Kehrt als Choreograf nach Stuttgart zurück: Marijn Rademaker, hier in Marco Goeckes Ballett „On Velvet“ (mit Magdalena Dzieglielewska). Foto: dpa

Elf Choreografen präsentiert der Noverre-Abend im Schauspielhaus, unter ihnen ist der ehemalige Solist Marijn Rademaker. Erstmals findet die Veranstaltung unter der Regie des Stuttgarter Balletts statt.

Stuttgart - Kaum zu glauben: Die traditionsreiche Noverre-Gesellschaft, die einst eine wichtige Geburtshelferin des Stuttgarter Ballettwunders war, ist Geschichte. Der Verein hat sich im vergangenen Jahr aufgelöst, seine komplette Abwicklung ist nur noch eine Formalität. Für das Publikum bleibt jedoch alles beim Alten: Dass der Noverre-Abend als wichtiger Programmpunkt im Stuttgarter Ballettjahr weiterhin auf dem Spielplan steht, war auch Tamas Detrich, dem neuen Intendanten des Stuttgarter Balletts, ein Anliegen. Und das nicht nur, weil er als Tänzer selbst in vielen Uraufführungen junger Choreografen getanzt hat. Der Noverre-Abend, der in diesem Jahr tatsächlich bereits zum 58. Mal über die Bühne gehen wird, ist eine Stuttgarter Institution und irgendwie ein schützenswertes Kulturgut: Die erste Einrichtung dieser Art hat zahlreiche Kompanien zu ähnlichen Förderplattformen inspiriert.

Und wie anderswo ist der Uraufführungsreigen nun auch am Ort seiner Erfindung nicht mehr eine privat organisierte Veranstaltung, sondern findet fortan unter dem Dach des Stuttgarter Balletts statt. Weniger Arbeit hat Sonia Santiago deshalb nicht. Mehrere Jahre organisierte sie den Choreografen-Abend als stellvertretende Vereinsvorsitzende für die Noverre-Gesellschaft, nun tut sie es als „Projektleiterin“ für das Stuttgarter Ballett. „Die Abwicklung ist bei vielen Dingen einfacher, weil ich die Abläufe im Theater kenne und weiß, an wen ich mich wenden muss“, sagt die ehemalige Solistin der Kompanie. „Neu für mich ist allerdings das Ganze drumherum, das Beschaffen von Unterkünften zum Beispiel, das bislang Mitglieder der Noverre-Gesellschaft übernommen hatten.“

Beim Publikum sehr beliebt

Unterbringen musste Sonia Santiago vier Gäste von außerhalb: Armen Hakobyan ist Ballettmeister am Aalto Theater in Essen; Morgan Runacre-Temple ist freiberufliche Choreografin in London; Lucyna Zwolinska reist aus Saarbrücken an; aus Amsterdam kommt Marijn Rademaker und bringt den Noverre-Abend schon vor seiner Premiere ins Gespräch. Der langjährige Solist des Stuttgarter Balletts war ein Publikumsliebling. Nun kehrt er aus seiner holländischen Heimat zurück, wo er verletzungsbedingt vor kurzem seine Karriere am Het Nationale Ballet beenden musste. Als Choreograf gibt er sein Debüt gemeinsam mit seinem ehemaligen Stuttgarter Kollegen Matteo Miccini.

Solche Stargäste und andere Überraschungen sind mit ein Grund, warum die Noverre-Abende sich beim Publikum größter Beliebtheit erfreuen. Auch das bleibt also wie es immer war: der Zusatz „ausverkauft“, der beide Aufführungen an diesem Mittwoch und Donnerstag schmückt. Auch ohne jeden Einblick ins Programm wollen Ballettfans unbedingt bei der jeweiligen Neuauflage einer Veranstaltung dabeisein, die Choreografen wie Uwe Scholz, John Neumeier, William Forsythe und jüngst Marco Goecke, Christian Spuck und Bridget Breiner erste Schritte ermöglichte.

Mit so großen Vorbildern vor Augen nehmen junge Stuttgarter Tänzer mutig erstmals das Wagnis des Selbermachens auf sich, insgesamt zehn Stücke von elf Choreografen stehen beim Noverre-Jahrgang 2019 auf dem Programm. Mit dabei unter den Stuttgarter Debütanten sind die Gruppentänzer Timoor Afshar, Fraser Roach und die Halbsolistin Agnes Su. Überraschend groß ist die Zahl derjenigen, die sich zum wiederholten Male ausprobieren: Alessandro Giaquinto choreografiert zum dritten Mal für die „Jungen Choreografen“, Shaked Heller ist zum zweiten Mal mit dabei, Aurora de Mori stellt mit „Pompei“ bereits ihre vierte Choreografie vor.

Kämpfen für mehr Vorstellungen

„Ich finde es als Erleichterung. Jetzt liegt zwar noch mehr Verantwortung auf mir, da ich die Veranstaltung alleine managen muss, aber sie lastet nicht, da ich einen Riesenapparat hinter mir habe.“ Vor allem aber muss Sonia Santiago diese Leistungen nicht mehr ehrenamtlich erbringen, sondern arbeitet als Angestellte der Staatstheater, für die sie seit langem Führungen und Moderationen übernimmt und als Charakterdarstellerin auf der Bühne steht. Als Teil dieses Apparats hofft Sonia Santiago, dem Noverre-Abend neue Chancen zu erstreiten. Dazu gehören besser eingeplante Probenzeiten ebenso wie mehr Vorstellungen.

Wichtig ist für Sonia Santiago, dass unter den beteiligten Choreografen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gästen und Heimspielern herrscht. „Mehr als drei Künstler von außen sollen es nicht sein. Stuttgarter Tänzer haben auf alle Fälle Priorität, der Nachwuchs von hier soll sich ausprobieren dürfen“, sagt die Noverre-Projektleiterin. Erstaunlich findet sie, dass selbst die Debütanten sich Großes zutrauen und sich nicht nur an Soli und Pas de deux wagen, sondern durchaus längere Stücke für mehrere Tänzer in Angriff nehmen. Bei den Gästen achtet Santiago dagegen darauf, keine Neulinge einzuladen. So bringt die Londoner Choreografin Morgan Runacre-Temple zum Beispiel Erfahrung als Filmemacherin mit. „Auf diese Weise sorgen wir für viel Input für alle – für die Gäste von außen wie für die Stuttgarter Tänzer“, sagt Sonia Santiago – und auch das Publikum wird sicherlich auf seine Kosten kommen.

Zu sehen am 5. und 6. Juni im Schauspielhaus, eventuell Restkarten an der Abendkasse.

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