Ein Gästebuch der 1970er-Jahre erinnert an einstige Prominenz im Jugendhaus, etwa an einen Auftritt von Rosa Fussel. Foto: Gottfried Stoppel

Vor 50 Jahren hat die Beutelsbacher Jugend der Elterngeneration die Zehntscheuer als ihr Refugium abgetrotzt. Damit gehört das Jugendhaus in Weinstadt zu den ältesten im Rems-Murr-Kreis. Zeit für einen spannenden Rückblick.

Die Stadt Weinstadt feiert „50 Jahre Haus der Jugendarbeit“. Dass es eine solche Einrichtung hier gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, auch nicht, dass die Stadt als ihr Träger hinter ihr steht. Vielmehr ist die Existenz des Jugendhauses der Verdienst der Beutelsbacher Jugend, die sich in der Zehntscheuer ihr eigenes Refugium erkämpft und erschaffen hatte. Damit gehörte sie damals zu den Vorreitern im Rems-Murr-Kreis neben Altersgenossen in Kernen, Backnang und Waiblingen.

 

„Das war eine mutige Jugend, die für ihre Rechte aufgestanden und eingestanden ist“, sagt der Weinstädter Stadtjugendreferent Kurt Meyer. Dass sie sich ihre Jugendhäuser erkämpft habe, dürfe mitunter wörtlich genommen werden. In Kernen, wo es das erste im Kreis gab, sei der Gründung etwa eine Hausbesetzung vorausgegangen. „Die Initialzündung kam aus der Studentenbewegung der 1960er Jahre, aus der die Jugendzentrumsbewegung erwachsen ist.“ Dabei sei es der damaligen Jugend darum gegangen, sich von der Elterngeneration abzugrenzen, deren Rolle und Handeln zu Zeiten des Dritten Reichs zu hinterfragen. „Man wollte zusammenkommen können, um zu diskutieren und politisch aktiv zu sein.“

Zunächst gab es nur Platz für Matratzen als Sitzgelegenheit

Einen ersten Unterschlupf habe die Beutelsbacher Jugend im Spatzenturm gefunden, berichtet Meyer. Viel mehr konnte das winzige Turmzimmer am alten Mauerdurchgang unterhalb der Stiftskirche, das nur Platz für ein paar Matratzen als Sitzgelegenheiten bot, nicht sein. Als etwas größere Ausweichmöglichkeit habe die Jugend die ehemalige Schulküche der örtlichen Grundschule nützen können.

Im Kontrast zu der „aufgewühlten Jugend, die sich einbringen und etwas bewegen wollte“, stand eine Kommunalpolitik, die Jugendarbeit nicht als eine ihrer Aufgaben begriff. „Während in den nordwestlichen Bundesländern Jugendhäuser ein fester Bestandteil in Kommunen waren wie Schule, Post und Bank, herrschte in Baden-Württemberg das Denken vor: ‚Das machen die Vereine’“, sagt Meyer. So habe es in Beutelsbach, Endersbach, Großheppach, Schnait und Strümpfelbach – der Zusammenschluss zu Weinstadt im Zuge der Gemeindereform 1975 stand noch bevor – nicht viel mehr als Musik- und Sportvereine gegeben.

Um selbst Veranstaltungen organisieren zu können, sei die Beutelsbacher Jugend in Verhandlungen mit der Gemeinde gegangen, mit Erfolg. Am 8. Mai 1973 gründete sich der Verein Jugendhaus Zehntscheuer Beutelsbach, am 13. Juni war Eintragung ins Vereinsregister, und am 12. Oktober 1974 durfte er die Zehntscheuer beziehen. Zunächst habe der Verein lediglich die unteren Räumlichkeiten des dreistöckigen Gebäudes für Veranstaltungen genutzt. „Viel mit Musik ist damals gelaufen“, berichtet Bernd Mauch.

Um eine Ausstellung zusammenzustellen, hat der heutige Leiter der nun städtischen Einrichtung im Archiv nachgeforscht und für fast jede Woche in den Anfangsjahren Konzertberichte gefunden sowie einen besonderen Schatz: ein Gästebuch aus den 1970er Jahren, in dem sich etwa die legendäre Krautrock-Band Kraan, die polnische Jazzgruppe Old Metropolitan Band und der Kabarettist Uli Keuler verewigt haben. Während sich die Jugend am Kulturprogramm des Jugendhaus-Vereins erfreute, lösten die Veranstaltungen in der Stadtgesellschaft Aufregung aus. Weil es „nicht immer aufgeräumt war und schön leise“ hergegangen sei, sei das Jugendhaus Erwachsenen ein „Dorn im Auge“ gewesen. „In den Beratungsunterlagen des Gemeinderats gibt es dazu viele Aktenvermerke“, sagt Meyer. Das Misstrauen gegenüber dem Verein sei so weit gegangen, dass man gar versucht habe, ihm einen Brandanschlag anzulasten, der Anfang der 1980er Jahre auf das Weinstädter Rathaus begangen wurde. In der Folge sei es zur „feindlichen Übernahme“ des Jugendhauses durch die Stadt gekommen. Lange habe sich der Verein gegen einen hauptamtlich beschäftigten Sozialarbeiter im Haus und eine städtische Trägerschaft gewehrt, aber beides nicht verhindern können.

Der schlechte Ruf des Jugendhauses blieb

„Mit der Übernahme durch die Stadt ist das Ganze dann professionell geworden. Die Kinder- und Jugendhilfe zog mit ein. Es gibt einen gesetzlichen Auftrag und ein pädagogisches Konzept.“ 1997 wurde vom Gemeinderat ein Stadtjugendplan verabschiedet und das Jugendhaus als städtische Maßnahme der Jugendhilfe festgeschrieben.

Dennoch lastete der Einrichtung weiterhin ein schlechter Ruf an, wie Meyer feststellen musste, als er vor rund 24 Jahren seine Arbeit als Stadtjugendreferent von Weinstadt aufnahm. Um deutlich zu machen, dass die Zehntscheuer eine zentrale Jugendeinrichtung für ganz Weinstadt ist, habe man das Jugendhaus 2011 in „Haus der Jugendarbeit“ umbenannt und Vereinen offensiv angeboten, die Räume mit zu nutzen.

Ganz abschütteln ließ sich der schlechte Ruf offenbar nicht. „Meine Eltern haben mich vor dem Jugendhaus gewarnt“, erzählt Ben Werner. Trotzdem sei er mit 14 Jahren hin. Mittlerweile gefällt es dem inzwischen 16-Jährigen dort so gut, dass er nach seinem Schulabschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Einrichtung begonnen hat und sich sogar vorstellen kann, eine Berufsausbildung in diese Richtung zu machen.

Rückblicke und Einblicke zum Jubiläum der Jugendarbeit in Weinstadt

Programm
  Zum 50-Jährigen Bestehen des Hauses der Jugendarbeit gibt es Aktionen. Etwa einen Ninja-Warrior-Parcours, der diesen Mittwoch, 25. September, in der Beutelsbacher Halle aufgebaut ist. Hier können Kinder Mut, Stärke und Beweglichkeit beweisen.

Zeitreise
Bei Retro-Games am Freitag, 27. September, können Jugendliche und Erwachsene von 17 bis 21 Uhr im Haus der Jugendarbeit, Stiftstraße 32 in Beutelsbach, in die Anfangszeit der Videospiele reisen.

Festakt
Die offiziellen Feierlichkeiten zum Jubiläum sind am Samstag, 28. September, von 15.30 Uhr bis Mitternacht. Um 16 Uhr spricht der Oberbürgermeister Michael Scharmann, der Stadtjugendreferent Kurt Meyer blickt auf die Anfänge der offenen Kinder- und Jugendarbeit und ihre Entwicklung zurück. In der Zehntscheuer gibt es eine Ausstellung, um 20 Uhr beginnt eine Jubiläumsparty.

Finale
Abschluss ist ein Tag der offenen Tür am Sonntag, 29. September. Von 13.30 bis 18 Uhr gibt es Hausführungen, Vorführungen und Spielstationen.