Wieder vereint: Erich Schmeckenbecher (links) und Thomas Friz Foto: Gottfried Stoppel/Stoppel

Vor 50 Jahren begann das Folkduo Zupfgeigenhansel seine Karriere. Heute ist die Musik von Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher wieder aktuell.

Zu Beginn der 70er Jahre hat sich Rock- und Popmusik in Deutschland etabliert. Die Jugend beginnt bereits auf Discomusik zu tanzen, ein anderer Teil junger Leute feiert deutschen Schlager, und noch ein anderer Teil der Bevölkerung begeistert sich für Volksmusik. Letzterer hängt bei manchem der Ruch des Reaktionären an. „Da dachte man sofort an Lagerfeuer, Gleichschritt und den ,Röhrenden Hirsch‘ über dem Sofa“, sagt der Musiker Erich Schmeckenbecher. Als er und Thomas Friz 1972 allen Ernstes Volkslieder zu Gehör brachten, dachten viele, daraus werde sicher nichts. Aber es wurde was – und wie.

 

Nach Schallplatten und CDs nun auch auf Youtube und Spotify

Als Zupfgeigenhansel haben die beiden Musiker mehr als eine Million Tonträger verkauft, zuerst Langspielplatten, dann CDs, mittlerweile läuft ihre Musik auch auf Youtube und Spotify. Das Lied „Ich bin Soldat“ ist dieses Jahr rund drei Millionen Mal aufgerufen worden, ein Ende ist nicht abzusehen. Ob das mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängt? „Das kann man wirklich nicht sagen, wer weiß“, sagt Thomas Friz. Im Jubiläumsjahr sind die beiden Musiker jedoch eindeutig wieder gefragt. Die Jubiläumsveranstaltung „Ein Abend mit Zupfgeigenhansel“ ist längst ausverkauft.

Kennengelernt hatten sich der Cannstatter Erich Schmeckenbecher und der Stuttgarter Thomas Friz bei einem gemeinsamen Bekannten. „Wir haben zusammen Musik gemacht, und es hat sofort sensationell geklappt“, erinnert sich Friz, dessen Vater evangelischer Pfarrer auf der Gänsheide war und der ebenfalls zum Theologiestudium nach Tübingen ging.

Erster TV-Auftritt im „Talentschuppen“

Ihn zog es damals zu den Liedermachern, die ebenfalls ein Phänomen der 70er waren. „Ich hab gesungen und mich mit der Gitarre begleitet“, erzählt Friz. So trat er in einer Folge der SDR-Sendung „Der Talentschuppen“ auf. „Mit mir war da unter anderen Peter Maffay zu sehen“, sagt Friz und lacht. „Ich hatte mit Liedermachern so gut wie nichts am Hut“, erinnert sich dagegen Erich Schmeckenbecher. Ihn hatte es zur Rock- und Popmusik gezogen. „Während andere Gitarre spielen durften, musste ich zuerst Akkordeon lernen. ‚Tulpen aus Amsterdam‘ – ich war überhaupt nicht begeistert.“ Doch er ließ sich nicht aufhalten und lernte Gitarre. Heute spielt er etliche Instrumente, unter anderem Mandoline, die so typisch ist für die Musik von Zupfgeigenhansel.

Offbeat treibt Volksliedern das Marschieren aus

Zwei völlig verschiedene Musikertypen trafen aufeinander. Das Ergebnis ihrer Arbeit konnte sich hören lassen. „Die Liedermacher legten mehr Wert auf den Text als auf die Musik“, so Schmeckenbecher, „mit Ausnahmen wie etwa Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader.“ Das Duo legte auf beides Wert. „Wir haben die Volksliedertexte mit Offbeat kombiniert, da geht sofort das ganze Marschieren raus.“ Dafür ist die Musik tanzbar. Echte deutschsprachige Folkmusik war entstanden.

Erste Auftritte auf der Straße und in der Pariser Metro

Das Duo trat zuerst auf der Straße oder in Innenhöfen öffentlicher Gebäude auf. „Unter anderem im Kronprinzengebäude in Stuttgart. Unter den Säulen ist eine tolle Akustik“, sagt Thomas Friz. Dort probierten sie ihre neue Musik aus. Mit Erfolg. Bei einem musikalischen Ausflug nach Paris löste die Polizei eines ihrer Straßenkonzerte auf. „Wir spielten in der Metro. Da blieben so viele Leute stehen, dass nichts mehr weiterging, bis uns die Polizei abführte“, erinnert sich Thomas Friz.

1976 erscheint die erste Langspielplatte „Volkslieder 1“. Fünf weitere folgen. Aufgenommen wurden sie in dem kleinen Ort Wolperath bei Köln, wo der legendäre Musikproduzent und Toningenieur Conny Plank in einem Bauernhof sein Musikstudio eingerichtet hatte. Dort fand sich ein, was Rang und Namen hatte: die Eurythmics, Gianna Nannini, Kraftwerk, Ultravox, Herbert Grönemeyer, Heinz-Rudolf Kunze, die Bläck Fööss, DAF oder Brian Eno nahmen hier im ehemaligen Stall Platten auf.

Der erste Jubiläumsabend ist ausverkauft – der zweite in Planung

Weitere Schallplatten folgten. Zu den Volksliedern kamen jiddische Lieder dazu. „Das war schon ziemlich viel Chuzpe von uns“, meint Thomas Friz. „Schließlich hatten wir mit der Kultur nichts zu tun.“ Von Vorteil war, dass Friz im Theologiestudium Althebräisch gelernt hatte. „Das Alte Testament kann ich noch im Original lesen.“ Die Resonanz auf die erste Schallplatte hätte nicht besser sein können. „Wir haben sogar Zuspruch aus der jüdischen Szene in New York bekommen“, sagt Erich Schmeckenbecher. Die Platte wird die erfolgreichste von Zupfgeigenhansel.

Zwischen 1972 und 1986 sind die beiden Zupfgeigenhansel ständig auf Tournee gewesen. „Manchmal 52 Tage am Stück, jeden Tag Konzerte. Das geht dann schon in die Knochen“, erzählt Thomas Friz. Die beiden Musiker ziehen mit ihren Familien aus Stuttgart weg nach Lorch in einen alten Bauernhof. 1986 ist dann Schluss. „Es war alles gesagt, alle Musik gemacht“, sagt Friz, der nicht weit entfernt in Hohenstaufen lebt. Das letzte Konzert war ein Auftritt zusammen mit der amerikanischen Folkikone Pete Seeger.

Mittlerweile haben sich die Zupfgeigenhansel wieder viel zu sagen. Dieses Jahr kam es zum Revival. Die Werkausgabe mit drei CDs „Miteinander – 50 Jahre 70 Lieder“ ist erschienen. Der erste gemeinsame Auftritt im Sommer ist Corona zum Opfer gefallen. Doch nun soll es am 22. Oktober in Lorch klappen. Und wegen des großen Interesses auch am 23. Oktober.

Ein Abend mit Zupfgeigenhansel

Auftritt
Am 22. und 23. Oktober findet in der Stadthalle Lorch „Ein Abend mit Zupfgeigenhansel“ statt. Der 22. Oktober ist bereits ausverkauft, für Sonntag, 23. Oktober, gibt es noch Karten. www.stadt-lorch.de

Werkausgabe
„Zupfgeigenhansel – 50 Jahre 70 Lieder“ heißt die Werkausgabe mit drei CDs, die zum Jubiläum erschienen ist. Neben Studioaufnahmen gibt es Mitschnitte von großen Konzerten und Auftritten in Clubs. Mehrere aufwendige Booklets verraten viel über die Musiker und ihre Lieder. www.zupfgeigenhansel.com.