Thomas Gottschalk feiert das Jubiläum der „ZDF-Hitparade“ unter anderem mit Marianne Rosenberg (li.) und Wencke Myhre (re.). Foto: Getty

Am 27. April 2019 feiert Thomas Gottschalk mit vielen Schlagerstars „50 Jahre ZDF-Hitparade“. Die von Schnellsprecher Dieter Thomas Heck von 1969 an 183-mal moderierte Sendung wollte die deutschsprachige Musik retten.

Stuttgart - „Hossa, hossa“, jauchzte Rex Gildo 1972 seinen Hit „Fiesta Mexicana“, und schmetterte dem Studiopublikum der ZDF-Hitparade das Urversprechen des deutschen Schlagers hin: „Dann wird alles wieder so schön wie es mal war!“ An dieser Verheißung versucht sich nun auch der von keinem Showformat einschüchterbare Thomas Gottschalk: Am Samstag strahlt das ZDF die große Jubiläumssause „50 Jahre ZDF-Hitparade“ aus. Es soll noch mal so schön werden wie damals, als Dieter Thomas Heck jeden Monat die beliebtesten Schlagerstars des Landes wie Goldmedaillengewinner einer Gute-Laune-Olympiade präsentierte.

Drillsergeant der Fönfrisierten

Dem im August 2018 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Heck allerdings, dem Miterfinder und 183-fachen Moderator der „Hitparade“, werden im Schlagerhimmel vor Unmut gewiss die Saiten von der Harfe springen: „50 Jahre ZDF-Hitparade“ ist eine Aufzeichnung! Wo das Original seinen Kitzel doch daraus bezog, dass die Sendung in dichter Taktung live gefahren wurde. Vom Tonband kam nur die Musik – die Künstler mussten live dazu singen. Der forsch moderierende Heck war dabei nicht einfach ein Dampfplauderer, sondern ein effizienter Drillsergeant der Fönfrisierten, der einen energisch fuchtelnden Festzeltveteranen wie Tony Marshall so bestimmt durch die Sendung schob wie die noch etwas schüchtern klampfende 17-jährige Nachwuchs-Romantikerin Nicole.

Am Ende eines Mikrofonkabels, das aussah, als werde es von einer Riesenspule auf einem Tieflader draußen vor dem Sendezentrum kilometerweise abgerollt, wechselte Heck zwar mal ein paar Worte mit den Stars. Aber die Talkshow-Momente, in denen Gottschalk mit Gästen wie Wencke Myhre, Howard Carpendale, Marianne Rosenberg und Heino die guten alten Zeiten aufleben lässt, hätten Heck und der Regisseur Truck Branss, der andere Vater des „Hitparaden“-Konzepts, nie zugelassen.

Mitklatschen, bis es weh tut

Das Ganze sollte flott wie eine Jukebox funktionieren. Nur dass nicht die nächste Single vom Greifarm unter die Nadel gelegt, sondern der nächste leibhaftige Star von Heck vor die Kamera posaunt wurde: Hit auf Hit auf Hit. Taten den Studiogästen die Hände vom Mitklatschen mal nicht weh, hatte man etwas falsch gemacht. Man musste nicht viel reden, die guten Zeiten waren jetzt und wollten gefeiert sein.

Die „ZDF-Hitparade“ hat nicht nur Fans und lauwarme Gelegenheitsgucker gehabt. Sie fand Hasser und Spötter vor allem unter den Jugendlichen, die Taschengeld oder Lehrlingslohn in den Rockhits versenkten, die von konservativeren Elementen der Bevölkerung noch immer „Negermusik“ oder „Dschungelgeschrei“ genannt wurden. Die deutsche „Hitparade“ schien „Stones“-Fans der Inbegriff der Spießigkeit, das Peinlichkeitszentrum uncooler deutscher Geschmacksverirrung.

Die „Hitparade“ wollte progressiv sein

Heck, Branss und ein paar ZDF-Hierarchen jedoch sahen die Sendung genau andersherum, als hochmoderne Lebensrettungsmaßnahme für den bedrängte deutschen Unterhaltungsnachwuchs. Ihr Gegenbild war die mal nach Stall, mal nach Abschlussball riechende Volksmusik und Entspannungsgaudi, die in Sendungen wie dem „Blauen Bock“ noch immer beliebt war. Dem Ansturm der Pop- und Rockmoden aus England und den USA konnten das Medium-Terzett und Co. nichts entgegen setzen. Die „Hitparade“-Macher glaubten an ein großes Publikum, das schon der englischen Sprache wegen mit den Beatles nichts anfangen konnte, deshalb aber noch lange nicht den „Slowenischen Bauerntanz“ von Slavko Avsenik und seinen Original Oberkrainern hören wollte. Die „ZDF-Hitparade“ begriff sich mal als progressiv.

Als Heck abtrat und erst Viktor Worms, dann Uwe Hübner übernahmen, war davon nichts mehr zu spüren. Die beiden stets in Hecks Fußstapfen Versinkenden sind bei Gottschalk ebenfalls zu Gast. Dass sie freimütig über den Niedergang der im Dezember 2000 letztmalig gesendeten „Hitparade“ plaudern, ist aber eher nicht zu erwarten. Es soll ja ein netter Abend werden. Thomas Gottschalk, der einst als Popmusik-Moderator von jenen gern gehört wurde, die Hecks „Hitparade“ doof fanden, wird sicher nur gedämpft spotten.

Ausstrahlung: ZDF, Samstag, 27. April 2019

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