Udo Jürgens beim 40. Landespresseball 1999 im obligatorischen Bademantel. Foto: Uli Kraufmann

60 Jahre Landespresseball in Stuttgart – das ist ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit. Zum Jubiläum an diesem Freitag in der Liederhalle blicken wir zurück auf die Anfänge, auf Kurioses, auf Höhepunkte.

Stuttgart - Nerzstola, Handschuhe aus Satin, kunstvoll bestickte Stoffe, dezent getürmte Frisuren - mit dieser Aufzählung hat der Berichterstatter unserer Zeitung vom ersten Landespresseball nach dem Zweiten Weltkrieg fasziniert berichtet.

Es war der 18. November 1960. Ein Blick in die Chronik zeigt: An diesem Tag ist Kim Wilde geboren, der spätere Popstar, was damals in der Liederhalle keiner wissen musste. Auf der Bühne einer rauschenden Ballnacht stand die „größte Pfeife des Landes“, wie sie sich selbst nannte. Die damals 39-jährige Ilse Werner pfiff unter anderem ihr berühmtes Lied „Wir machen Musik“.

Der Eintritt betrug damals 25 D-Mark. Wilhelm Schöneck, der damalige Regierungspräsident von Nordwürttemberg, schickte die ihm übersandte Einladung zum Stuttgarter Landespresseball mit der Bemerkung zurück, 25 Mark seien ihm als Eintritt zu teuer. Darüber berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Der erste deutsche Presseball fand 1872 in Berlin statt

Hauptgewinn der ersten Tombola war 15 Jahre nach Kriegsende ein VW-Käfer. Aber auch über einen Kühlschrank und eine Polstergarnitur freuten sich die Gewinner im aufblühenden Wirtschaftswunderland.

„Das glanzvollste Fest seit dem Krieg“ und „Die Presse rief, und die Prominenz kam“ – so lauteten die Zeitungsschlagzeilen im November 1960. Die Tradition des gesellschaftlichen Stelldicheins, bei dem Journalistenverbände für Journalisten in Not sammeln, geht sehr weit zurück. Der erste deutsche Presseball fand im Jahr 1872 in Berlin statt. Viele Bälle hat Stuttgart kommen und gehen sehen. Der SWR-Ball, der Opernball und der Sportlerball sind Vergangenheit - nur der Landespresseball hat all die Jahrzehnte überstanden.

1977 fiel der Ball nach dem Mord an Schleyer aus

Die legendäre Tänzerin Josephine Baker – sie lebte von 1906 bis 1975- war Stargast des zweiten Landespresseballs im Jahr 1961. Zu ihren Verehrern zählte Bundespräsident Theodor Heuss. „Des war also die Schosefine Becker“, soll er seinerzeit gesagt haben, „die isch doch früher im Friedrichsbau mit a Bananeröckle auftrete. I war x-mal drin, aber des Bananeröckle isch net verrutscht.“

60 Jahre Landespresseball – das ist ein Spiegelbild der jeweiliger Zeit: 1976 sorgte die Damenband Lady Birds für heißen Gesprächsstoff. Sie trat oben ohne auf. In all den Jahren fiel nur ein Ball aus - 1977 nach dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Weil schon alles organisiert war, zählte man diesen Ball mit. Sonst würde jetzt erst der 59. Landespresseball gefeiert und nicht der 60.

2007 verfügte Schirmherr Günther Oettinger ein Tanzverbot, als er bemerkte, dass der Ball am 9. November stattfand, am Jahrestag der Pogromnacht. Beim 40. Landespresseball begeisterte Udo Jürgens im Bademantel. Aber auch Caterina Valente, Daliah Lavi, die Kessler-Zwillinge und Margot Werner stehen auf der Liste der Stargäste.

Die Ladys trugen Gitarre, sonst nicht viel

1965 hatten die Presseleute in der Ballzeitung „Journaille“ eine Fotomontage gebracht, die „First Lady“ Yvonne Klett neben der „Liegenden“ vor der Staatsgalerie zeigt. „I fend, er hot mi ganz guet troffa“, ließ eine Sprechblase die Frau des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters sagen.

Das war zu viel für Arnulf Klett. So wütend war der Rathauschef, dass junge Helfer die beanstandete Seite in allen 2000 Exemplaren einzeln herausreißen mussten.

Als 2017 unsere Stuttgart-Album an den Auftritt der Lady Birds erinnerte, die in den 1970ern beim Auftritt im Silchersaal Gitarre trugen und sonst nichts, hat sich rasch gezeigt: Auch in der heutigen, angeblich so freizügigen Zeit ist ein Foto von Oben-ohne-Musikerinnen für Aufregung gut. Facebook schmiss die Administratoren des Stuttgart-Albums raus und verlangte von ihnen, einverstanden mit der Löschung des Artikels zu sein. Erst danach sei man bereit, sie wieder zurück ins soziale Netzwerk zu lassen.

Sogleich wurde in der Stadt diskutiert: Gibt’s Zensur ausgerechnet beim Ball der Medien? Greift Facebook in die Pressefreiheit ein? „Hätte die Redaktion ein Hakenkreuz auf die Brustwarzen der Ladybirds gemacht, wäre das bestimmt kein Problem gewesen“, meinte ein Spötter.

Als Oettinger seine Neue vorstellte

Das größte Blitzlichtgewitter der Ballgeschichte gab’s übrigen 2008: Da stellte Ministerpräsident Günther Oettinger, damals 55 Jahre alt, seine neue Freundin, die Hamburger PR-Unternehmerin Friederike Beyer, damals 30, erstmals der Öffentlichkeit vor.

Früher, man hört es ja oft, soll alles besser gewesen sein. Zumindest ging’s früher etwas länger. „Die letzten Paare“, verriet nach der Premiere im November 1960 der damalige SWF-Korrespondent Alois Rummel und Vorsitzende der Landespressekonferenz unserer Zeitung, „verließen die Liederhalle am nächsten Morgen um 10 Uhr und kamen zu Hause gerade rechtzeitig, um den Kindern die Butterstulle für die Schule zu schmieren.“

Nach dem Krieg hatte man einiges nachzuholen - gerade auch beim Feiern. Manches mag sich geändert haben, eines aber blieb immer gleich: Der erste Walzer gehört dem Ministerpräsidenten. Und eins, zwei, drei! Auf die nächsten 60 Jahre!

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