Ich setzte mich in den Wagen, nahm die Deichsel zwischen meine Beine und brauste die neue Weinsteige hinunter bis zum Charlottenplatz. Wenn es zu schnell wurde, fuhr ich einfach einen 360-Grad- Bogen. Als ich am Neckardamm ankam, sah ich die ersten Münstermer am Viadukt, es waren ,PG’s’, also Parteigenossen. Sie mussten das Pulver, das zur Sprengung des Viadukts an den Pfeilern angebracht worden war, ausgraben. Ich fragte nach meiner Mutter und einer sagte, dass er sie am Morgen gesehen hätte. Ich war sehr erleichtert. Noch ein paar Meter, und ich war an unserer Haustür und läutete. Meine Mutter konnte es nicht glauben – sie weinte. In der Küche stand eine Schüssel Rhabarberkompott. Sie war im Nu leer. Oh war das schön, wieder zu Hause zu sein!“ Aufgezeichnet von Lisa Welzhofer

„Ich habe keine guten Erinnerungen“

Hildegard Jahn (84) aus Fellbach hat das Kriegsende in dem kleinen Dorf Hitzdorf (damals Pommern) erlebt:

 „Ich habe keine guten Erinnerungen an das Kriegsende. 1945 war ich 14 Jahre alt. Mit meiner Mutter, meinem Großvater und zwei jüngeren Schwestern lebten wir damals auf einem kleinen Bauernhof am Eingang von Hitzdorf. Bei uns wohnten auch noch zwei französische Kriegsgefangene und ein ukrainisches Mädchen, das Ljuba hieß. Mein Vater wurde 1944 als Soldat eingezogen und kam nach Rumänien. Schon kurze Zeit danach galt er als vermisst. Am 31. Januar 1945, daran kann ich mich noch ganz genau erinnern, kamen zum ersten Mal die Russen auf unseren Hof. Es war gleich eine ganze Einheit von Soldaten. Sie haben das Haus nach Soldaten, Waffen und Schmuck durchsucht und waren dann wieder weg. Wir alle hatten eine unheimliche Angst.

Ein paar Tage später kamen die Soldaten wieder. Dieser Besuch lief nicht so glimpflich ab wie der erste. Die Russen fuchtelten mit ihren Waffen und haben laut geschrien. Dann zogen sie mich ins Nebenzimmer, wo ich vergewaltigt wurde. Sieben Männer sind nacheinander über mich hergefallen. Wenn ich geschrien oder mich gewehrt habe, bekam ich die Pistole oder ein Messer auf die Brust vorgesetzt. Meine Mutter und mein Großvater standen hilflos daneben. Irgendwann hat der Kommandeur der Russen ­gesagt, ich könne gehen.

Aber es kam noch schlimmer. Den dritten Besuch der Russen sollte mein Großvater nicht überleben. Die Soldaten haben uns mit meiner Mutter vom Hof weggeschickt. Als wir am nächsten Tag wiederkamen, fanden wir unseren Großvater in einer Blutlache am Boden liegend. Er wurde erschossen.

Das Kriegsende habe ich dann in Hitzdorf erlebt. Aber schon kurze Zeit später mussten wir unseren Hof verlassen, weil die Polen kamen und uns vertrieben haben. Wir konnten zum Glück zu meiner Tante nach Berlin ­fliehen. Von unserem Besitz durften wir aber nichts mitnehmen. Wir haben alles verloren. Vier Jahre lebten wir danach zu viert in einem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer. Lange Zeit habe ich mit keinem über meine Erinnerungen an das Kriegsende gesprochen. Erst vor kurzem erzählte ich meinen Kindern darüber – und sie waren natürlich geschockt.“

Aufgezeichnet von Evgenij Krasovskij

„Überall gibt es sotte und sotte“

Inge Wiesenauer beschreibt den Einzug der Amerikaner in Alfdorf.

„Ich war 5 Jahre alt, da meint man eigentlich, es gäbe keine deutlichen Erinnerungen. Aber so einschneidende Ereignisse merken sich auch Kinder. Es läuft heute noch ab, wie ein Farbfilm. Ich wohnte in Alfdorf an der Hauptstraße mit Mutter und Großmutter. (Männer gab es schon keine mehr in der Familie). Es war sehr schönes Wetter. Der Nachbar, Lehrer Hugo Voß, sprach über den Zaun mit meiner Großmutter, Mutter kam dazu und ich wurde ausnahmsweise nicht weggeschickt, was sonst immer der Fall war, wenn über den Krieg geredet wurde. Herr Voß erzählte, er habe gerade alle Schulkinder nach Hause geschickt, die Panzer würden anrollen. Der Ortsgruppenleiter sei in die Schule gekommen und habe angeordnet, daß die älteren Schüler (12-13 Jahre) Barrikaden aus Ochsenfuhrwerken bauen sollen. Der Lehrer protestierte, die Kinder hatten schreckliche Angst. Da sagte der Ortsgruppenleiter doch tatsächlich: „Ich habe die Macht, euch alle zu erschießen“. Der Lehrer, ein „Sozi“, der vorher schon einige Monate im KZ war wegen seiner „politisch unkorrekten“ Reden, beendete den Disput, indem er den Kindern befahl, jetzt erst mal zum Mittagessen heimzugehen. Wenn man sie brauche, werde man sie holen. Alle verließen fluchtartig das Klassenzimmer – vermutlich hat er einer Menge Menschen das Leben gerettet. Was mit Alfdorf passiert wäre, wenn der Idiot mit seiner Verteidigungsidee durchgekommen wäre, habe ich erst viele Jahre später begriffen.

Dann hörten wir einige andere Nachbarn rufen, die Russen kämen. Andere, die von der Feldarbeit hereinkamen, widersprachen und erzählten, sie hätten Sterne auf den Panzern gesehen. Da war klar, es waren Amerikaner. Die Leute standen in ihren Gärten am Straßenrand und warteten. Ich kletterte auf einen steinernen Pfosten des Gartenzauns und aß dort mein unglückseliges Gsälzbrot (ohne Butter, weshalb die dünne Marmelade durch die Löcher im Brot sickerte und mich ziemlich verschmierte).Dann kamen die Panzer, sie waren mit langen Ketten aneinandergebunden. Sie fuhren langsam und die Ketten schleiften auf der Straße. Nach einer Weile, als nichts dramatisches passierte, fingen die Kinder der Nachbarschaft von beiden Seiten der Straße an, über die Ketten zu hüpfen, als wären es Springseile. Die nervösen Mütter holten uns zurück und es setzte ein paar Ohrfeigen. Die Panzer wurden auf viele Häuser verteilt, pflügten quer durch den Garten und der Anführer der Truppe teilte meiner Mutter auf englisch, etwas französisch und mit der Zeichensprache mit, daß wir ein Zimmer behalten dürften und morgens die Küche benutzen, in der aber auch für die Mannschaft gekocht wurde. Er hieß Victor und stammte aus Louisiana. Er befahl ihr, sich nachts einzuschließen und ihn zu rufen, falls sie belästigt würde. Wenn meine Mutter mich morgens auf den Küchentisch setzte, um mich für den Kindergarten fertig zu machen, hat Victor mich abgefragt und wenn ich auf englisch bis 10 zählen konnte, bekam ich was Süßes, Süßholz, Kaugummi oder ein Rippchen Schokolade.

An ihn habe ich nur positive Erinnerungen... Die nächste Gruppe Soldaten war weniger human. Wir mußten das Haus ganz verlassen, durften für die gehbehinderte Oma ein Sofa mitschleppen und haben mit vielen Nachbarn zusammen in der Scheune der Großtante gegenüber gewohnt. Wir Kinder fanden es ganz abenteuerlich im Heu zu schlafen, die Erwachsenen weniger toll. Einmal hörte man das tiefe Brummen eines deutschen Flugzeugs „Tante Ju“, sagten die Älteren. Es gingen gerade 2-3 Soldaten mit einem Zuber Wasser über den Hof. Offenbar war das Geräusch auch für sie unverkennbar und sie fingen an zu rennen, stolperten und fielen samt Wasserzuber hin. Es wurde nur ganz verhalten gekichert, niemand traute sich laut zu lachen. Als wir wieder in unser Haus zurück durften, war es ziemlich verwüstet. Alle Flaschen und Abfälle lagen auf einem Haufen auf dem geschnitzten Esszimmertisch und obendrauf die Fäkalien der Besatzer. Ich habe also schon sehr früh gemerkt, es gibt überall sotte und sotte.

An was ich mich auch noch erinnere, war der Tag, als Stuttgart brannte. Viele Menschen, etwa 50, standen in kleinen Gruppen auf der Straße Richtung Pfahlbronn. Die Straße hatte badewannengroße Löcher. Der Himmel war ganz rot. Es sah aus, als würde eine kilometerbreite Sonne untergehen. Keiner sagte etwas, nur einige schluchzten ganz leise.“

Aufgezeichnet von Kathrin Brenner

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