Das Münchner Olympiastadion von 1972 wurde am Neckar ersonnen – daran erinnert der Stuttgarter Architekt Fritz Auer in seinem Buch „Ein Zeltdach für München und die Welt“.
So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen: ein Olympiastadion, so schwebend und leicht und heiter wie zuvor kein anderes, eine Architektur, die eine der ältesten Bauformen der Menschheitsgeschichte, das Zelt, mit den avanciertesten Konstruktionsweisen ihrer Zeit verband, und eines der ersten mithilfe von Computerberechnungen errichteten Bauwerke überhaupt. Zugleich war das Münchner Olympiastadion viel mehr als eine spektakuläre Sportstätte. Mit ihm erfand sich die ganze Nation neu. Knapp dreißig Jahre nach Kriegsende war diese hochgemute Zeltstadt das Inbild einer offenen, demokratisch geläuterten Gesellschaft, als die sich die Bundesrepublik sehen und präsentieren wollte – Lichtjahre entfernt von den Spielen der Nazis 1936 in Berlin mit ihrem Adolf-Stadion und seinem steinernen Ewigkeitspathos.
Tollkühne Truppe junger Stuttgarter Architekten und Ingenieure
Aber die Nachkriegsmoderne kommt langsam in die Jahre. 2022 feiert das Münchner Stadion seinen fünfzigsten Geburtstag. Fritz Auer, der von Beginn an zum Kernteam der Olympia-Planer um Günter Behnisch gehörte, hat aus diesem Anlass seine persönlichen Erinnerungen an diese aufregende Zeit niedergeschrieben und damit noch einmal ins Gedächtnis gerufen, dass diese baukünstlerische Meisterleistung zwar in München steht, ihren Ursprung aber in den Köpfen einer tollkühnen Truppe junger Stuttgarter Architekten und Ingenieure hat. Heute würde ein Büro, das keinerlei Erfahrung im Stadionbau vorweisen kann, noch nicht einmal zum Wettbewerb zugelassen, und auch Günter Behnisch zögerte anfangs, sich in dieses Abenteuer zu stürzen, ließ sich vom Wagemut seiner Kollegen dann aber doch anstecken.
Kein Mensch wusste, wie man so etwas baut
An Irrsinn grenzt aus heutiger Sicht auch die Entscheidung der Wettbewerbsjury, diesem Geniestreich aus Stuttgart den Zuschlag zu erteilen. Kein Mensch wusste damals, wie man so etwas baut. Auch Frei Otto erst mal nicht, der an der Stuttgarter Universität das neugegründete Institut für Leichte Flächentragwerke leitete und mit seinem Zeltdach über dem Expo-Pavillon von 1967 in Montréal für München Pate gestanden hatte. Otto wurde von Behnisch ins Boot geholt, ebenso wie der von den Stuttgarter Ingenieuren Leonhardt und Andrä an die Olympia-Planer ausgeliehene junge Jörg Schlaich.
Feiern mit Olympia-Brezeln
So dramatisch sich der Kampf ums Dach auch liest, am reizvollsten sind an Fritz Auers Schilderung des Making-of die Fotos, Zeitungsausschnitte und Pläne aus der Entstehungszeit: Egon Eiermann, der Vorsitzende des Preisgerichts, mit Feldherrngeste vor dem Siegermodell aus Stuttgart, flankiert von Franz-Josef Strauß, dem Münchner OB Hans-Jochen Vogel und dem Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume. Die Architekten, die nach dem Wettbewerbserfolg übermütig in Laugenbrezeln in Form der Olympischen Ringe beißen, zur Feier des Tages von der Bäckersnachbarin im Sillenbucher Büro vorbeigebracht. Die umwerfend virtuosen Zeichnungen von Carlo Weber, einem weiteren Protagonisten aus Behnischs Inner Circle. Das Begleitkonzert der Medien, die über die „Millionen-Bombe“ – Neudeutsch: Kostenexplosion – beim Stadionprojekt lamentierten. Jörg Schlaich und Frei Otto skeptisch blickend in einer Besprechung der „Planungsgruppe Dach“.
Wo ist nur der Mut jener Jahre hin?
In der Textsammlung, die Auer seinen eigenen Erinnerungen angefügt hat, bezeichnet Schlaich in einem Aufsatz von 1992 den Wettbewerbsentwurf der Architekten als „blanke Illusion“, Klaus Linkwitz, ebenfalls eine Leihgabe von Leonhardt und Andrä an die Behnisch-Olympioniken, spricht vom „Bauingenieurschuss zum Mond“. Aber das Himmelfahrtskommando Olympiastadion hat bekanntlich eine Punktlandung hingelegt. Und so nimmt sich rückblickend als das größte Wunder an diesem Wunderwerk der Aufbruchsgeist und die Entschlossenheit aller Beteiligten in Architektur, Politik und Gesellschaft aus, dieses Wagnis einzugehen. Genau fünf Jahre hat es vom Wettbewerbsgewinn bis zum Entzünden der Olympischen Flamme auf dem Münchner Oberwiesenfeld gedauert – unfassbar heutzutage, wo Großprojekte nie fertig werden und ewige Bedenkenträgerei, das Zaudern und Zerreden, Risikoscheu und Besserwisserei der Normalfall sind. Wo ist nur der Mut jener Jahre hin?
Vielleicht bald Weltkulturerbe?
In einem Nachwort erinnert Fritz Auer daran, dass das Olympiastadion rund zwanzig Jahre nach den Spielen auf Wunsch des FC Bayern in eine reine Fußballarena umgebaut werden sollte – was erhebliche Veränderungen an diesem ikonischen Bauwerk bedeutet hätte. Zum Glück ist es anders gekommen. Der Fußball zog in eine neue Arena um. Und der heute 88-jährige Fritz Auer setzt sich dafür ein, dass das Münchner Stadion made in Stuttgart zum Weltkulturerbe erklärt wird.
Das Jubiläum im Buch
Autor
Fritz Auer ist gebürtiger Tübinger, aber seit seinem Architekturstudium in Stuttgart zuhause. 1966 wurde er Partner im Büro Behnisch. Im Jahr darauf gewann die Architektengruppe den Wettbewerb für den Olympiapark in München. 1980 gründete er mit Carlo Weber sein eigenes Büro. Von 1985 bis 2001 lehrte Auer in Stuttgart und München Architektur.
Rückblick
Fritz Auer: „Ein Zeltdach für München und die Welt – Die Verwirklichung einer Idee für Olympia 1972.“ Allitera Verlag München, 30 Euro. Das Buch schildert die Entstehung des Bauwerks aus der Perspektive eines der Chefplaner um Günter Behnisch.
Buch
Elisabeth Spieker: „Olympia München 72 – Architektur + Landschaft als gebaute Utopie.“ Jovis Verlag, Berlin, 48 Euro. Opulenter als Auers äußerlich bescheiden aufgemachte Erinnerungen bietet die Autorin alles, wirklich alles zum Thema, von der Olympiabewerbung der Stadt München bis zu Kunst und Kultur rund um das Stadion.
Ausstellung
Fünfzig Jahre Olympische Spiele in München – das ist auch ein Schwerpunkt der Ausstellung zu Leben und Werk von Günter Behnisch, die derzeit zu dessen 100. Geburtstag in Stuttgart zu sehen ist: „Bauen für eine offene Gesellschaft – Günter Behnisch 100“. Bis 3. Oktober, Königstraße 1c, Mo bis Sa, 10–20 Uhr, So 15–19 Uhr. www.guenterbehnisch.com