„Völlig illusorische Idee“ oder „passend zu Stuttgarts Image“? Zwei Experten bewerten die Idee des 470.000 Euro teuren Stadt-Signs unterschiedlich.
470.000 Euro? Als Gernot Grundey von der Summe hörte, die im jüngst verabschiedeten Doppelhaushalt der Stadt für ein Stuttgart-Sign eingestellt ist, habe er sich erst einmal setzen müssen. Grundey ist Geschäftsführer der Firma Duktus in Zuffenhausen, die auf solche übergroßen Schriftzüge spezialisiert ist. „Natürlich ist der Preis für so ein Sign nach oben offen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie so eine Summe zustande kommen soll“, sagt Grundey. Selbst wenn man sämtliche Kosten drumherum für Planung und Installation hineinrechne.
Seit 12 Jahren fertigen Grundeys Mitarbeiter in Zuffenhausen Stadt-Schriftzüge für Kommunen in ganz Deutschland, etwa zehn pro Jahr. Das Sindelfinger Exemplar beispielsweise stammt von ihnen und jenes in Nagold. Aber auch in Heiligenhafen, Rostock oder Fulda leuchten Buchstaben aus der Duktus-Werkstatt. Eine Rechnung über fast eine halbe Million hat der Geschäftsführer noch nie ausgestellt.
Seine Objekte, meist aus Kunststoff gefertigt und mit Styropor gefüllt, gibt es ab 12.000 Euro für die unbeleuchtete Variante. Häufig kosteten die Exemplare um die 20.000 Euro. „Sehr selten werden es mehr als 50.000 Euro, sagt Grundey. Der Preis hänge davon ab, ob das Modell von innen heraus leuchten soll, eine Konturbeleuchtung hat oder, etwa mit Bodenflutern, indirekt beleuchtet wird.
Stuttgart-Sign soll unterschiedlich leuchten können
Nun schwebt der antragstellenden CDU-Fraktion für Stuttgart allerdings Aufwändigeres vor, wie der Fraktionsvorsitzender Alexander Kotz unserer Zeitung erklärte. Nach seinen Vorstellungen soll das Sign „personenhoch“ und „möglichst mit kompletter LED-Technik ausgestattet sein“, sodass es in unterschiedlichen Farben leuchten, man darauf auch Grafiken und Videos darstellen kann.
„So könnte der Schriftzug zum Tag der Deutschen Einheit mit bewegten Schwarz-rot-gold-Farben leuchten, zum CSD in Regenbogenfarben oder auch mit der skizzierten Skyline von Stuttgart“, sagt Kotz. Als Standort ist der Marktplatz, vor dem linken Flügel des Rathauses, in der Nähe des neuen Haus’ des Tourismus angedacht.
Aber selbst für ein solches Exemplar hält Grundey den Betrag für zu hoch gegriffen. Soll die Oberfläche der Buchstaben wie ein riesiger Screen funktionieren, müssten dafür passgenaue LED-Panels angefertigt werden, sagt er. Aber mehr als 200 000 Euro Kosten sieht er hier nicht zusammen kommen. Wobei für ihn die Frage ist, ob es überhaupt ein solch High-End-Produkt für Stuttgart braucht. „Je mehr Technik darin steckt, umso empfindlicher werden die Anlagen, umso wartungsintensiver sind sie.“ Grundey würde der Stadt ein indirekt beleuchtetes Modell empfehlen, temporär ließen sich darauf auch von außen Motive projizieren. Die jetzige Idee hält er für „völlig illusorisch“.
Stephan Bingemer, Professor für Zukunft und Technologie des Tourismus an der Hochschule Heilbronn, hingegen, ist der Idee eines spektakulären Stuttgart-Schriftzugs nicht abgeneigt, nach dem Motto „klotzen statt kleckern“. – „Wenn man sich als Landeshauptstadt für ein Sign entscheidet, sollte es auch etwas Außergewöhnliches sein, sonst kann man es gleich lassen“, sagt er. Der aufgerufene Preis stört ihn dabei aus tourismustheoretischer Sicht nicht. Für andere Marketingmaßnahmen – etwa eine Olympiabewerbung – würden sehr viel höhere Summen aufgerufen, sagt Bingemer.
Ein technisch ausgefeiltes Objekt passe außerdem zum Image Stuttgarts als Standort für Ingenieurs- und Hochtechnologiekunst. Wobei er beim Stichwort Image schon beim Grundsätzlichen zu dem Thema angelangt ist.
Sign muss mit Geschichte verbunden sein
Ein solches Stadt-Signet sollte nämlich niemals allein stehen, sondern eingebunden sein in ein ein Stadtmarketing- und Tourismuskonzept, das ein bestimmtes Bild, eine Geschichte der Kommune transportiere . „Einfach nur Stadt-Lettern hinstellen und sonst nichts tun, funktioniert nicht“, sagt Bingemer. Als Beispiel nennt er den berühmten Hollywood-Schriftzug. Der funktioniere als millionenfach abgelichtetes Fotomotiv deshalb so gut, weil die ganze schillernde Aura des Filmstandorts damit verknüpft sei. Neben dem Schriftzug müsse es also entsprechende Kampagnen und Veranstaltungen geben, die Stuttgart als lohnenswertes Ziel in den Köpfen von potenziellen Besuchern verankerten. Hier habe die Stadt insbesondere Potenzial im Individualtourismus, da solche Signs für Geschäftsreisende und Messebesucher weniger relevant sind, sagt Bingemer.
Der Experte warnt allerdings davor, mit dem Stuttgart-Sign falsche Erwartungen zu verknüpfen. „Ein Schriftzug bringt nicht von selbst mehr Touristen nach Stuttgart“, sagt Bingemer. Zumindest gebe es keine verlässlichen Studien dazu. Der Schriftzug sei eher als Mittel zu sehen, in den sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erzeugen, indem Fotos davon geteilt werden. Durchaus sei er auch ein Identifikationsobjekt für die Bürgerinnen und Bürger. Je origineller, künstlerischer und ausgefeilter das Sign sei, umso größer die Chance, dass die Stuttgarter es als Teil ihrer Stadtkultur begreifen.
Amsterdam-Sign wird wieder abgebaut
Eine Erfahrung, die auch Gernot Grundey in seiner praktischen Arbeit gemacht hat. Die Stadt-Symbole würden überall gut aufgenommen, sagt er, gerieten zu Treffpunkten der Einheimischen, vor allem, wenn sie Sitzgelegenheiten integrierten. Graffiti oder Vandalismus seien sehr selten, sagt Grundey. „Es passiert eher etwas aus Versehen, wenn zum Beispiel eine 15-köpfige Gruppe eines Junggesellenabschieds drauf klettert.“
Dass ein Erfolg manchmal aber auch das Ende eines solchen Objekts bedeuten kann, macht das Beispiel Amsterdam deutlich. Dort entwickelte sich das „I amsterdam“-Logo zu einem solchen Besuchermagneten, dass der Platz ständig überfüllt war und es 2018 abgebaut wurde. „Ein Sign kann Besucherströme lenken und auf einen bestimmten Ort konzentrieren. Damit kann es aber auch Menschen von anderen Attraktionen der Stadt abziehen“, sagt Stephan Bingemer.
Die Abstimmung
Doppelhaushalt 2026/27
In der Sitzung zur Verabschiedung des Doppelhaushalts am 19. Dezember 2025 stimmte laut Stadt eine knappe Ratsmehrheit samt Oberbürgermeister für das Stuttgart-Sign: 30 Stimmen gab es dafür, 27 dagegen, 3 Gemeinderatsmitglieder enthielten sich. Dafür stimmten Grüne, CDU, Frank Nopper und zwei Mitglieder der Freien Wähler. Dagegen stimmten SPD/Volt, Linksbündnis, FDP, AfD, Gruppe Puls sowie der Einzelstadtrat Thomas Rosspacher. Drei Räte der Freien Wähler enthielten sich.
Diskussion
Bereits im Vorfeld, aber auch seither, wird diskutiert, ob so eine Ausgabe in Zeiten knapper Haushaltskassen sinnvoll und vermittelbar sei. Zumal es in Stuttgart bereits auf der Königstraße und vor dem Stadtpalais Stadtschriftzüge gibt, allerdings in kleinerer Variante als der jetzt anvisierten.