Am 1. Januar 1975 wurden die bis dahin selbstständigen Kommunen Höfingen,... Foto: Simon Granville

Vor einem halben Jahrhundert verloren als letzter Akt der großen Gemeindereform in Baden-Württemberg viele Kommunen ihre Selbstständigkeit. Gebersheim, Höfingen und Warmbronn wurden nach Leonberg eingemeindet.

„Es ist gut geworden und es hat sich für alle positiv entwickelt.“ Wenn das diese drei Herren sagen, dann wissen sie wohl wovon sie reden. Denn vor 50 Jahren gehörten sie zu den Akteuren, die vor Ort die größte Gemeindereform des 20. Jahrhunderts in Baden-Württemberg mitgestaltet haben. Heinz Schultheiß (87) war damals Bürgermeister in Höfingen, Eberhard Heckeler (86) Bürgermeister in Gebersheim und Wolfgang Rückert (82) Erster Bürgermeister in Leonberg und zuständig für Finanzen und Soziales. Am 1. Januar 1975 wurden die bis dahin selbstständigen Kommunen Gebersheim, Höfingen und Warmbronn offiziell nach Leonberg eingemeindet.

 

Ausgangspunkt war das das Vorhaben der Landesregierung, die Zahl der selbstständigen Kommunen drastisch zu reduzieren. Dadurch verringerte sich die Zahl der Kommunen von 3379 im Jahr 1968 auf 1111. So wurden zum 1. Januar 1975 auch die Gemeinden Gebersheim, Höfingen und Warmbronn Teilorte von Leonberg.

Den Anfang im damaligen Landkreis Leonberg hatte am 1. Juli 1971 Schöckingen gemacht, das Teilort von Ditzingen wurde. Hier folgten später Hirschlanden und Heimerdingen. Weil der Stadt bekam als letztes Stück vom Kuchen Münklingen, nachdem Hausen und Merklingen (beide 1972) sowie Schafhausen (1973) den Schritt bereits gegangen waren. Renningen wurde um Malmsheim größer, Rutesheim um Perouse und Weissach um Flacht sowie Korntal um Münchingen. Hemmingen blieb außen vor, ebenso Heimsheim, Wimsheim, Friolzheim und Mönsheim. Auch Gerlingen konnte sich erfolgreich dagegen wehren, ein Teil von Stuttgart zu werden.

...Warmbronn und... Foto: Simon Granville

In dem Verwaltungswerk war vorgesehen, dass Gebersheim, Höfingen und Warmbronn bis zum 30. Juni 1974 die Möglichkeit hatten, sich auf freiwilliger Basis zu einigen, um mögliche Vorteile auszuhandeln. Einen Anreiz für die Gemeinden ihre Selbstständigkeit aufzugeben, war die sogenannte Fusionsprämie. Im Volksmund kursierten dabei zwei recht drastische Formulierungen dafür: „Hurengeld“ oder „Abschlachtprämie“. Sie war jedoch für alle drei Gemeinden nie ein Grund, die Selbstständigkeit aufzugeben.

„Es war die Zeit der größten Herausforderungen in meinem beruflichen Leben“, sagt Heinz Schultheiß im Rückblick. „Es war ein Spagat zwischen höchstem Einsatz für den Erhalt der Selbstständigkeit der Gemeinde und andererseits mit dem gleichen Einsatz zu kämpfen, um im Falle einer Eingemeindung das Beste für den Ort herauszuholen.“ Aus den Erfahrungen mit der Umgestaltung der Landkreise hatte man indes gelernt, dass die Landesregierung ihr Reformvorhaben konsequent durchziehen werde.

1973 ist klar, dass die Eingemeindungen kommen

„Und nach dem Verlust, den Leonberg durch den Wegfall des Landkreises erlitten hatte, bot die Eingemeindung eine Vielzahl an Entwicklungsmöglichkeiten, denn es wurden drei intakte Gemeinden mit einem verantwortungsvollen Personal übernommen“, blickt Wolfgang Rückert zurück. Heinz Schultheiß formuliert es so: „Ich hätte weggehen können und anderswo neu anfangen, aber ich fühlte mich Höfingen so verpflichtet, dass es für mich selbstverständlich war, mich in der Gesamtstadt einzubringen .“

Spätestens 1973 war allen klar, dass es auf Eingemeindungen hinauslaufen werde. In allen drei Gemeinden, die zu Leonberg fallen sollten, vertraten die Gemeinderäte die Position, dass eine Eingemeindung nicht erwünscht sei. Beispielhaft dafür ist ein Auszug aus dem Protokoll des Gemeinderates Gebersheim, das ähnlich auch in Höfingen und Warmbronn zu lesen ist: „Die Gemeinde Gebersheim ist der Ansicht, dass sie ihre Selbstständigkeit erhalten muss, da auf diese Weise die Bedürfnisse der hier lebenden Bevölkerung am besten befriedigt werden .“

Bürgerstimmen wurden nicht ernst genommen

Lediglich ein Anstrich von Demokratie war die den Gemeinden eingeräumte Bürgeranhörung. Doch ernst genommen wurde die in Stuttgart nicht. Nach einer Bürgerversammlung am 11. Januar 1974 sollten die Wahlberechtigten in Höfingen (2999) darüber abstimmen, ob sie für eine Vereinigung der Gemeinde gemeinsam mit Gebersheim, Warmbronn und Leonberg zu einer neuen Stadt Leonberg seien. Knapp 60 Prozent gaben ihre Stimme ab. Von diesen 1678 sprachen sich lediglich 93 für eine Vereinigung aus. Doch dieses deutliche Bürgervotum wurde bereits am 28. Februar obsolet, als der Landtag das Gemeindereformgesetz in erster Lesung beschloss.

Kaum anders lief es in Warmbronn ab. Bei der Bürgeranhörung am 20. Januar 1974 machten nur 58,5 Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch - 92,3 Prozent davon stimmten gegen die Eingemeindung. Es ist heute schwer nachvollziehbar, weshalb so viele Einwohner der Abstimmung fernblieben. Sicher identifizierten sich zahlreiche Neubürger noch nicht so richtig mit dem Ort.

Noch deutlicher zeigten es die Gebersheimer, was sie von der Bürgeranhörung hielten. Gerade mal 18 Prozent n gaben eine Stimme ab. „Gemeinderat, Verwaltung und die Bürger wussten, dass wir nicht darum herumkommen werden“, erinnert sich der damalige Bürgermeister Eberhard Heckeler. „An dem Wahlsonntag saßen wir die meiste Zeit im Wahllokal und spielten Karten.“

In einem Beitrag in der Leonberger Kreiszeitung nach dem Wahlgang hatte Heckeler diesen Wahlausgang nicht als Resignation oder Desinteresse, sondern als „Fußtritt gegen das Verfahren“ gewertet.

...Gebersheim offiziell nach Leonberg eingemeindet. Foto: Simon Granville

Doch allen war klar, dass es kein Zurück mehr geben kann und so nahmen die Verhandlungskommissionen unter dem Vorsitz der Bürgermeister Heinz Schultheiß (Höfingen), Eberhard Heckeler (Gebersheim) und Volker Schad (Warmbronn) die Gespräche auf. Die Verhandlungskommission von Leonberg leitete Oberbürgermeister Dieter Ortlieb. Mit einem potenten Gewerbesteuerzahler – der prosperierenden und innovativen Leonberger Bausparkasse – in der Rückhand, war der Jurist und gewiefte Taktiker Ortlieb überzeugt, die Forderungen der künftigen Teilorte umsetzen zu können.

Für den 27. Juni 1974 war die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen Leonberg, Höfingen, Gebersheim und Warmbronn anberaumt. Der Akt fand ohne Gebersheim statt, das im letzten Moment einen Rückzieher machte. Die Verhandlungsdelegationen hatten sich für zwei Gebersheimer Sitze im Gemeinderat durchgerungen, obwohl Gebersheim nur einer zustand. Doch der Leonberger Gemeinderat stimmte dagegen.

Der Eklat hatte dann letztlich doch einen guten Abschluss. Gebersheim durfte durfte alle Gemeinderäte in den 62 Mitglieder umfassenden Übergangsrat der Gesamtstadt entsenden und erhielt die Fusionsprämie. Alle Teilorte bekamen einen hauptamtlichen Ortsvorsteher.