Sie hat keine Lust auf diesen Mann: Sue Jin Kang als widerspenstige Katharina mit Filip Barankiewicz (links) und Rolando d’Alesio. Foto: Stuttgarter Ballett 2009/SB

Hier geht der Vorhang auf: Wir erinnern zum 60. Geburtstag des Stuttgarter Balletts an wegweisende Produktionen. John Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ stellt Rollenbilder mit Witz auf den Kopf.

Stuttgart - Schönheit, Anmut, Grazie: Alles, was eine Ballerina ausmacht, muss sie für die Rolle der Katharina in John Crankos Tanzspaß „Der Widerspenstigen Zähmung“ vergessen. Am 16. März 1969 brachte der Choreograf seine Umsetzung von Shakespeares Komödie in Stuttgart mit Marcia Haydée und Richard Cragun als Liebespaar wider Willen auf die Bühne; über die von ihnen erarbeiteten Rollenbilder haben seither Generationen gelacht.

 

Humor ist in der Welt des Balletts die Ausnahme. Dass es aber auch mal komisch zugehen darf, hatte Cranko in London gelernt; 1960 kam am Royal Ballet Frederick Asthons „La fille mal gardée“ heraus. Ebenso britisch fein dosiert ist der Humor Crankos – und eine gute Schule für viele Stuttgarter Choreografen. Christian Spuck etwa hat genau hingeschaut: Mit seinem überaus erfolgreichen „Le Grand Pas de deux“ inszenierte er als Stuttgarter Hauschoreograf eine Tanzbegegnung der komischen Art. Es dauert viele Lacher, bis der ehrgeizige Ballerino seine tollpatschige Partnerin endlich zum Mitmachen bewegen kann.

Die Komik liegt schon in den Schritten

Ob Drama oder Witz: Cranko wusste, wie man Emotionen verpackt. Der ehemalige Stuttgarter Solist Alexander Jones sagte vor seinem Zähmungs-Debüt: „Die Choreografie ist so toll gemacht, dass Gefühl und Komik bereits in den Schritten liegen. Man tanzt – und alles ist sofort da. Als Petrucchio muss man sehr aufpassen, dass man nichts übertreibt und zu groß macht, sonst sieht das Ganze nicht mehr glaubwürdig aus.“ Wie wichtig es ist, die Komik richtig zu dosieren, unterstrich auch Marijn Rademaker: „Versucht man, lustig zu sein, macht man alles kaputt.“ Für den holländischen Tänzer war Petrucchio ein Typ, den man leicht unterschätzt: „Die Kunst ist es, ihn so wirken zu lassen, als ob er besoffen nur seinen Spaß haben will, aber trotzdem muss durchscheinen, dass er ganz genau weiß, wie er Katharina rumkriegen kann.“

Sexistisch oder ein Rollenspiel mit Weitblick?

Immer wieder Diskussionsstoff bietet die Frage, ob Crankos „Zähmung“ sexistisch oder ein Rollenspiel mit Weitblick ist. Auf die Knie gehen, Gehorsam schwören – das scheint eher ein Fall für die Gleichstellungsbeauftragte als für die Tanzbühne. Und Cranko inszenierte die Zähmung in keiner Weise zimperlich, er verwandelte Wortgefechte in einen handfesten Krieg der Geschlechter, mit Fußtritten und Fausthieben, mit Überschlag und Kopfnuss. Über weite Strecken sehen wir zwei Ebenbürtige. Was Katharina an körperlicher Stärke fehlt, macht sie durch fiese Tricks wett. Das Happy End, bei dem die Ex-Widerspenstige als gezähmt auftritt, mag da besonders krass wirken.

Identitäten sind im Fluss

Doch John Cranko machte mit einer Vielschichtigkeit in den Figuren, mit einer Doppeldeutigkeit der Gesten von Beginn an klar: Was kommt, ist alles nur ein Spiel. Geschlechter, Rollen, Masken – der Choreograf legte so viel Wert auf den mühelosen Fluss zwischen Identitäten, dass dieser selbst zum Thema wird. Bis heute dürfen die Solistinnen des Stuttgarter Balletts keine Angst davor haben, hässlich auszusehen, männlich aufzutreten, den Spitzenschuh, also das Attribut ihres Tänzergeschlechts, als vieldeutige Waffe einzusetzen. Katharina ist erst forsch und wild, dann sanft und einsichtig. Wie werden Geschlechter jenseits des Biologischen konstruiert? Was macht uns zur Frau, zum Mann? Fragen, die bis heute aktuell sind und denen sich John Cranko mit so wohltuender Offenheit näherte, dass „Der Widerspenstigen Zähmung“ bis heute Spaß machen darf.