Ein runder Geburtstag kann Anlass für gute Vorsätze sein. Die Sozialstation Esslingen geht zum 50-jährigen Jubiläum neue Wege. Sie möchte sich nicht mehr an den Zeitvorgaben der Kunden orientieren, sondern an den Bedürfnissen der Mitarbeitenden.
Ein paar sinnige Lebensweisheiten hängen an seiner Bürowand: „Man sollte viel öfter Mutausbrüche haben“, steht da zu lesen. Diesen Satz nimmt Geschäftsführer Johannes Sipple wörtlich. Er zeigt Mut. Denn die Sozialstation Esslingen feiert in diesem Jahr zwar ihren 50. Geburtstag, aber nur nach Feiern ist ihrem Geschäftsführer nicht zu Mute. Im Jubiläumsjahr, sagt er, werde es einen einschneidenden Paradigmenwechsel im Geschäftsgebaren geben angesichts der Lage auf dem Arbeitsmark: „Wir orientieren uns nicht mehr an den Wünschen unserer Kunden, sondern an den Bedürfnissen unserer Mitarbeitenden.“
Grund zum Feiern gibt es dennoch: Zur Jahresmitte steht eine Nutzung der ehemaligen Räumlichkeiten von Mergenthaler Blumen in der Blumenstraße 72 in Esslingen durch die Sozialstation an. Trotzdem stellt sich in diesen Zeiten aus mehreren Gründen keine Sekt- oder gar Champagnerlaune bei Johannes Sipple ein: Fachkräftemangel, fehlende Mitarbeiter, demografischer Wandel und Pflegenotstand diktieren auch in der Sozialstation Esslingen die Bedingungen.
Keine Leasingkräfte mehr
Nach den Corona-Einschränkungen sei eine Rückkehr zum Vor-Pandemie-Zustand nicht mehr möglich gewesen, berichtet der Geschäftsführer. Bevor das Virus in voller Härte zuschlug, habe sich die Sozialstation irgendwie durchgeschlagen und sei irgendwie zurechtgekommen. Bei Engpässen sei auf Leasingkräfte zurückgegriffen worden, sagt Sipple. Doch das werde nun nicht mehr gemacht. Die Zeitarbeitsfirmen würden auch durch höhere Gehälter und bessere Zahlungen Fachkräfte abwerben und damit den Personalnotstand bei kommunalen oder gemeinnützigen Trägern noch verstärken. Diese Träger müssten zudem die teureren Mitarbeiter für mehr Geld beschäftigen. Das sei auch gegenüber dem Stammpersonal nicht mehr vermittelbar. Darum sei es innerhalb der Sozialstation Konsens, dass solche Kräfte nicht mehr eingesetzt werden: „Wünschenswert wäre ein bundesweites Verbot für den Einsatz von Leasingkräften im Gesundheits- und Pflegebereich.“
Zum runden Geburtstag gibt es bei der Sozialstation Esslingen daher Geschenke für die Mitarbeitenden. Obwohl – den Begriff „Geschenk“ möchte Sipple so nicht stehen lassen: „Wir bewerben uns um unsere Mitarbeiter“, formuliert er es. Die Sozialstation orientiere sich künftig an den Bedürfnissen des Personals und nicht mehr an den Wünschen der Kunden. Wunschzeiten sind Geschichte. Medizinisch notwendige Dienstleistungen werden selbstverständlich weiterhin nach den ärztlichen Vorgaben erfüllt, betont Sipple. Aber bei pflegerischen Angeboten müssten sich die Kunden nach den Vorgaben der Sozialstation richten. Wunschtermine gebe es daher nicht mehr. „Wir wollen jedem Mitarbeitenden ein an seiner Lebenssituation ausgerichtetes flexibles Arbeitszeitmodell anbieten.“ Denn in den letzten 20 Jahren hätten über 50 Prozent der Fachkräfte bundesweit dem erlernten Beruf den Rücken gekehrt und sich umorientiert.
Es kommt voraussichtlich noch schlimmer
Die Abgewanderten zumindest teilweise zurückzugewinnen, sei ein Ziel der Sozialstation. Zumal sich der Pflegenotstand aus Sicht von Johannes Sipple noch verschlimmern werde: „Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung.“ Die geburtenstarken Jahrgänge würden nach und nach aus dem Berufsleben ausscheiden. Sie stehen damit dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung – und sie kommen selbst in ein Alter, in dem eine Pflegebedürftigkeit möglich werde: „In den nächsten zehn Jahren wird die Zahl der zu Pflegenden in Deutschland um gut 30 Prozent zunehmen.“ Fachkräfte würden dringend gebraucht – und flexiblere Arbeitszeiten seien der Dreh- und Angelpunkt für eine Attraktivitätssteigerung des Berufsfeldes.
Zur Entlastung des Personals müssten die Angehörigen in den Abendstunden und an den Wochenenden daher mehr in die Pflicht genommen werden. Möglich seien zudem nur noch Dienstleistungen, die auch bezahlt würden. Einfach mal kurz und unentgeltlich die Rollläden hochziehen, sei nicht mehr drin. Ein Sturm der Entrüstung ist deswegen bei Kunden und deren Angehörigen nicht ausgebrochen, sagt Johannes Sipple. Die meisten hätten Verständnis dafür. Letztendlich müsse diese Entwicklung akzeptiert werden, sonst stünden bald gar keine ambulanten Hilfen mehr zur Verfügung.
Gefeiert wird bei der Sozialstation dennoch. Der Termin für die Geburtstagsfete ist noch in der Schwebe: „Im Sommer“, sagt Johannes Sipple vage. Die Location stehe dagegen fest. In die durch die Geschäftsaufgabe frei gewordenen ehemaligen Räumlichkeiten von Mergenthaler Blumen in der Blumenstraße beim Ebershaldenfriedhof in Esslingen wird das Essen auf Rädern der Sozialstation einziehen. Diese neuen Räumlichkeiten seien zentraler als der bisherige Standort in der Schenkenbergstraße in Mettingen, sagt der Geschäftsführer. Im Erdgeschoss des ehemaligen Mergenthaler-Ladens wird zudem ein Ladencafé eingerichtet, in dem „jeder willkommen ist“. „Lore“ soll es heißen – zu Ehren der Mitgründerin Lore Hirrlinger. Dort soll die Geburtstagsparty für die Mitarbeitenden steigen. Denn: „Sie sind unser Kapital.“
Die Sozialstation Esslingen
Anfänge
Die Sozialstation Esslingen wurde 1973 im Rahmen einer Projektförderung des Landes Baden-Württemberg gegründet. 1994 kam das Essen auf Rädern hinzu, und 1997 übernahm die Sozialstation die ambulante Pflege und das Fachpersonal von sieben der acht örtlichen Krankenpflegevereine. 2004 wurde der Pflegenotruf in das Angebotsportfolio integriert.
Sozialstation
Die Sozialstation Esslingen beschäftigt als überkonfessionelle, gemeinnützige Organisation laut ihrem Geschäftsführer Johannes Sipple etwa 250 Mitarbeitende, die ungefähr 1000 Kunden in der Stadt Esslingen versorgen. Angeboten werden Dienstleistungen wie Pflege, Hauswirtschaft, Betreuung, Beratungsgespräche oder Hilfe für Angehörige.
Mergenthaler
Das Ladengeschäft von Mergenthaler Blumen hatte zum Jahresende 2021 seine Pforten geschlossen. Steigende Kosten, Personalmangel, eine fehlende Nachfolgeregelung und die Coronapandemie haben laut dem Inhaber-Ehepaar zu der Geschäftsaufgabe geführt. Nun möchte die Sozialstation in den Räumlichkeiten ihr Essen auf Rädern anbieten und ein Ladencafé eröffnen.